{"id":3011,"date":"2009-04-06T12:24:58","date_gmt":"2009-04-06T11:24:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=3011"},"modified":"2009-04-08T12:25:52","modified_gmt":"2009-04-08T11:25:52","slug":"wie-ein-fataler-systemfehler-finanzmarkte-und-freizeitsportler-in-die-verzweiflung-treibt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=3011","title":{"rendered":"\/\/ wie ein fataler systemfehler finanzm\u00e4rkte und freizeitsportler in die verzweiflung treibt"},"content":{"rendered":"<p>Fr\u00fchling. Erwachen vitaler Triebe. Nach Monaten verdrie\u00dflicher Starre versp\u00fcrt das Menschentier  einen zwanghaften Tatendrang in seinen Eingeweiden und wird zum willenlosen Sklaven im Dienste des von \u00fcberall her sprie\u00dfenden, strotzenden, protzenden Lebens. <!--more-->Unerbittlich ballert es mit Forderungen auf seine treuen Untertanen ein: Iss Spinat! Putz die Fenster! Trink frisch gepressten Karottensaft (oder ersatzweise wenigstens die neuesten frisch aus Erd\u00f6l generierten Vitaminpr\u00e4parate)! Lass endlich deine Bikinizone epilieren! Iss Spinat! Renne solange um den Stadtring herum, bis deine Schenkel die Dimensionen eines knackigen Grasfrosches bekommen! Iss Spinat hab ich gesagt! Wie eine eingerostete Maschinerie muss man das Leben erstmal unter hohem Kosten- und Arbeitsaufwand in Schwung bringen, um anschlie\u00dfend die Fr\u00fcchte seiner Investitionen umso unbeschwerter genie\u00dfen zu k\u00f6nnen und gl\u00fccklich, gesund und strahlend-sauber in den Tag hinein zu vegetieren.<\/p>\n<p>Dem kritikfreudigen Skeptiker und aufmerksamen Miesepeter dr\u00e4ngt sich nat\u00fcrlich l\u00e4ngst der beklemmende Verdacht auf, dass es sich hierbei um eine Milchm\u00e4dchenrechnung handelt und die Inbetriebsetzungs- und Wartungskosten dieser Lebensmaschine in einem irgendwie ungesunden Disproportionsverh\u00e4ltnis zu deren Produktionsleistung stehen. Man k\u00f6nnte sich ja zum Beispiel fragen, wo genau in der Menschentier-\u00d6konomie die Arbeitsinvestition (=Lebenserhaltung) aufh\u00f6rt und der Genussmehrwert (Leben) anf\u00e4ngt. Der gutgl\u00e4ubige Optimist und naive Naturidealist wird nun freudig ausrufen: Bei der Liebe und dem Lachen nat\u00fcrlich!<br \/>\nFalsch. Sex bewirkt die Aussch\u00fcttung von Gl\u00fcckshormonen, regt dadurch die Aktivit\u00e4t und Leistungsf\u00e4higkeit des Organismus an, ist somit lediglich Mittel zum Zweck und klar unter \u201eInvestitionen\u201c einzuordnen. Gleiches gilt f\u00fcr das Lachen. Au\u00dferdem verbrennen beide unz\u00e4hlige Kalorien. Bilanz: Wir lieben und lachen damit wir nicht schlapp und tr\u00e4ge werden und den vorzeitigen Tod durch Schlaganfall, Herzinfarkt oder sonstige Formen von Verfettung und Verkalkung finden. Und das ist gut so. Durch neuartige Fitnessstudios wie zum Beispiel Zentren f\u00fcr Lachtherapie oder Swingerclubs werden die Liebe und das Lachen endlich zu dem Status erhoben der ihnen zusteht:  dem der sportlichen Bet\u00e4tigung im Dienste der Gesundheit und Lebensverl\u00e4ngerung. Wie auch das Gehirnjogging zum Beispiel. Das t\u00e4gliche Training der Kopfmuskulatur ist mindestens genauso unersetzlich wie das der anderen Gliedma\u00dfen, denn, ob es einem gef\u00e4llt oder nicht, auch das Gehirn ist ein lebensnotwendiges Organ, dessen Instandhaltung man sich einiges kosten lassen sollte. Durch die Anschaffung eines der innovativen \u00dc60-Gameboys zum Beispiel \u2013 mit kreislaufanregenden Denk\u00fcbungen zur sanften und nat\u00fcrlichen Vorbeugung der vorzeitigen Alterung von Hirnzellen. Und wer sich selbst in hohem Alter nicht dem Luxus des Nichtdenkens ergibt und flei\u00dfig knifflige Kreuzwortr\u00e4tsel l\u00f6st, wird mit zus\u00e4tzlichen Jahren \u2013 wenn nicht gar Jahrzehnten \u2013 harter Arbeit belohnt, bevor er sich gedankenlos und unbeschwert der Senilit\u00e4t hingeben kann.<\/p>\n<p>Fazit: die Wartungsarbeiten am Menschentier sind mit einem exorbitanten Aufwand an Zeit und Geld verbunden: ca. 98,5% unserer Lebensenergie werden in lebensverl\u00e4ngernde Ma\u00dfnahmen investiert. Und weitere ca. 1,2% in lebensverk\u00fcrzende: Spa\u00df-Aktivit\u00e4ten wie etwa Alkohol- Nikotin- oder Drogenmissbrauch, die zum Ausgleich des immensen  Lebens-Leistungsdrucks eingesetzt werden.  Diese letzten Schlupfwinkel vor dem Ruf des kategorischen Produktivit\u00e4tsimperatives werden allerdings, angesichts der neuen Anforderungen der Weltwirtschaftskrise, voraussichtlich bald ein Ende finden. Nun da s\u00e4mtliche Ressourcen zur Steigerung der Effizienz aktiviert werden m\u00fcssen, geht die Tendenz st\u00e4rker denn je in Richtung drastischer K\u00fcrzungen bis hin zur endg\u00fcltigen Eliminierung jeglicher dem Lebensmehrwert undienlichen Aktivit\u00e4ten. (Erste Schritte zur Engerschnallung des Spa\u00dfg\u00fcrtels wurden ja bekanntlich bereits durch das Rauchverbot eingeleitet).<br \/>\nUnd ist es nicht zum Weinen: es wird alles menschenm\u00f6gliche getan, s\u00e4mtliche zur Verf\u00fcgung stehenden Kr\u00e4fte, die nach dem vielen Joggen und Spinatessen noch \u00fcbrig bleiben, zur Produktionssteigerung der Lebensmaschine mobilisiert, keine M\u00fchen noch Opfer gescheut, und doch, und doch\u2026wir sind mitten in der Rezession. Man k\u00f6nnte fast meinen, da w\u00e4re irgendwo der Wurm drin \u2013 eine Art Systemfehler, etwa wie wenn man vor lauter Autowaschen, Tanken und \u00d6lwechseln nicht mehr zum Autofahren kommt, oder wie wenn ein 50 PS-Bio-Motor statt Benzin 55 Pferde pro Kilometer frisst.<\/p>\n<p>Wo bleibt bei all der Arbeit denn noch die Zeit zum Leben? wird sich der gutgl\u00e4ubige Optimist und naive Naturidealist h\u00e4nderingend fragen. Und der kritikfreudige Skeptiker und aufmerksame Miesepeter wird ihm mit einer noch pathetischeren Gegenfrage antworten: Wer oder was ist Leben, wie viel Zeit w\u00fcrde es beanspruchen und welche Mengen davon sind f\u00fcr den Organismus vertr\u00e4glich? Wenn es n\u00e4mlich das ist, was als Rest \u00fcbrig bleibt, wenn man von der Existenz als Ganzes die Arbeitsinvestitionen wie Essen, Schlafen, alle Arten von sozialen und sexuellen Aktivit\u00e4ten, motorischen Bet\u00e4tigungen wie Laufen, Gehen oder Herumstehen, sowie Denken in all seinen intellektuellen bis rudiment\u00e4ren Variet\u00e4ten, abgezogen hat, dann ist die hom\u00f6opathische Quintessenz des Menschen als eine Erscheinung vegetativer Natur zu beschreiben \u2013 \u00e4hnlich einer einzelligen Alge etwa. Eine Pflanze also, die beim t\u00e4glichen Energieverbrauch eines ganzen Atomkraftwerks nicht einmal den Bruchteil eines Prozentes vom Futterbedarf einer gemeinen Milchkuh liefert. Und dann braucht man sich auch nicht zu wundern, wie es bei einer solchen Produktionsleistung zur Krise kommen konnte.<br \/>\n<em> \/\/ von marina wiebe<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fr\u00fchling. Erwachen vitaler Triebe. 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