{"id":33104,"date":"2025-05-29T19:46:23","date_gmt":"2025-05-29T17:46:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=33104"},"modified":"2025-05-29T19:46:24","modified_gmt":"2025-05-29T17:46:24","slug":"aufgelesen-vol-593-der-blutige-sommer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=33104","title":{"rendered":"\/\/ aufgelesen vol. (5)93 &#8211; &#8222;der blutige sommer&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<p><em>mit den beiden Werken &#8220; Es w\u00e4hrt f\u00fcr immer und dann ist es vorbei&#8220; von Anne de Marcken und &#8222;Der blutige Sommer&#8220; von Angela Carter. <\/em><\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Anne-de-Marcken-627x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-33106\" width=\"200\" srcset=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Anne-de-Marcken-627x1024.jpg 627w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Anne-de-Marcken-184x300.jpg 184w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Anne-de-Marcken-768x1253.jpg 768w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Anne-de-Marcken-941x1536.jpg 941w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Anne-de-Marcken-1255x2048.jpg 1255w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Anne-de-Marcken-scaled.jpg 1569w\" sizes=\"(max-width: 627px) 100vw, 627px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>\/\/ Wenn man \u201eEs w\u00e4hrt f\u00fcr immer und dann ist es vorbei\u201c von <strong>Anne de Marcken <\/strong>und <strong>Angela Carter<\/strong>s \u201eDie blutige Kammer\u201c direkt nacheinander liest, sp\u00fcrt man pl\u00f6tzlich eine unsichtbare Verbindung zwischen zwei B\u00fcchern, die aus v\u00f6llig unterschiedlichen Zeiten und Sph\u00e4ren stammen und doch miteinander zu sprechen scheinen. Beide Werke sind schwer zu greifen, changierend zwischen Genres, Identit\u00e4ten und Realit\u00e4ten \u2013 und genau darin liegt ihre Kraft. Sie lassen sich nicht festlegen, nicht z\u00e4hmen, nicht einrahmen. Sie treten an, um das Erz\u00e4hlen selbst neu zu denken, zu zerlegen, zu entz\u00fcnden. Und sie stellen dabei mit entwaffnender Klarheit eine Frage, die vielleicht die einzig relevante ist: Was bleibt von uns, wenn alles andere wegf\u00e4llt? Anne de Marckens Roman, grandios ins Deutsche gebracht von Clemens J. Setz, liest sich wie ein poetischer Spuk. Eine namenlose Frau, ein verlorener Arm, eine zugeflogene Kr\u00e4he, ein Hotel voller Untoter. Und doch ist das kein klassischer Zombie-Roman, keine Apokalypse mit martialischem Dauerfeuer. <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Stattdessen herrscht hier eine stille, dichte Atmosph\u00e4re, durchdrungen von Trauer, Sehnsucht und einer merkw\u00fcrdig sanften Komik. Es ist, als h\u00e4tte Samuel Beckett einen surrealistischen Liebesroman \u00fcber das Leben nach dem Tod geschrieben, durchzogen von lakonischer Poesie und existenzieller Fragilit\u00e4t. Die Protagonistin wandert durch eine entr\u00fcckte Welt, in der die Gesetze von Zeit und Logik aufgehoben scheinen, aber die Erinnerung an eine Umarmung im Sand ihr einziger Kompass ist. Und so wird aus dieser absurden Reise eine zutiefst menschliche Erz\u00e4hlung \u00fcber das Bed\u00fcrfnis nach N\u00e4he, Identit\u00e4t und Erl\u00f6sung. Was de Marcken hier gelingt, ist nicht weniger als ein schwebender Essay \u00fcber das Bewusstsein selbst, eine Meditation in Form eines melancholisch-sch\u00f6nen Albtraums. <\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Angela-Carter-627x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-33105\" width=\"463\" srcset=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Angela-Carter-627x1024.jpg 627w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Angela-Carter-184x300.jpg 184w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Angela-Carter-768x1253.jpg 768w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Angela-Carter-941x1536.jpg 941w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Angela-Carter-1255x2048.jpg 1255w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Angela-Carter-scaled.jpg 1569w\" sizes=\"(max-width: 627px) 100vw, 627px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Angela Carter hingegen betritt die literarische B\u00fchne mit der Wucht einer Opernarie. Ihre \u201eBlutige Kammer\u201c ist ein Sturm aus Bildern, Sinnlichkeit, Blut und Widerstand. Diese Sammlung von M\u00e4rchennacherz\u00e4hlungen, erstmals 1979 erschienen und jetzt in einer elegant illustrierten Neu\u00fcbersetzung von Maren Kames bei Suhrkamp wiederentdeckt, ist ein Manifest in Prosaform. Carter schreibt gegen den Strom, gegen Jahrhunderte patriarchaler Narration, gegen die Ohnmacht weiblicher Figuren in traditionellen M\u00e4rchen. Und sie tut es mit einem Stil, der gl\u00fcht. Jeder Satz ist eine Miniaturexplosion, barock, sinnlich, aufgeladen mit Symbolen und Widerspr\u00fcchen. Hier werden nicht nur Rollen vertauscht \u2013 sie werden entlarvt, zerlegt, unterwandert. Wenn sich die jugendliche Heldin im Blaubart-Motiv nicht nur weigert, gerettet zu werden, sondern sich selbst rettet, dann ist das nicht nur subversiv, sondern ein Statement: \u00fcber Lust, Macht, K\u00f6rper und Sprache. Und doch geht es Carter nie nur um Provokation. Ihre Geschichten sind auch \u2013 und vielleicht gerade deshalb \u2013 durchdrungen von einer tiefen, fast z\u00e4rtlichen Melancholie. In dieser Neuauflage begleitet von Julia Kissinas feinen Illustrationen, entsteht eine Symbiose aus Text und Bild, die das ohnehin schon greifbare Fleisch der Sprache noch ein St\u00fcck dichter macht. Beide B\u00fccher eint etwas Seltenes: Sie hinterlassen nicht nur Eindruck, sondern Spuren. Es sind Werke, die sich weigern, in klaren Strukturen zu verharren, und die stattdessen die Leserinnen und Leser mit in ihre Unsch\u00e4rfen hineinziehen. W\u00e4hrend de Marcken von einer Frau erz\u00e4hlt, die sich selbst im Jenseits sucht, erz\u00e4hlt Carter von Frauen, die sich gegen jede Definition wehren \u2013 ob lebendig oder nicht. Die eine Geschichte ist leise, fast unsichtbar, ein Hauch in einem Zwischenreich. Die andere ist ein Aufschrei, ein Fanal, ein literarisches Schwert. Doch beide stellen dieselbe Forderung: Seht hin. H\u00f6rt zu. Glaubt nicht an das, was man euch immer erz\u00e4hlt hat. In ihrer Gegen\u00fcberstellung entsteht etwas Unerwartetes. De Marckens z\u00e4rtlicher Zombie streckt die Hand aus nach Carters zornigen Gestalten \u2013 und umgekehrt. Die Untote ohne Arm sucht nach Liebe in einer Welt, die keine Ordnung mehr kennt. Carters Frauen nehmen sich die Liebe mit Z\u00e4hnen und Klauen, oder lehnen sie ab, weil sie sie zu lange als Waffe erlebt haben. Beide B\u00fccher, jedes auf seine Weise, durchbrechen die Stille \u2013 und f\u00fcllen sie mit Stimmen, die lange \u00fcberh\u00f6rt wurden. Stimmen von Frauen, die sich erinnern, auch wenn niemand mehr ihren Namen kennt. Stimmen, die erz\u00e4hlen, was bleibt, wenn nichts mehr ist wie es war. Vielleicht ist das der sch\u00f6nste gemeinsame Nenner: Sie handeln von der radikalen M\u00f6glichkeit, sich selbst neu zu erfinden \u2013 aus Tr\u00fcmmern, aus Geschichten, aus Knochen und Blut und Staub und Worten. Und was sie dabei hinterlassen, ist nichts Geringeres als Literatur in ihrer aufregendsten Form: wild, frei und unvergesslich. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>mit den beiden Werken &#8220; Es w\u00e4hrt f\u00fcr immer und dann ist es vorbei&#8220; von Anne de Marcken und &#8222;Der blutige Sommer&#8220; von Angela Carter. \/\/ Wenn man \u201eEs w\u00e4hrt f\u00fcr immer und dann ist es vorbei\u201c von Anne de Marcken und Angela Carters \u201eDie blutige Kammer\u201c direkt nacheinander liest, sp\u00fcrt man pl\u00f6tzlich eine unsichtbare [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-33104","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category--unter-der-haut"],"aioseo_notices":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/33104","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=33104"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/33104\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":33182,"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/33104\/revisions\/33182"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=33104"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=33104"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=33104"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}