{"id":32980,"date":"2025-05-02T14:44:49","date_gmt":"2025-05-02T12:44:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=32980"},"modified":"2025-05-02T14:44:50","modified_gmt":"2025-05-02T12:44:50","slug":"aufgelesen-vol-589-die-schule-der-nacht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=32980","title":{"rendered":"\/\/ aufgelesen vol. (5)89 &#8211; &#8222;die schule der nacht&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<p><em>mit dem Werk &#8222;Die Schule der Nacht&#8220; von Karl Ove Knausg\u00e5rd. <\/em><\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Karl-Ove-Knausgard-645x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-32981\" width=\"200\" srcset=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Karl-Ove-Knausgard-645x1024.jpg 645w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Karl-Ove-Knausgard-189x300.jpg 189w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Karl-Ove-Knausgard-768x1219.jpg 768w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Karl-Ove-Knausgard-968x1536.jpg 968w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Karl-Ove-Knausgard-1290x2048.jpg 1290w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Karl-Ove-Knausgard-scaled.jpg 1613w\" sizes=\"(max-width: 645px) 100vw, 645px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>\/\/ Es ist ein eigenartiges Gef\u00fchl, wenn man ein Buch zuschl\u00e4gt und das Bed\u00fcrfnis hat, erst mal in die Dunkelheit zu starren \u2013 als m\u00fcsste man das Gelesene nicht nur verdauen, sondern in sich einsickern lassen, ganz langsam, Schicht f\u00fcr Schicht. So ging es mir mit <strong>Karl Ove Knausg\u00e5rd<\/strong>s neuem Roman <em>Die Schule der Nacht<\/em>, dem vierten Band seiner <em>Morgenstern<\/em>-Serie. Und obwohl ich mich auf diesen Band gefreut hatte \u2013 vor allem, weil ich die ersten drei als vielschichtig, unheimlich und gleichzeitig existenziell bewegend erlebt habe \u2013, war ich doch nicht vorbereitet auf das, was mich hier erwartete: ein Roman \u00fcber Kunst und Moral, \u00fcber Schuld und Transzendenz, \u00fcber Isolation und die Abgr\u00fcnde menschlicher Sehnsucht. Kurz: ein Ritt durch die Nacht der Seele. Im Zentrum steht Kristian Hadeland, ein gefeierter Fotograf, der sich auf einer abgelegenen Insel versteckt, abgeschottet von der Welt, die er einst mit seinen Bildern provoziert und verzaubert hat. Knausg\u00e5rd zeichnet ihn nicht als tragischen K\u00fcnstler im klassischen Sinn, sondern als jemand, der auf fast schon brutale Weise mit sich selbst abrechnet. <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Hadeland hat sein Leben der Suche nach dem \u201eechten Bild\u201c gewidmet \u2013 nicht der sch\u00f6nen Oberfl\u00e4che, sondern dem Moment, in dem das Leben seine Maske abwirft. Seine Fotos zeigen keine Kunstwelt, sondern das, was wir nicht sehen wollen: Krankheit, Verfall, Schmerz, Einsamkeit. Er hat sich in die Dunkelheit vorgewagt und ist darin beinahe verloren gegangen. Und jetzt \u2013 am Ende \u2013 will er sterben. Doch wie immer bei Knausg\u00e5rd ist das nur die Oberfl\u00e4che. <em>Die Schule der Nacht<\/em> ist kein linear erz\u00e4hlter Roman, kein klassisches Drama. Stattdessen ist er wie ein dunkler Spiegel, der das Licht in gebrochenen Fragmenten zur\u00fcckwirft. Erinnerungen, philosophische Reflexionen, Traumbilder, Beobachtungen der Natur und R\u00fcckblenden mischen sich zu einem dichten Gewebe, das man manchmal regelrecht durchdringen muss. Besonders beeindruckend ist, wie Knausg\u00e5rd die Frage nach Moral in der Kunst stellt, ohne je mit dem Finger zu zeigen. Kristian Hadeland hat mit Menschen gearbeitet, deren Leben er f\u00fcr seine Bilder genutzt \u2013 oder: geopfert \u2013 hat. Und doch stellt Knausg\u00e5rd ihn nicht als Monster dar, sondern als jemanden, der sich selbst verloren hat in einem Streben nach Wahrheit, das irgendwann jede Empathie verdr\u00e4ngt hat. Der Roman fragt: Was passiert mit einem Menschen, der den Schmerz anderer zur Kunst macht? Gibt es ein Zur\u00fcck? Gibt es Vergebung \u2013 von anderen, oder von sich selbst? Die \u00fcbergeordnete <em>Morgenstern<\/em>-Serie, in der ein mysteri\u00f6ser neuer Stern am Himmel auftaucht, wird auch in diesem Band nicht zur blo\u00dfen Kulisse. Sie wirkt wie eine kosmische Metapher f\u00fcr alles, was in den Figuren passiert. Das \u00dcbernat\u00fcrliche, das hier manchmal nur in winzigen Details aufflackert \u2013 Lichter, Stimmen, unerkl\u00e4rliche Momente \u2013, durchdringt den Roman wie ein leiser Hall. Es geht nicht darum, ob etwas \u201ewirklich\u201c ist, sondern darum, wie nah die Wirklichkeit selbst an den Wahnsinn grenzt, wenn man zu tief in sich hineinsieht. Das ist nicht gruselig im klassischen Sinn, sondern metaphysisch verst\u00f6rend \u2013 und gerade deshalb so faszinierend. Die \u00dcbersetzung von Paul Berf tr\u00e4gt Knausg\u00e5rds Stimme klar und unverstellt ins Deutsche. Sie hat etwas N\u00fcchternes, fast Klinisches, aber gerade dadurch bekommt das Poetische, das zwischen den Zeilen schimmert, eine umso st\u00e4rkere Wirkung. Die Bilder sind oft still, aber gewaltig: das Licht auf nassem Gestein, das Ger\u00e4usch des Windes, der Geruch von verbranntem Haar. All das hat mich beim Lesen so nah an Hadeland herangef\u00fchrt, dass ich stellenweise das Gef\u00fchl hatte, seine Einsamkeit k\u00f6rperlich zu sp\u00fcren. <em>Die Schule der Nacht<\/em> ist kein Roman, den man einfach so \u201ewegliest\u201c. Er fordert Zeit, Aufmerksamkeit, vielleicht auch eine gewisse Bereitschaft, sich den eigenen Dunkelheiten zu stellen. Es ist ein Buch \u00fcber das Menschsein an der \u00e4u\u00dfersten Kante \u2013 in der Kunst, in der Ethik, im Glauben. Aber gerade deshalb ist es so kraftvoll. Knausg\u00e5rd schreibt hier auf eine Weise, die mich oft sprachlos gemacht hat. Nicht, weil er laut w\u00e4re, sondern weil er ganz tief gr\u00e4bt \u2013 in die Psyche, in die Biografie, in die Zeit selbst. Am Ende bleibt die Frage: Gibt es Erl\u00f6sung? Vielleicht nicht im klassischen Sinn. Aber vielleicht in der Geste des Erz\u00e4hlens selbst. Dass wir hinschauen. Dass wir aushalten. Dass wir verstehen wollen. <em>Die Schule der Nacht<\/em> ist kein einfacher Roman, aber f\u00fcr mich war er ein zutiefst lohnender.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>mit dem Werk &#8222;Die Schule der Nacht&#8220; von Karl Ove Knausg\u00e5rd. \/\/ Es ist ein eigenartiges Gef\u00fchl, wenn man ein Buch zuschl\u00e4gt und das Bed\u00fcrfnis hat, erst mal in die Dunkelheit zu starren \u2013 als m\u00fcsste man das Gelesene nicht nur verdauen, sondern in sich einsickern lassen, ganz langsam, Schicht f\u00fcr Schicht. 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