{"id":1505,"date":"2008-09-20T09:33:32","date_gmt":"2008-09-20T08:33:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=1505"},"modified":"2008-09-22T12:40:08","modified_gmt":"2008-09-22T11:40:08","slug":"die-uhr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=1505","title":{"rendered":"\/\/ die uhr"},"content":{"rendered":"<p>Zum ersten Mal fiel es ihm auf, da sa\u00df er gerade am K\u00fcchentisch. Die WG war verlassen, er allein, die anderen vier im Urlaub am Gardasee, daheim am elterlichen Herd, mit der Familie des Freundes im Hartz oder irgendwo anders, ohne Nachricht hinterlassen zu haben. Mitte September war es noch zu fr\u00fch, um wegen mangelnden Lernaufwands ein schlechtes Gewissen zu haben; global gesehen zumindest, nur halt vier Uhr mittags war es schon (egal). Es gab also nichts, nichts, nichts zu tun. So also sa\u00df er da, Knut, mit dem rechten Arm auf der Tischplatte, und mit dem linken auf der Lehne und einer Zigarette in der Hand. Sein Blick schweifte leer durch den Raum \u00fcber den K\u00fchlschrank, die Wanduhr, die Wohnungst\u00fcr. Nur den Herd sah er nicht. Und wof\u00fcr, dachte er. Und wof\u00fcr? F\u00fcr den Sex. <!--more-->Einige Stunden sp\u00e4ter sa\u00df er am Main, alte Freunde links, alte Freunde rechts. Bocksbeutel vor ihm, Radio neben ihm, schr\u00e4g gegen\u00fcber der einzige Single im Kreis. Zwischendurch verteilt die jeweiligen derzeitigen Freundinnen. Die Sonne lag tief \u00fcber der Festung, und lang wurden die Schatten, die sie warf. \u201eIn vier Stunden haben wir Einj\u00e4hriges\u201c, jubilierte Uschi. \u201eWei\u00dft du nicht, dass es mir weh tut, wenn du mich nicht sehen willst?\u201c, schrieb per SMS Knuts Freundin. Weiter, anklagend: \u201eSind dir deine \/\/ die uhr Freunde wichtiger als ich?\u201c \u201eSoso\u201c, sagte Knut, und schaute auf seinen Schatten. Uschi war Christians dritte Frau in diesem Jahr, und zwar die erste. Nur, wie sie nicht wissen durfte, nicht die letzte. Sie grinste, und Christian tat es ihr d\u00fcmmlich gleich. Wie verdammt lang mein Schatten ist, dachte Knut dabei. Nicht l\u00e4nger als Christians, doch er springt locker dar\u00fcber. Warum kann ich das nicht? \u201eNa, dann auf die Ewigkeit\u201c, sagte er, und stie\u00df mit allen an, zuvorderst mit Uschi und ihrem geduldigen Liebhaber. Als Knut nach Hause kam, war er betrunken. Der Weg war alles andere als leicht gewesen, hatte er doch sein Fahrrad man\u00f6vrieren und gleichzeitig den Freunden in Gr\u00fcn ausweichen m\u00fcssen, die, wie man wei\u00df, h\u00e4ufige G\u00e4ste auf W\u00fcrzburgs Stra\u00dfen sind. Es hingen einige Zweige in den Speichen des Rades vom erschrockenen in-die- B\u00fcsche-schmei\u00dfen, doch insgesamt ging es dem Fahrrad und seinem Fahrer gut. Nur wenig war die Welt am Wanken. Am Schreibtisch neben dem Bett begann er, Knut, mit dem Finger wirres Zeug auf die schwarze Platte zu schreiben. Sein Thema war ein Kreis, mannigfaltig darnieder gekritzelt zu hunderten von Kringeln. \u201eAch, die Liebe\u201c, dachte er dabei. \u201eWie f\u00fchlt die sich blo\u00df an?\u201c Und nach wenigen Minuten des Nachdenkens leckte er sich tatenfreudig die Lippen. Er nahm einen Bleistift zur Hand und ein Blatt, und dann schrieb er darauf alles, was er zum Thema Liebe wusste. Tolle Metaphern, allesamt gestohlen von gro\u00dfen Dichtern, wechselten sich ab mit gewaltsamen Eruptionen seines eigenen Herzens. Erotik und Romantik schwammen ineinander \u00fcber, und jede junge Frau h\u00e4tte dahin schmelzen m\u00fcssen, w\u00e4ren blo\u00df die Worte an sie gerichtet gewesen. Doch das alles, es half nichts. Denn als der Brief fertig war \u2013 ein seines gleichen suchendes Kunstwerk romantischer Vollkommenheit mit der Bef\u00e4higung, selbst Prinzessinen ihrer Familie abspenstig zu machen und einem armen Leutnant zuzuf\u00fchren \u2013 landete selbst dieser schlussendlich in der dunklen Schublade unsres tragischen Helden, und er sollte niemals wieder das Tageslicht erblicken. Denn die im Briefe Angebetene war nicht etwa seine Freundin gewesen, ja nicht einmal ein anderer Mensch von Fleisch und Blut. Sie war ein austauschbarer Name aus Graphit, nichts weiter als ein abstrakter Gedanke. Sie war Knuts, des Romantikers Vorstellung von der Unerreichbaren, die es ja doch nicht gab, auf die er aber immer warten w\u00fcrde sein Leben lang. Er dachte sich pragmatisch: Wenn sie kommt, radiere ich den Namen aus und schreibe den ihren hin. Die Uhr in der K\u00fcche, wir erw\u00e4hnten sie vorher, sie tickte derweil friedlich weiter, ton f\u00fcr ton f\u00fcr ton.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum ersten Mal fiel es ihm auf, da sa\u00df er gerade am K\u00fcchentisch. Die WG war verlassen, er allein, die anderen vier im Urlaub am Gardasee, daheim am elterlichen Herd, mit der Familie des Freundes im Hartz oder irgendwo anders, ohne Nachricht hinterlassen zu haben. 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