{"id":1058,"date":"2008-07-01T09:08:45","date_gmt":"2008-07-01T08:08:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=1058"},"modified":"2008-07-01T09:08:45","modified_gmt":"2008-07-01T08:08:45","slug":"die-faden-ferdinands","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=1058","title":{"rendered":"\/\/ die f\u00e4den ferdinands"},"content":{"rendered":"<p>Eines Tages beschloss Ferdinand, der immer schon unter schlimmen Verlust\u00e4ngsten gelitten hatte, einen Faden zu nehmen und sein Haus an seinen linken Fu\u00df zu binden. Er nahm eine lange Kordel, kn\u00fcpfte das eine Ende an den T\u00fcrknauf und das andere um das Fu\u00dfgelenk, stopfte den dazwischen liegenden Teil des Bindfadens in eine gewaltige Tasche und sp\u00fcrte, dass die Welt f\u00fcr ihn ein ganzes St\u00fcck sicherer geworden war.<br \/>\nSeine Umgebung reagierte auf dieses Verhalten<!--more--> mit gro\u00dfem Befremden; was die Leute nicht wussten, aber  auf Nachfrage bereitwillig erl\u00e4utert bekamen, war, dass Ferdinand in seiner Kindheit ein Trauma erlitten hatte. Als er just in dem Augenblicke, in dem nur siebeneinhalb Meter von ihm entfernt ein Lastwagenfahrer die Kontrolle \u00fcber sein monstr\u00f6ses Gef\u00e4hrt verloren und eine auf dem Weg zum Schwimmunterricht befindliche Schulklasse unter sich zermalmt hatte, feststellte, dass ihm wohl w\u00e4hrend eines sitzend verbrachten Aufenthaltes in der Stra\u00dfenbahn der Haust\u00fcrschl\u00fcssel aus der Tasche gerutscht und f\u00fcr immer verloren gegangen war.<br \/>\nZwar erkannte auch Ferdinand, dass man von dem zeitlichen Zusammenhang zwischen den beiden Ereignissen nicht ohne weiteres auf einen solchen kausaler Natur schlie\u00dfen konnte; dennoch qu\u00e4lte ihn seitdem die Angst, dass das Schicksal aus einer grausamen Laune heraus das geringe Ungl\u00fcck eines materiellen Verlustes fortan stets mit dem Tode unschuldiger Kinder garnieren k\u00f6nne.<\/p>\n<p>So also war sein Haus zu der Ehre gekommen und die anderen Dorfbewohner gew\u00f6hnten sich daran. Monate verstrichen, in denen nichts verloren ging, da sagte pl\u00f6tzlich Anna, seine Frau: \u201eIch m\u00f6chte doch gerne einmal wissen, wie die Welt aussieht dort drau\u00dfen jenseits unsres Dorfes.\u201c<br \/>\nUnd Ferdinand sagte: \u201eAber es f\u00fchrt nur eine Stra\u00dfe hinaus, diese geht ins Nachbardorf und dort bist du schon gewesen.\u201c<br \/>\nDoch Anna antwortete: \u201eStra\u00dfen sind auch nur lang gezogene Pl\u00e4tze; in welche Richtung ich mich auf ihnen bewege, entscheide ich immer noch selbst!\u201c<br \/>\nDas leuchtete Ferdinand ein, doch er f\u00fcrchtete, dass ihr dort, wo ihre F\u00fc\u00dfe sie hinf\u00fchren w\u00fcrden, etwas Schlimmes zusto\u00dfen, sie gewisserma\u00dfen verloren gehen und damit die Gelegenheit f\u00fcr ein ungeheures Ungl\u00fcck schaffen k\u00f6nne. So bat er Anna zu bleiben, und als sie sich weigerte, verlieh er seiner Bitte Nachdruck und kn\u00fcpfte auch sie mit einer Kordel an seinen Leib.<\/p>\n<p>Anna war, was nur wenige \u00fcberraschte, alles andere als erfreut. Sie f\u00fchlte sich reduziert und mochte von Ferdinand nicht genau so behandelt werden wie sein zwar sch\u00f6nes, deshalb aber nicht weniger gegenst\u00e4ndliches Haus. Trotzdem lie\u00df sie es sich in ihrer noch immer \u00fcberw\u00e4ltigenden Liebe zu ihm gefallen. Erst als Ferdinand, der Schriftsteller war und sein Leben mit nichts anderem als den Erzeugnissen seiner Schreibmaschine bestritt, auch diese mit einem Faden an sich band und dasselbe schlie\u00dflich auch mit den Mitgliedern seiner Skatrunde tat, beschloss sie \u00fcber Nacht, ihren Faden kurzerhand zu durchschneiden und ihm einfach davonzulaufen.<\/p>\n<p>Ferdinand war ganz betr\u00fcbt und lief hinterher, doch weiter als zur Dorfgrenze kam er nicht; zu tr\u00e4ge waren die Skatbr\u00fcder, zu schwer die Schreibmaschine und zu fest verankert mit dem Boden das Haus, an das er sich einst aus gutem Grunde gebunden hatte. So lie\u00df er schlie\u00dflich von der Verfolgung ab und trollte sich weinend zur\u00fcck ins Heim.<\/p>\n<p>Doch den wirklichen Verlust erkannte Ferdinand erst, als er wieder im Hause war. Denn seine Schere, stellte er dort fest, die hatte Anna gleich mitgenommen.<\/p>\n<p>\/\/ von dirk b\u00f6hler<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eines Tages beschloss Ferdinand, der immer schon unter schlimmen Verlust\u00e4ngsten gelitten hatte, einen Faden zu nehmen und sein Haus an seinen linken Fu\u00df zu binden. 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