{"id":32979,"date":"2025-04-28T21:12:10","date_gmt":"2025-04-28T19:12:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=32979"},"modified":"2025-04-28T21:12:12","modified_gmt":"2025-04-28T19:12:12","slug":"aufgelesen-vol-587-herzgrube","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=32979","title":{"rendered":"\/\/ aufgelesen vol. (5)87 &#8211; &#8222;herzgrube&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<p><em>mit dem Werken &#8222;Fischtage&#8220; und &#8222;Herzgrube&#8220;. <\/em><\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Charlotte-Brandi-624x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-32984\" width=\"200\" srcset=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Charlotte-Brandi-624x1024.jpg 624w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Charlotte-Brandi-183x300.jpg 183w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Charlotte-Brandi-768x1260.jpg 768w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Charlotte-Brandi-936x1536.jpg 936w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Charlotte-Brandi-1248x2048.jpg 1248w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Charlotte-Brandi-scaled.jpg 1560w\" sizes=\"(max-width: 624px) 100vw, 624px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>\/\/ Zwei Romane, die beide in diesen Tagen erscheinen, k\u00f6nnten auf den ersten Blick nicht unterschiedlicher wirken: <em>Herzgrube<\/em> von <strong>Andrew McMillan<\/strong>, das literarische Deb\u00fct eines gefeierten britischen Lyrikers, und <em>Fischtage<\/em> von <strong>Charlotte Brandi<\/strong>, der Erstling einer Musikerin, die hier mit wildem Stilwillen und radikalem Ton in die deutschsprachige Literatur sticht. Doch beide Werke verbindet etwas sehr Entscheidendes: ein tiefes Gesp\u00fcr f\u00fcr Verletzlichkeit, Zugeh\u00f6rigkeit und die Frage, wie wir in einer Welt \u00fcberleben, in der es keine einfachen Antworten mehr gibt. <em>Herzgrube<\/em> ist eine jener Geschichten, die nachhallen \u2013 leise, aber durchdringend. Andrew McMillan, dessen Gedichte schon immer zwischen K\u00f6rperlichkeit und Zartheit, H\u00e4rte und Sensibilit\u00e4t pendelten, \u00fcbertr\u00e4gt dieses Spannungsfeld m\u00fchelos in seinen ersten Roman. Die Figuren \u2013 allen voran Simon, der zwischen Callcenter, Dragshows und gelegentlicher Sexarbeit ein Leben lebt, das gleichzeitig kraftvoll und fragil wirkt \u2013 atmen und f\u00fchlen auf jeder Seite. <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>McMillans Sprache, wunderbar ins Deutsche gebracht von Robin Detje, ist poetisch, ohne je zu blumig zu sein. Es gibt S\u00e4tze, bei denen ich kurz das Buch weglegen musste, um ihnen nachzusp\u00fcren. Was mich besonders ber\u00fchrt hat, war die Beziehung zwischen Simon und seinem Vater Alex. Sie ist nicht vers\u00f6hnt, nicht heil \u2013 und gerade deshalb so real. Die Geschichte der ehemaligen Grube, die die Stadt Barnsley wie ein dunkles Herz durchzieht, wird nicht nur als Kulisse genutzt, sondern wirkt wie eine zweite Erz\u00e4hlebene: Die Erde, aus der einst Leben gezogen wurde, hat ihre Bewohner verschluckt \u2013 und zur\u00fcck bleibt eine Generation, die mit der Vergangenheit k\u00e4mpft und sich in der Gegenwart neu erfinden muss. McMillan gelingt das Kunstst\u00fcck, queere Identit\u00e4t nicht als Fremdk\u00f6rper in einer \u201eharten\u201c Umgebung darzustellen, sondern als eine Form von \u00dcberleben, Widerstand und Sch\u00f6nheit. Das ist nicht laut, sondern tief und wahr. Dann <em>Fischtage<\/em>, ein ganz anderes, aber nicht minder beeindruckendes Erlebnis. <\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Andrew-McMilan-620x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-32983\" width=\"463\" srcset=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Andrew-McMilan-620x1024.jpg 620w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Andrew-McMilan-181x300.jpg 181w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Andrew-McMilan-768x1269.jpg 768w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Andrew-McMilan-929x1536.jpg 929w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Andrew-McMilan-1239x2048.jpg 1239w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Andrew-McMilan-scaled.jpg 1549w\" sizes=\"(max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Charlotte Brandi erz\u00e4hlt aus der Sicht der sechzehnj\u00e4hrigen Ella \u2013 und ich war sofort bei ihr. Diese ungez\u00e4hmte, widerspr\u00fcchliche Ich-Erz\u00e4hlerin, die sich weigert, in irgendeine Form zu passen, trifft mit voller Wucht. Ihr Zorn, ihre Einsamkeit, ihr Hang zum R\u00fcckzug \u2013 all das ist glaubhaft, schmerzhaft und gleichzeitig poetisch aufgeladen. Dass sie sich ausgerechnet an einen singenden Plastikfisch klammert, wirkt zuerst wie ein skurriler Einfall, offenbart aber schnell eine tiefere Wahrheit: Manchmal ist das Absurde das Einzige, das uns noch h\u00e4lt. Brandi gelingt es, mit wilder Z\u00e4rtlichkeit und klarem Ton eine Geschichte zu erz\u00e4hlen, die so voll ist von br\u00fcchiger Hoffnung, dass ich beim Lesen oft nicht wusste, ob ich lachen oder weinen sollte. Und genau das macht diesen Roman so stark. Die Suche nach dem verschwundenen Bruder wird zur Reise in ein inneres Chaos \u2013 mit Aldi-T\u00fcte und Herz in der Hand, mutig, trotzig, zart. Was diese beiden B\u00fccher verbindet \u2013 bei aller Unterschiedlichkeit in Stil, Setting und Perspektive \u2013 ist ihre F\u00e4higkeit, das Menschliche im Unscheinbaren zu finden. Beide Geschichten spielen am Rand der Gesellschaft, im Schatten von Verlust und Nicht-Zugeh\u00f6rigkeit. Doch sie verweigern sich dem Pathos und dem Pessimismus. Stattdessen geht es in <em>Herzgrube<\/em> wie in <em>Fischtage<\/em> um die Kraft, trotz allem weiterzumachen. Um Identit\u00e4t, die nicht geschenkt wird, sondern erk\u00e4mpft werden muss. Um das, was passiert, wenn Menschen sich auf die Suche machen \u2013 nach anderen und nach sich selbst. Wenn ich an die Lekt\u00fcre beider Romane zur\u00fcckdenke, bleibt bei mir ein Gef\u00fchl von tiefem Respekt. Respekt vor dem Mut, so ehrlich und verletzlich zu schreiben. Respekt vor Figuren, die nicht glatt und liebenswert sind, sondern widerspr\u00fcchlich, w\u00fctend, einsam, mutig \u2013 wie wir alle. Wer bereit ist, sich auf diese zwei literarischen Reisen einzulassen, wird reich belohnt. Nicht mit einfachen Antworten, aber mit Erkenntnissen, die unter die Haut gehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>mit dem Werken &#8222;Fischtage&#8220; und &#8222;Herzgrube&#8220;. \/\/ Zwei Romane, die beide in diesen Tagen erscheinen, k\u00f6nnten auf den ersten Blick nicht unterschiedlicher wirken: Herzgrube von Andrew McMillan, das literarische Deb\u00fct eines gefeierten britischen Lyrikers, und Fischtage von Charlotte Brandi, der Erstling einer Musikerin, die hier mit wildem Stilwillen und radikalem Ton in die deutschsprachige Literatur [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-32979","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category--unter-der-haut"],"aioseo_notices":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/32979","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=32979"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/32979\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":33093,"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/32979\/revisions\/33093"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=32979"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=32979"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=32979"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}