{"id":32996,"date":"2025-04-23T10:09:02","date_gmt":"2025-04-23T08:09:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=32996"},"modified":"2025-04-23T10:09:04","modified_gmt":"2025-04-23T08:09:04","slug":"aufgelesen-vol-585-die-verdorbenen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=32996","title":{"rendered":"\/\/ aufgelesen vol. (5)85 &#8211; &#8222;die verdorbenen&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<p><em>mit dem Werk &#8222;Die Verdorbenen&#8220; von Michael K\u00f6hlmeier. <\/em><\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Michael-Meier-627x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-32997\" width=\"200\" srcset=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Michael-Meier-627x1024.jpg 627w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Michael-Meier-184x300.jpg 184w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Michael-Meier-768x1254.jpg 768w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Michael-Meier-940x1536.jpg 940w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Michael-Meier-1254x2048.jpg 1254w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Michael-Meier-scaled.jpg 1567w\" sizes=\"(max-width: 627px) 100vw, 627px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>\/\/ Es gibt B\u00fccher, die werfen einen nicht einfach nur in eine Geschichte \u2013 sie lassen einen stumm zur\u00fcck. <em>Die Verdorbenen<\/em> von Michael K\u00f6hlmeier ist so ein Buch. Und das, obwohl es gerade einmal 160 Seiten umfasst. Was K\u00f6hlmeier hier schreibt, ist keine typische Dreiecksgeschichte. Das Dreieck ist nur die Oberfl\u00e4che \u2013 darunter liegen Abgr\u00fcnde. Der Roman spielt Anfang der Siebzigerjahre, aber er ist zeitlos in seiner emotionalen Intensit\u00e4t. Johann, der Ich-Erz\u00e4hler, kommt als junger Mann zum Studium in die Stadt. Er ist suchend, verletzlich, irgendwie fremd in der Welt. Dann begegnet er Tommi und Christiane \u2013 einem Paar, das ihn in seine Welt hineinzieht, mit dem Charisma von Menschen, die zu wissen scheinen, wie Leben funktioniert. <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Aber das ist eine Illusion. Von der ersten Seite an liegt eine seltsame Spannung in der Luft. Nicht laut, nicht plakativ \u2013 vielmehr wie ein permanentes Flimmern, das sich nicht absch\u00fctteln l\u00e4sst. K\u00f6hlmeier schafft es mit einer unheimlichen sprachlichen Pr\u00e4zision, diese unsichtbaren Risse zwischen Menschen f\u00fchlbar zu machen, dieses Unausgesprochene, das alles dominiert. Die Geschichte entwickelt sich leise, aber unaufhaltsam. Da ist Liebe, ja, aber auch Macht. Kontrolle. Begehren. Schuld. Was mich wirklich ersch\u00fcttert hat, ist die Frage, die schon im Klappentext angedeutet wird: Was entsteht aus einer Liebe, wenn sie sich in Obsession verwandelt? Was bleibt von einem Menschen, der mit dem Wunsch lebt, einmal im Leben einen Mann zu t\u00f6ten \u2013 und das nie laut sagt? Was bedeutet es, ein \u201efalsches Leben im richtigen\u201c zu f\u00fchren, wie es im Buch so treffend hei\u00dft? Es geht in diesem Roman nicht um moralische Urteile. K\u00f6hlmeier stellt keine Fragen, auf die man einfache Antworten erwarten kann. Er konfrontiert seine Leserinnen und Leser mit der Tatsache, dass wir alle Abgr\u00fcnde in uns tragen \u2013 manche tiefer, manche verborgen, manche gef\u00e4hrlich nah an der Oberfl\u00e4che. Und er tut das ohne den moralischen Zeigefinger, sondern mit einer fast schmerzhaften Ehrlichkeit. Ich mochte, wie sehr dieser Text sich verweigert. Wie wenig er erkl\u00e4rt, wie viel er andeutet. Wie er den Leser zum Mitdenken, Mitf\u00fchlen, aber auch zum Mitleiden zwingt. Es ist ein Buch, das sehr literarisch ist \u2013 aber nie pr\u00e4tenti\u00f6s. K\u00f6hlmeier schreibt klar, schn\u00f6rkellos, aber jede Zeile ist pr\u00e4zise gesetzt. Kein Wort ist zu viel. Und doch schwingen in den S\u00e4tzen ganze Welten mit. Als Johann r\u00fcckblickend auf sein j\u00fcngeres Ich blickt, sp\u00fcrt man eine st\u00e4ndige Spannung zwischen Erinnern und Verdr\u00e4ngen. Diese R\u00fcckschau ist keine nostalgische Reise, sondern eher ein Sezieren der eigenen Dunkelheit. Die Liebe, die er damals empfunden hat \u2013 war sie wirklich Liebe? Oder nur ein Spiegel seiner eigenen Obsession? Und kann man jemandem vergeben, dessen Liebe einen an den Rand des Verderbens gebracht hat? Was bleibt, wenn man dieses Buch zuschl\u00e4gt, ist ein dumpfes Gef\u00fchl im Bauch. Keine Katharsis, keine L\u00f6sung. Nur die Erkenntnis, dass das B\u00f6se nicht immer laut schreit, sondern oft in leisem Einverst\u00e4ndnis w\u00e4chst. <em>Die Verdorbenen<\/em> ist keine leichte Lekt\u00fcre. Es ist ein literarisches Echo, das nachhallt, das weiterarbeitet, das sich anf\u00fchlt wie ein Schatten, der sich langsam \u00fcber die Erinnerung legt. Ich kann dieses Buch nicht \u201eempfehlen\u201c, wie man ein sch\u00f6nes Buch f\u00fcr den Strand empfiehlt. Ich kann nur sagen: Wer bereit ist, sich auf diese d\u00fcstere, intensive, tief verst\u00f6rende Reise einzulassen, wird belohnt \u2013 nicht mit Trost, aber mit einer Wahrheit, die man selten in solcher Klarheit liest. K\u00f6hlmeier ist ein Meister der Zwischent\u00f6ne. Und <em>Die Verdorbenen<\/em> ist eines dieser Werke, die zeigen, wie viel in der Literatur m\u00f6glich ist \u2013 gerade, wenn sie sich nicht anbiedert. Es ist ein stilles Werk. Und ich werde lange brauchen, bis ich es wirklich loslassen kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>mit dem Werk &#8222;Die Verdorbenen&#8220; von Michael K\u00f6hlmeier. \/\/ Es gibt B\u00fccher, die werfen einen nicht einfach nur in eine Geschichte \u2013 sie lassen einen stumm zur\u00fcck. Die Verdorbenen von Michael K\u00f6hlmeier ist so ein Buch. Und das, obwohl es gerade einmal 160 Seiten umfasst. Was K\u00f6hlmeier hier schreibt, ist keine typische Dreiecksgeschichte. 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