{"id":2813,"date":"2009-02-27T17:42:41","date_gmt":"2009-02-27T16:42:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=2813"},"modified":"2009-02-27T17:42:41","modified_gmt":"2009-02-27T16:42:41","slug":"eine-arme-studentin-berichtet-oder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=2813","title":{"rendered":"\/\/ eine arme studentin berichtet oder.."},"content":{"rendered":"<p><strong>HURRA WIR LEBEN NOCH!<\/strong><\/p>\n<p>Montag 10 Uhr am Bl\u00fcmchensofa.<br \/>\n<strong>7<\/strong> Euro. Studie \u201eAmeise\u201c.<br \/>\nEbay: Dunkle Jeans 13:34 Uhr zu Ende, mindestens <strong>12<\/strong> Euro.<br \/>\nAmazon: alte B\u00fccher vom letzten Seminar, auch mindestens<strong> 25<\/strong> Euro.<br \/>\nMittwoch 10 Uhr zwei Stunden Putzen bei Herr M., macht<strong> 19<\/strong> Euro.<br \/>\nSo sah meine Finanzplanung der vorletzten Februarwoche aus.<br \/>\nDas w\u00e4ren erreichbare <strong>63<\/strong> Euro oder vermeintliche<strong> 26 <\/strong>Euro. Ebay und Amazon sind nicht wirklich verl\u00e4sslich, wenn der K\u00fcchenschrank als warme Malzeit nur noch Zutaten f\u00fcr Reis mit Maggie Tomatensuppe a la Toscana hergibt. <!--more--><br \/>\nSiri kann ich nicht schon wieder fragen \u2013 sie ist selber knapp dran diesen Monat, nach dem sie sich ihren BMW-Traum erf\u00fcllt hat, gibt es kein anderes Thema mehr als g\u00fcnstige Mopedversicherungen und wie sch\u00f6n wenn bald Sommer w\u00e4re, vor allem, wenn man den Fahrtwind dann auf der Haut sp\u00fcrt. Ganz verbunden mit Stra\u00dfe und Natur \u2013 das Gef\u00fchl kann laut Siri nur ein Moped vermitteln. Veronika, die mich schon oft an der Kupschkasse gerettet hat ist nach Wien ausgewandert. <em>Und sonst?!<\/em> Alle anderen Bekannten m\u00f6chte ich an diesem Desaster nicht teilhaben lassen \u2013 nur unn\u00f6tig peinliche Fragen w\u00fcrde das aufwirbeln. Meine Eltern kann ich auf keinen Fall anrufen. Sie bezahlen schon die Miete f\u00fcr meine kleine Bude und w\u00fcrden das nur als Einladung zu einem moralischen Krisengespr\u00e4ch auffassen. Was k\u00f6nnte ich noch verkaufen? Was hat einen Wert?<br \/>\nMein B\u00fccherregal w\u00e4chst und schrumpft proportional zum Inhalt meines Geldbeutels. Typisch Germanistikstudentin?! Am Semesteranfang noch v\u00f6llig motiviert, ausgestattet mit Leseliste, Seminaranforderungen im Vorlesungsverzeichnis und einem Etat an F\u00f6rdergeld, zusammengespart von Ferienjobs..und am Ende..<br \/>\nMeine Gro\u00dfeltern sind schon lange tot \u2013 sonst h\u00e4tte ich mehr Lexika zur Verf\u00fcgung, denn geb\u00fcndeltes Wissen kann ich nicht verkaufen- das bringe ich nicht \u00fcber mein Herz und sie h\u00e4tten mir aus G\u00fcte sicherlich einige dieser wertvollen B\u00fccher als Weihnachtsgeschenk zukommen lassen, weil sie mich gekannt h\u00e4tten und gewollt h\u00e4tten, das diese B\u00fccher ihrer statt \u00fcberleben und mich an sie erinnern. Doch das sollte nicht sein.<br \/>\nZur\u00fcck zum B\u00fccherregal. Heiner M\u00fcller sticht mir ins Auge \u2013 diese dunkle, be\u00e4ngstigende Literatur k\u00f6nnte ein paar Euro wert sein. Eine Magisterarbeit \u00fcber seine Hamletmaschine werde ich sicherlich nie schreiben. Die B\u00fccher kann ich mir notfalls auch nochmal ausleihen, wenn die Hausarbeit ansteht. Foto \u2013 ISBN\u00a0 und ab ins Netz damit!<br \/>\n<strong>26<\/strong> Euro f\u00fcr eine Woche \u2013 das klingt viel und wenig zugleich. Als Singlefrau kann ich gut und gerne eine Woche auf Schokolade und fetthaltige Kost verzichten. Ja! Ich <em>freue<\/em> mich sogar darauf \u2013 denn ich muss mich nicht selbst zwingen weniger zu essen \u2013 es geschieht automatisch. Wenn es nichts zu essen gibt.<br \/>\nMein Auto habe ich verkauft \u2013 ein vermeintlicher Unfall, an dem ich Schuld w\u00e4re kann mir also nichts anhaben. Die Angst und der Luxus bestehen nicht mehr. Als ich es noch hatte, vor f\u00fcnf Monaten, bestand diese Angst tats\u00e4chlich. Also lie\u00df ich es an solchen Wochen auch getankt stehen \u2013 sicher ist sicher.<br \/>\nImmer wenn es brennt, hat die Kantine keine Arbeit zu vergeben. Die Kantine steht f\u00fcr meinen Nebenjob \u2013 gute Bezahlung, leckeres Essen aber leider unregelm\u00e4\u00dfig auf Abruf. Und es gab die letzten Wochen keine Arbeit.<br \/>\nWie komme ich noch an Geld?<\/p>\n<p>Ausgesch\u00f6pft- da gibt es keine M\u00f6glichkeit mehr!<\/p>\n<p><strong>26<\/strong> Euro..<\/p>\n<p>Das sind drei Milcht\u00fcten, ein Brot, zwei warme Essen in der Mensa, vier \u00c4pfel, 400 Gramm Wurst, zwei Sorten K\u00e4se, eine Packung von dem lecker M\u00fcsli und zwei k\u00fchle Bier freitags in der Disko \u2013 wenn Max mir den Eintritt bezahlt. Ok &#8211; das ist durchaus machbar.<br \/>\nEs gab Zeiten, da gab es nur Reis und Resterfood als Beilage.<br \/>\nJetzt fragst DU<br \/>\nMICH, warum ich<br \/>\nNUR <strong>26<\/strong> Euro f\u00fcr meine letzte Februarwoche habe?!<br \/>\nWei\u00dft Du, ich bin 23 \u2013 habe bis zu meinem 19ten Lebensjahr bei meinen Eltern gehaust \u2013 mich versorgen lassen, Taschengeld bekommen und lebte einen geregelten Tagesablauf.<br \/>\nSeit vier Jahren gehe ich f\u00fcr mein Brot zum B\u00e4cker und weiss, wie viel ein Berndbrot kostet \u2013 das ist umgerechnet zu den 19 Jahren, in denen ich Brot nur aus dem Brotkorb kannte<br \/>\nn i c h t s\u00a0 !<br \/>\nEs nimmt ab \u2013 mit zunehmendem Alter verlasse ich den <strong>26<\/strong>-Euro-Mood! Es kommt neuerdings nur noch alle drei bis vier Monate vor. Das kreative an der Not ist, dass ich Verkaufsstrategien entwickle \u2013 Investitionen bei gutem Einkommen in Wertartikel wie teure Schuhe, Markenklamotten und B\u00fccher \u2013 bei Engp\u00e4ssen lassen sich diese noch immer zu guten Preisen vermarkten und ich kann sagen: Fornarina Jeans \u2013 oh ja, die sitzen gut und schmeicheln \u2013 hatte ich auch mal \ud83d\ude09<br \/>\nIch war schon immer flexibel.<br \/>\nNun lehnst DU Dich entspannt zur\u00fcck und faselst mir was von Ausbildung und Sicherheit!<br \/>\nWei\u00dft Du!<br \/>\nEins habe ich w\u00e4hrend meines Studiums gelernt \u2013 Du brauchst immer einen Joker in der Tasche! Eine teure Jeans, die du wieder loswerden kannst \u2013 denn Sicherheit, bekomme ich nur, wenn ich Kraft habe flexibel auf meine Umwelt reagieren zu k\u00f6nnen.<br \/>\nMein Vater meinte mal: \u201e<em>Du musst Dir nur selbst die Frage stellen: Will ich Hammer oder Ambos sein\u2026. Hammer oder Ambos!<\/em>\u201c<br \/>\nIch fand diese Nachkriegsbelehrungsspr\u00fcchemethoden immer schrecklich! Mit 23 sage ich im Grunde dasselbe in jeansfarben.<br \/>\nIch will eine Fornarina Vater!<br \/>\n&#8211;<br \/>\n<strong>Das Telefon klingelt. Ich gehe ran.\u00a0 Es herrscht leichter Dialekt.<\/strong><br \/>\nHallo?<br \/>\n<em>Hallo Kind! Wir (Vater &amp; Mutter) haben gerade an Dich gedacht! Wie geht es Dir denn?<\/em><br \/>\nGuuhuut.<br \/>\n<em>Ich war vorhin mit dem Baba in der Stadt und da waren wir beim Fischmann gut Essen, es gab Scholle mit Salzkartoffeln, der Vadder hat noch \u00b4nen Salat dazu gegessen und die Sabine haben wir auch getroffen. Die hat wieder viel geredet, naja, Du wei\u00dft ja wie sie ist. Und dann wollte ich noch mal nach Schuhen schauen, weil ja meine Winterschuhe vom letzten Jahr nicht mehr w\u00e4rmen, aber es gab nur Schrott bei Mander und bei der Guthenschus war wieder alles viel zu teuer. Der Fahdi war inzwischen beim Fris\u00f6r. Da bin ich doch die Bahnhofstra\u00dfe hoch gelaufen und sehe im Schaufenster von dem Laden, wo ich so gerne reingehe \u2013<br \/>\nna Du wei\u00dft schon\u2026na! Der da, bei der Bahnhofstra\u00dfe! Gegen\u00fcber vom Cafe\u00b4 Latte! Also, Du warst doch nun auch schon oft dabei!!<\/em><br \/>\nJa\u2026ich wei\u00df \u2026ach, der Name f\u00e4llt mir nicht ein!<br \/>\n<em>Na, ist ja auch egal! Jedenfalls haben die kleine Blumenm\u00e4dchen bekommen und ausgestellt \u2013 ganz zaaaarte Schnitzereien! Also.. wenn Du noch nicht wei\u00dft, was Du Deiner Muddi zum Geburtstag schenken sollst \u2013 also, DAS k\u00f6nnte mir gefallen!<\/em><br \/>\nOk.<br \/>\n<em>Der Vadder hat ja bei sowas keine Geduld und will wieder weiter \u2013 wei\u00dft ja wie er ist!<\/em><br \/>\nNaja.<br \/>\n<em>Und gibt\u2019s denn bei Dir was Neues? Jetzt habe ich nur von mir geredet.<\/em><br \/>\nN\u00f6, bei mir gibt\u00b4s eigentlich nix neues.<br \/>\n<em>Naja, dann lass uns wieder mal telefonieren. Tsch\u00fc\u00fc\u00fch\u00fc\u00fcs!<\/em><br \/>\nTsch\u00fcss.<br \/>\n<strong>Beide legen auf.<\/strong><br \/>\n&#8211;<br \/>\nDu, ich will mit dir nicht \u00fcber dieses Telefonat reden \u2013 es gibt Sachen, die muss man aus Liebe ertragen..<br \/>\nMein Vater w\u00fcrde das mit seinen Worten so sagen: \u201e<em>Was uns nicht umhaut, macht uns st\u00e4rker!<\/em>\u201c Im Grunde kann ich den Triumph schon sp\u00fcren: Ich habe die <strong>26<\/strong> Euro-Woche \u00fcberlebt, denn ich trage Urvertrauen in meinem Herzen: eine schillernde Fornarinajeans am Ende des Tunnels.<br \/>\nWas bringt es mir, wenn ich ihr als Neuigkeit von meinem Reismittag a la Toscana erz\u00e4hle? Geh\u00f6rt das nicht zum Erwachsenwerden dazu? Nicht zu klagen, obwohl man nur noch Schei\u00dfe frisst? Leid ertragen?!<br \/>\nOk, ich h\u00f6r auf Dramaqueen zu spielen.<br \/>\nZur\u00fcck zum Kern der <strong>26<\/strong>-Euro-Woche. Es ist Februar. Um genau zu sein, fast M\u00e4rz, um das noch mal finanziell einzugrenzen: einskommaf\u00fcnf Monate vor meinem Geburtstag und einskommaf\u00fcnf Monate nachdem ich die Studiengeb\u00fchr abdr\u00fccken musste.<br \/>\n<em>Mh!<\/em><br \/>\nObjektiv betrachtet wird noch viel Zeit vergehen. Subjektiv betrachtet frage ich mich, wie werde ich die Zeit verbringen? Mit Rackern? Putzen? Catering? Ebay? Amazon? Ausgleich meiner Konten.<br \/>\nWas f\u00fcr Fragen?!<br \/>\nIch will Dir eins sagen, wenn ich fertig bin mit meinem Germanistikstudium, habe ich mein Volo in Finanz- und Krisenmanagment schon dreimal in der Tasche!<\/p>\n<p><em>Das Leben ist die beste Schule<\/em><br \/>\n&#8211; na, der Spruch k\u00f6nnte glatt von meinem Vater sein! Es geht mir gut, nein, verstehe das nicht falsch. Ich lege dir nur gef\u00fchlvoll die Tatsachen meiner Lage zu F\u00fc\u00dfen. Kennst Du eigentlich Milva? Mein Vater hat die immer so gern geh\u00f6rt! \u201e<em>Hurra wir leben noch!<\/em>\u201c<br \/>\nOk, ich trifte ab.<br \/>\nAch, DU kennst DIE auch? Kennst DU den Text noch?<\/p>\n<p><strong>Beide versuchen zu singen<\/strong>.<br \/>\n<em>Hurra wir leben noch! Was mussten wir nicht alles \u00fcberstehn.. Wir leben noch! Was lie\u00dfen wir nicht na ne nane na Nenanenaaaa wir leben noch! HURRA!<\/em><br \/>\n<strong>Sie schunkeln in erregter sentimentaler Manier hin und her und klopfen sich dabei auf die Schultern.<\/strong><\/p>\n<p>Das DU das kennst!?<\/p>\n<p>\/\/ linda<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>HURRA WIR LEBEN NOCH! Montag 10 Uhr am Bl\u00fcmchensofa. 7 Euro. Studie \u201eAmeise\u201c. Ebay: Dunkle Jeans 13:34 Uhr zu Ende, mindestens 12 Euro. Amazon: alte B\u00fccher vom letzten Seminar, auch mindestens 25 Euro. Mittwoch 10 Uhr zwei Stunden Putzen bei Herr M., macht 19 Euro. So sah meine Finanzplanung der vorletzten Februarwoche aus. 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