{"id":1090,"date":"2008-07-01T09:09:33","date_gmt":"2008-07-01T08:09:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=1090"},"modified":"2008-07-01T09:09:33","modified_gmt":"2008-07-01T08:09:33","slug":"kuriositatenkabinett","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=1090","title":{"rendered":"\/\/ kuriosit\u00e4tenkabinett"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2008\/06\/kuriositatenkabinett.jpg\" alt=\"kuriositatenkabinett.jpg\" \/><\/p>\n<p>[Falls \u00c4hnlichkeiten mit real existierenden Fernsehsendungen in dieser fiktiven Geschichte auftauchen sollten, so sind diese nicht beabsichtigt!]<\/p>\n<p>Ein Pinsel wischte schnell \u00fcber sein bleiches Gesicht. Es war ein wenig teigig. Er hatte kleine, schwarze K\u00e4feraugen, die nerv\u00f6s zuckten. Ein d\u00fcnner Schnurrbart sa\u00df \u00fcber seinen breiten Lippen. Jetzt g\u00e4hnte er, riss sein Maul auf. Drinnen konnte jeder die schweren Hauer sehen. Der Mann war klein und neigte zur F\u00fclle. Weil er etwas kurz geraten war und leicht \u00fcbersehen werden konnte, zog er oft H\u00fcte auf. Er war Fernsehmoderator. Klein, aber mit einem gewaltigen Mundwerk. Er blickte zur Uhr. Sie lief r\u00fcckw\u00e4rts. \u201eNoch drei Minuten! <!--more-->Dann gehen wir auf Sendung!\u201c pl\u00e4rrte eine Stimme. Um ihn herum wuselte allerlei Viehzeug. Assistenten und Praktikantinnen. Gerade verkabelte ihn jemand. \u201eJuli, niemals Julian! Vergessen Sie das blo\u00df nicht!\u201c zwitscherte es. \u201eWie war noch einmal der Name dieser Stoffwechselkrankheit?\u201c fragte er zerstreut in das Menschengewimmel. \u201eSendung!\u201c br\u00fcllte jemand. Er stie\u00df eine Regieassistentin von sich und galoppierte auf die B\u00fchne. Rumms! Da war er.<br \/>\n\u201eWundersch\u00f6nen Tag!\u201c tr\u00e4llerte er ins Publikum. Es wurde geklatscht. \u201eIch freue mich, Sie zu einer neuen Folge Veritas-TV begr\u00fc\u00dfen zu d\u00fcrfen.\u201c Er verlor sich im Labyrinth der Witze und das Publikum kugelte sich am Boden. Er zwirbelte kichernd seinen Schnurrbart und leitete zum ersten Thema der Sendung \u00fcber. Ein netter Beitrag, dachte er sich. R\u00fchrselig.<br \/>\n\u201eVor zwei Jahren besuchte unser Reporter ein quirliges M\u00e4dchen. Juli.\u201c Er sp\u00fcrte, dass das Publikum angespannt zuh\u00f6rte. Sie lauschten mit offenen M\u00fcndern und Ohren. \u201eJuli ist aber kein normales M\u00e4dchen!\u201c Das Publikum quiekte. So sehr hatte er es erschreckt. \u201eJuli wurde im K\u00f6rper eines Jungen geboren, Julian. Wir haben sie wieder besucht und geschaut, wie es ihr heute geht.\u201c Das Publikum begann exaltiert zu klatschen. Der Beitrag wurde \u00fcber zwei gro\u00dfe Bildschirme gesendet. Alle beugten sich weit nach vorne, um nichts von dem Film zu verpassen. Schlie\u00dflich hatten sie f\u00fcr den Spa\u00df Geld bezahlt!<br \/>\nEin schmales M\u00e4dchen mit breiten Wangenknochen l\u00e4chelt in die Kamera. Vorsichtig. Eine Stimme kommt aus dem Off. \u201eDas ist Juli. Sie wurde als Julian geboren. [&#8230;] Schon als kleines Kind wollte Julian keine Jungenkleidung tragen. Er hat Kleider und Schminke bevorzugt wie seine drei \u00e4lteren Schwestern.\u201c Es werden Kinderfotos eingeblendet. Man sieht einen kleinen Jungen mit Fu\u00dfballschuhen und Lippenstift. Julian im Sommerkleid. Mit Ohrringen. Schnitt. Kamerazoom zu einem Haus am Fluss. Ein b\u00e4rtiger Bio-onkel unter Apfelb\u00e4umen. Milder Blick. Es wird eingeblendet: Heinz, Julis Vater. Er sagt langsam: \u201eIrgendwann ging das nicht mehr. Ich konnte ihren Willen nicht unterdr\u00fccken. Sie ist ein M\u00e4dchen. Auch wenn da etwas mit dem K\u00f6rper schief gegangen ist.\u201c Er knetet seine H\u00e4nde. Schnitt. Juli mit seidenen, langen Haar steht vor dem Spiegel und schminkt sich. Ein nettes M\u00e4dchen. Vielleicht ein wenig sch\u00fcchtern. Normal. Nur die Hose sitzt komisch. Sie erkl\u00e4rt mit belegter Stimme: \u201eIch bin kein Junge. Ich hasse Autos. Ich hab mich noch nie mit jemandem gepr\u00fcgelt. Und M\u00e4dchen k\u00fcssen find ich eklig. [&#8230;] Irgendwann bin ich mit meinen Eltern zu einem Kinderpsycho gegangen. Der hat dann \u00b4ne Hormontherapie vorgeschlagen. Das ist alles in Deutschland ganz gut kompliziert. Weil es da so komische Gesetze gibt. Aber wir haben das geschafft.\u201c Sie schn\u00e4uzt sich die Nase. Schnitt. Der behandelnde Arzt erscheint im Bild. \u201eDas Wichtigste war, dass ich feststelle, ob da wirklich in seinem K\u00f6rper eine M\u00e4dchenseele steckt. Nach vielen Gespr\u00e4chen war ich \u00fcberzeugt und bin es auch noch immer. Ganz fest! Er ist ein M\u00e4dchen und leidet schrecklich. Obwohl man da viele H\u00fcrden nehmen muss, haben wir die Hormontherapie beginnen k\u00f6nnen.\u201c Er l\u00e4chelt zufrieden in sich hinein. Schnitt. Juli und ihr Vater beim Kinderpsychologen. Der Arzt fragt sie: \u201eUnd wie geht es dir denn so mit den Hormonen? Wie f\u00fchlst du dich?\u201c \u201eKlasse,\u201c meint sie und steckt eine gr\u00fcn gef\u00e4rbte Haarstr\u00e4hne hinters Ohr. Am Anfang der Sendung hat sie erz\u00e4hlt, dass sie Popstar werden will. Wieder ein Schnitt. Juli sitzt auf einer Schaukel. Sie schwingt durch die Luft. Dann h\u00e4lt sie an. Die Kamera zoomt auf sie zu. Vertr\u00e4umt fl\u00fcstert sie: \u201eIch will endlich operiert werden. Der Schwanz macht mich verr\u00fcckt!\u201c<br \/>\nDer Beitrag war zu Ende. Der Moderator hatte es sich in einem wei\u00dfen Sessel gem\u00fctlich gemacht. Seine dicken, kleinen Beinchen waren \u00fcberschlagen. Links und rechts von ihm sa\u00dfen Juli und ihr Vater, sie in einem roten, er ebenso wie der Moderator in einem wei\u00dfen Sessel.<br \/>\n\u201eJuli,\u201c plapperte der Moderator fidel. \u201eIch freu mich, dass du kommen konntest.\u201c Er machte eine Pause und \u00fcberlegte kurz. Er glaubte zu sp\u00fcren, dass das Publikum aufgeregt den Atem anhielt. \u201eWei\u00dft du, was ich super toll finde \u2013 was ich selbst gar nicht so k\u00f6nnte -, das ist, wie du so ganz locker, lalala, mit deiner &#8230;.. Krankheit umgehst.\u201c Manche im Publikum hatten vergessen den Mund zu schlie\u00dfen. Sie starrten gebannt auf das schmale M\u00e4dchen. Juli scharrte mit den F\u00fc\u00dfen am Boden. Der Vater schwitzte. Es herrschte eine peinliche Stille. Sie wollte wohl nicht antworten. Der Moderator lachte ein bisschen verlegen. Zwirbelte sein Schnurrb\u00e4rtchen. Stellte schnell eine andere Frage. \u201eJuli, was machst du gerne, wenn du Zeit hast?\u201c \u201eShoppen mit meiner Mami,\u201c rief sie wie aus der Pistole. \u201eWirst du eigentlich wegen deinem Anderssein diskriminiert oder sp\u00fcren das die Leute gar nicht?\u201c Juli schluckte. Antwortete. Kaum war ihre Antwort zu Ende, war dem Moderator schon wieder eine neue Frage eingefallen. Er sprudelte wie eine gesch\u00fcttelte Champagnerflasche. Das Publikum verfolgte jede von Julis Bewegungen. Betrachtete ihren K\u00f6rper. Wie sie mit d\u00fcnnem Stimmchen antwortete. Man war begeistert. Zum Schluss w\u00fcnschte der Moderator Juli viel Gl\u00fcck, dass sie bald operiert werden k\u00f6nne. Unter brausendem Applaus verlie\u00df sie mit ihrem Vater die B\u00fchne. Der Moderator \u00fcberbr\u00fcckte die Zeit mit einigen Witzen. Dann kam schon der n\u00e4chste Beitrag. Nun ging es \u00fcber eine seltene Stoffwechselkrankheit. Die Kinder, die mit dieser Krankheit geboren werden, altern sechsmal so schnell wie normale Menschen. Mit zehn Jahren leiden sie unter R\u00fcckenproblemen und Blasenschw\u00e4che. Faszinierend. Diesmal ging es um einen kleinen Jungen aus den USA, der mit dieser Krankheit geboren worden war. Es wurde ein Beitrag gesendet. Anschlie\u00dfend wurde das Greisenkind wie ein kleines H\u00fcndchen von seiner Mutter auf die B\u00fchne gef\u00fchrt. Eine imposante, schicke Dame, sichtlich stolz auf ihr Kind. Sie st\u00fctzte den schwachen Jungen. Er hatte ein eingegipstes Bein. Weil alte Knochen schnell brechen. Besonders beim Spielen. Das Kind l\u00e4chelte sch\u00fcchtern. Ger\u00fchrt trocknete sich das Publikum die Augen. Es applaudierte. Stand auf. Klatschte die ganze Zeit im Rhythmus. Es feuerte den kleinen Alten an, es bis zum Sessel zu schaffen. Das alte Kind kicherte aufgeregt und presste seine Lippen angestrengt aufeinander. Endlich sank es in seinen roten Sessel. Der Moderator begr\u00fc\u00dfte es \u00fcberschw\u00e4nglich. Ein kleines M\u00e4dchen brachte dem Greisenkind einen Blumenstrau\u00df, machte einen Knicks und verschwand schnell wieder. Das alte Kind roch an den frischen Blumen. Es nieste. Sein Gesicht verknitterte sich noch mehr. Es sah aus wie das einer Puppe aus Pappmach\u00e9. Dann erhob sich das Kind langsam aus seinem Sessel und lispelte leise, wobei jeder im Publikum sehen konnte, dass es schon die Dritten hatte: \u201eDanke.\u201c<br \/>\n\/\/ von johanna schricker<br \/>\n\/\/ illustrationen von tom w\u00fcrzburg<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>[Falls \u00c4hnlichkeiten mit real existierenden Fernsehsendungen in dieser fiktiven Geschichte auftauchen sollten, so sind diese nicht beabsichtigt!] Ein Pinsel wischte schnell \u00fcber sein bleiches Gesicht. Es war ein wenig teigig. Er hatte kleine, schwarze K\u00e4feraugen, die nerv\u00f6s zuckten. 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