{"id":33000,"date":"2025-04-21T19:12:10","date_gmt":"2025-04-21T17:12:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=33000"},"modified":"2025-04-21T19:12:14","modified_gmt":"2025-04-21T17:12:14","slug":"aufgelesen-vol-584-ginsterburg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=33000","title":{"rendered":"\/\/ aufgelesen vol. (5)84 &#8211; &#8222;ginsterburg&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<p><em>mit dem Werk &#8222;Ginsterburg&#8220; von Arno Frank. <\/em><\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Arno-Frank-642x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-33005\" width=\"200\" srcset=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Arno-Frank-642x1024.jpg 642w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Arno-Frank-188x300.jpg 188w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Arno-Frank-768x1225.jpg 768w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Arno-Frank-963x1536.jpg 963w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Arno-Frank-1284x2048.jpg 1284w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Arno-Frank-scaled.jpg 1605w\" sizes=\"(max-width: 642px) 100vw, 642px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>\/\/ Es ist eines dieser B\u00fccher, bei denen man schon nach zwanzig Seiten wei\u00df: Das wird bleiben<em>.<\/em> Nicht, weil es laut w\u00e4re oder besonders drastisch, sondern gerade weil es leise erz\u00e4hlt \u2013 mit einem Blick, der sich nicht wegdreht, aber auch nicht sensationsl\u00fcstern glotzt. <em>Ginsterburg<\/em>, der neue Roman von <strong>Arno Frank<\/strong>, ist wie ein Film in Schwarzwei\u00df, in dem die Farben langsam durchbluten. Und am Ende ist man ersch\u00f6pft, bewegt, vielleicht sogar ein bisschen ver\u00e4ndert. Die fiktive Stadt Ginsterburg ist ein Mikrokosmos \u2013 und wie jeder Mikrokosmos ein Spiegel. Arno Frank siedelt seinen Roman in den Jahren 1935 bis 1945 an, in der Provinz, dort, wo die gro\u00dfen Parolen auf kleine Leben treffen. Man kennt die gro\u00dfen historischen Linien. Doch was dieser Roman tut \u2013 und das mit einer fast be\u00e4ngstigenden Pr\u00e4zision \u2013, ist, das Ungeheuerliche im Gew\u00f6hnlichen zu zeigen. Es beginnt mit Lothar, einem Jungen, der fliegen will. Und fliegen hei\u00dft in dieser Zeit auch: marschieren, salutieren, dazugeh\u00f6ren. <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Dass dieser kindliche Traum so gef\u00e4hrlich wird, merkt man erst nach und nach \u2013 genau wie Lothars Mutter Merle, die in ihrer kleinen Buchhandlung B\u00fccher verkauft, von denen sie wei\u00df, dass sie bald nicht mehr verkauft werden d\u00fcrfen. Sie ist keine Heldin, keine Widerstandsk\u00e4mpferin. Sie ist einfach nur eine Frau mit Herz, Verstand \u2013 und Angst. Und gerade deshalb ist sie so nah. Und dann sind da all die anderen Figuren, die Arno Frank mit kluger Hand zeichnet, nie \u00fcberh\u00f6ht: der sich einschmeichelnde Blumenh\u00e4ndler G\u00fcrckel, der joviale, aber gnadenlose Arzt Hansemann, der schweigende Journalist Eugen, dessen Haltung so leise ist, dass sie fast untergeht. Es ist eine stille Tragik, die sich durch das Buch zieht: Wie das Neue, das sich als Ordnung tarnt, langsam Besitz ergreift von den Menschen \u2013 in ihren Gesten, in ihrer Sprache, in ihren Entscheidungen. Frank schreibt in einer Sprache, die gleichzeitig poetisch und pr\u00e4zise ist. Kein Wort zu viel, aber immer mit Resonanz. Er l\u00e4sst Stimmungen stehen wie Bilder in der Abendd\u00e4mmerung. Man meint, die staubige Stra\u00dfe in Ginsterburg zu riechen, das Flirren der Hitze \u00fcber den Feldern zu sehen, das Flackern der Kinoleinwand zu h\u00f6ren. Und immer schleicht sich der Schatten n\u00e4her, unaufhaltsam \u2013 bis er mitten im Leben angekommen ist. Was <em>Ginsterburg<\/em> so stark macht, ist, dass es keine klare Aufteilung in Gut und B\u00f6se gibt. Es gibt Menschen, die zweifeln, Menschen, die sich blenden lassen, Menschen, die schweigen, obwohl sie wissen. Und es gibt Menschen, die \u00fcberleben wollen \u2013 irgendwie, auf Kosten anderer, mit dem R\u00fccken zur Wand. Manchmal fragt man sich beim Lesen: Was h\u00e4tte ich getan? Die vielleicht bewegendsten Szenen sind die kleinen. Ein stummes Gespr\u00e4ch zwischen Mutter und Sohn. Ein Brief, den niemand beantworten kann. Ein Abend im Kino, der f\u00fcr einen Moment Frieden vorgaukelt. Und dann der Blick auf die Stadt von oben \u2013 aus dem Cockpit eines britischen Bombers, der sich n\u00e4hert, langsam, unausweichlich. <em>Ginsterburg<\/em> ist kein historischer Roman im klassischen Sinn. Es ist vielmehr ein Roman \u00fcber den Menschen im Sog der Geschichte. \u00dcber das Mitl\u00e4ufertum, das nicht br\u00fcllt, sondern leise nickt. \u00dcber Schuld, die nicht in einem einzigen Moment entsteht, sondern in vielen kleinen Kompromissen. Und \u00fcber das, was \u00fcbrig bleibt, wenn alles vorbei ist \u2013 an Erinnerungen, an Fragen, an Schmerz. Ich habe dieses Buch mit angehaltenem Atem gelesen. Weil es schmerzt. Weil es wahr ist \u2013 auch wenn es erfunden ist. Und weil es eine Geschichte erz\u00e4hlt, die nicht vergangen ist. Nicht wirklich. Wer sich darauf einl\u00e4sst, bekommt keinen moralischen Zeigefinger, sondern einen Spiegel. Und vielleicht ist das das Beste, was Literatur tun kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>mit dem Werk &#8222;Ginsterburg&#8220; von Arno Frank. \/\/ Es ist eines dieser B\u00fccher, bei denen man schon nach zwanzig Seiten wei\u00df: Das wird bleiben. Nicht, weil es laut w\u00e4re oder besonders drastisch, sondern gerade weil es leise erz\u00e4hlt \u2013 mit einem Blick, der sich nicht wegdreht, aber auch nicht sensationsl\u00fcstern glotzt. 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