{"id":33192,"date":"2025-06-28T17:54:25","date_gmt":"2025-06-28T15:54:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=33192"},"modified":"2025-06-28T17:54:26","modified_gmt":"2025-06-28T15:54:26","slug":"aufgelesen-vol-599-lila-eule","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=33192","title":{"rendered":"\/\/ aufgelesen vol. (5)99 &#8211; &#8222;lila eule&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<p><em>mit dem Werk &#8222;Lila Eule&#8220; von Cordt Schnibben. <\/em><\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/Lila-Eule-682x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-33196\" width=\"200\" srcset=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/Lila-Eule-682x1024.jpg 682w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/Lila-Eule-200x300.jpg 200w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/Lila-Eule-768x1153.jpg 768w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/Lila-Eule-1023x1536.jpg 1023w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/Lila-Eule-1365x2048.jpg 1365w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/Lila-Eule-scaled.jpg 1706w\" sizes=\"(max-width: 682px) 100vw, 682px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>\/\/ Es kommt nicht oft vor, dass mich ein Buch so mitrei\u00dft, dass ich mich danach f\u00fcr eine Weile etwas verloren in der Gegenwart f\u00fchle \u2013 wie nach einem Film, der alles durcheinanderwirbelt. <em>\u201eLila Eule\u201c<\/em> von <strong>Cordt Schnibben<\/strong> war genau so ein Buch. Ich bin mit einer vagen Neugier eingestiegen \u2013 ein Ost-West-Liebesdrama, ein bisschen Musikgeschichte, vielleicht ein Schuss Politik \u2013 und wurde f\u00f6rmlich \u00fcberrollt. Die Geschichte beginnt mit Carl, 18, Rebell aus Bremen, der 1972 der Enge seines spie\u00dfigen Elternhauses entflieht \u2013 samt Nazi-Vater \u2013 und in die DDR zieht. Allein diese Umkehr der damals g\u00e4ngigen Richtung fand ich faszinierend. In Ost-Berlin verliebt er sich in Mara, eine starke, kluge, schwer greifbare junge Frau. Doch die DDR duldet keine Hippies, erst recht keine aus dem Westen. Carl fliegt raus \u2013 und landet im Gef\u00e4ngnis. Jahre sp\u00e4ter, nach dem Fall der Mauer, beginnt er die Suche nach Mara \u2013 im Chaos des untergehenden Sozialismus, im Nebel seiner Erinnerungen, im Treibsand einer Vergangenheit, die nicht zur Ruhe kommt. <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Aber so simpel ist das alles nicht. Was Schnibben hier erz\u00e4hlt, ist viel mehr als eine Liebesgeschichte. Es ist auch ein absurd logischer Agententhriller, in dem Maras Vater \u2013 ein paranoider Stasi-Mann \u2013 Carl f\u00fcr einen westdeutschen LSD-Dealer h\u00e4lt. Und es ist zugleich ein Generationenportr\u00e4t der Beat-Club-\u00c4ra, der jungen Leute, die zwischen Jimi Hendrix und Janis Joplin, zwischen Flower Power und RAF, zwischen Sehnsucht und Widerstand aufgewachsen sind. Die \u201eLila Eule\u201c, ein legend\u00e4rer Club in Bremen, wird zum Symbol dieser Zeit \u2013 ein Ort, an dem Musik, Drogen und politische Tr\u00e4ume aufeinanderprallen. Ich habe mich beim Lesen oft gefragt, wie Schnibben es schafft, so viele T\u00f6ne gleichzeitig zu spielen, ohne dass etwas aus dem Takt ger\u00e4t. Vielleicht, weil er selbst Teil dieser Geschichte war. Man sp\u00fcrt auf jeder Seite: Hier schreibt jemand, der das alles nicht recherchiert, sondern erlebt hat. Die Sprache ist mal wild und ungest\u00fcm, dann wieder bitter, fast resigniert. Es gibt Stellen, da will man lachen \u2013 und pl\u00f6tzlich kommt eine Wendung, die einem die Luft abschn\u00fcrt. Was das Buch zus\u00e4tzlich besonders macht, ist seine visuelle Kraft. Die \u00fcber drei\u00dfig doppelseitigen Illustrationen von Rocket &amp; Wink sind keine blo\u00dfen Verzierungen. Sie wirken wie psychedelische Fenster in die Seelen der Figuren, in die politische Realit\u00e4t der 70er \u2013 und manchmal in unsere Gegenwart. Ich habe mich dabei ertappt, wie ich l\u00e4nger auf einer Seite h\u00e4ngen blieb, nicht, weil ich den Text nicht verstand, sondern weil das Bild darunter einen ganz eigenen Sog entwickelt hat. Nach \u00fcber 500 Seiten war ich m\u00fcde \u2013 auf die gute Art. Dieses Buch hat mich gefordert. Es ist dicht, laut, voller Widerspr\u00fcche. Es springt in der Zeit, in den Perspektiven, in den Genres. Und doch bleibt es immer stimmig. Vielleicht, weil es etwas sehr Wahres trifft: Die Utopien von damals \u2013 sie waren sch\u00f6n. Und sie sind gescheitert. Aber das macht sie nicht weniger wichtig. <em>\u201eLila Eule\u201c<\/em> ist f\u00fcr mich ein echtes Ausnahmebuch. Ein St\u00fcck Zeitgeschichte, ein politischer Trip, ein literarisches Manifest gegen das Vergessen \u2013 und gegen das Kleinmachen. Es erinnert daran, dass unsere Gegenwart aus den Entt\u00e4uschungen und Tr\u00e4umen vergangener Generationen gemacht ist. Und dass es verdammt viel Mut braucht, den eigenen Weg zu gehen, wenn die Welt einem sagt, dass das alles nichts bringt. Wer sich f\u00fcr Musik interessiert, f\u00fcr Gesellschaft, f\u00fcr echte Figuren mit Fehlern und Hoffnungen \u2013 liest dieses Buch nicht nur, sondern erlebt es. Und tr\u00e4gt es eine ganze Weile mit sich herum.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>mit dem Werk &#8222;Lila Eule&#8220; von Cordt Schnibben. \/\/ Es kommt nicht oft vor, dass mich ein Buch so mitrei\u00dft, dass ich mich danach f\u00fcr eine Weile etwas verloren in der Gegenwart f\u00fchle \u2013 wie nach einem Film, der alles durcheinanderwirbelt. \u201eLila Eule\u201c von Cordt Schnibben war genau so ein Buch. 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