{"id":33396,"date":"2025-08-19T12:49:10","date_gmt":"2025-08-19T10:49:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=33396"},"modified":"2025-08-19T12:50:08","modified_gmt":"2025-08-19T10:50:08","slug":"aufgelesen-vol-608-haus-zur-sonne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=33396","title":{"rendered":"\/\/ aufgelesen vol. (6)07 &#8211; &#8222;haus zur sonne&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<p><em>mit dem Werk &#8222;Haus zur Sonne&#8220; von Thomas Melle. <\/em><\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Thomas-Melle-635x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-33397\" width=\"200\" srcset=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Thomas-Melle-635x1024.jpg 635w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Thomas-Melle-186x300.jpg 186w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Thomas-Melle-768x1239.jpg 768w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Thomas-Melle-952x1536.jpg 952w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Thomas-Melle-1269x2048.jpg 1269w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Thomas-Melle-scaled.jpg 1586w\" sizes=\"(max-width: 635px) 100vw, 635px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>\/\/ <strong>Thomas Melle<\/strong> hat mit <em>Haus zur Sonne<\/em> ein verst\u00f6rendes, klarsichtiges und zugleich tief poetisches Buch geschrieben, das einem nicht nur unter die Haut geht, sondern sich dort regelrecht einnistet. Wie schon in <em>Die Welt im R\u00fccken<\/em> \u2013 einem der wichtigsten literarischen Texte \u00fcber psychische Krankheit im deutschsprachigen Raum \u2013 gelingt es Melle auch hier, \u00fcber Themen zu schreiben, die gemeinhin lieber verdr\u00e4ngt werden: Krankheit, Sterben, Selbstbestimmung, Sinnsuche am Abgrund. Doch w\u00e4hrend sein autobiografisches Meisterwerk die eigene manisch-depressive Erkrankung direkt verhandelte, verlegt er sich in <em>Haus zur Sonne<\/em> auf ein fiktives Szenario \u2013 wobei dieses Fiktionale nie ganz losgel\u00f6st ist vom Gef\u00fchl, dass es auch wahr sein k\u00f6nnte. Oder zumindest bald wahr <em>werden<\/em> k\u00f6nnte. Das titelgebende \u201eHaus zur Sonne\u201c ist eine staatlich finanzierte Einrichtung, irgendwo zwischen Kurhotel, Traumfabrik und Sterbeklinik. Menschen, die lebensm\u00fcde, todkrank oder schlicht ersch\u00f6pft sind, begeben sich dorthin, um ihre letzten W\u00fcnsche erf\u00fcllt zu bekommen \u2013 und danach, scheinbar reibungslos und ohne Tragik, aus dem Leben zu scheiden. <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Es ist ein surrealer Ort, fast schon kafkaesk in seiner durchorganisierten Menschlichkeit, in seinem pragmatischen Umgang mit dem Tod. Und doch wirkt nichts \u00fcberzeichnet. Gerade das macht die Lekt\u00fcre so intensiv: die Vorstellung, dass eine solche Institution denkbar ist \u2013 ja, vielleicht sogar notwendig oder sinnvoll w\u00e4re. Thomas Melle schreibt in einer Sprache, die nie effekthascherisch ist, aber immer trifft. Lakonisch, klar, oft trocken, gelegentlich mit einer fast z\u00e4rtlichen Melancholie. Seine Figuren \u2013 allen voran der Ich-Erz\u00e4hler, dessen Identit\u00e4t lange vage bleibt \u2013 tragen ihre Verlorenheit nicht als Pose vor sich her, sondern bewegen sich tastend durch eine Welt, in der Hoffnung und Resignation untrennbar ineinander \u00fcbergehen. Der Ton des Buches ist n\u00fcchtern, aber nicht kalt. Emotional, aber nie sentimental. Und was wirklich bemerkenswert ist: Trotz der Schwere des Themas liest sich der Roman leicht \u2013 nicht im Sinne von oberfl\u00e4chlich, sondern im besten Sinne zug\u00e4nglich. Melle vertraut seinem Leser, er erkl\u00e4rt nichts zu Tode, sondern l\u00e4sst Raum f\u00fcr Ambivalenz, f\u00fcr Uneindeutigkeit, f\u00fcr eigene Gedanken. Was mich besonders bewegt hat, ist die Art, wie der Roman die Frage nach Selbstbestimmung stellt, ohne je in eine politische Diskussion oder ein moralisches Urteil abzugleiten. \u201eDarf man sterben wollen?\u201c \u2013 diese Frage stellt das Buch nicht laut, sondern l\u00e4sst sie durch jede Zeile hindurch mitschwingen. Und ebenso die Gegenfrage: \u201eWas ist das eigentlich \u2013 Leben?\u201c In dieser Schwebe zwischen Wunsch, Flucht, Aufl\u00f6sung und vielleicht doch Rettung liegt die gro\u00dfe St\u00e4rke von <em>Haus zur Sonne<\/em>. Es ist kein Thesenroman. Es ist ein Roman, der f\u00fchlt, tastet, beobachtet \u2013 und gerade dadurch so pr\u00e4zise ist. <em>Haus zur Sonne<\/em> ist ein leises, aber radikales Buch. Es fordert dazu auf, sich mit dem Ende zu besch\u00e4ftigen, nicht auf eine dunkle, erdr\u00fcckende Weise, sondern mit einer fast meditativen Ernsthaftigkeit. Es erinnert daran, dass Lebensm\u00fcdigkeit nicht dasselbe ist wie Sterbewunsch, dass Gl\u00fcck vielleicht nicht immer laut ist \u2013 und dass am Ende manchmal weniger eine Erl\u00f6sung wartet als ein letztes, stilles Begreifen. Dieses Buch hallt nach. Tage sp\u00e4ter dachte ich noch an einzelne Bilder, S\u00e4tze, Gedanken. Und an das Gef\u00fchl, dass Melle mit seinem Schreiben etwas ganz Seltenes gelingt: Er konfrontiert uns mit unseren dunkelsten Fragen, ohne uns die Antworten zu nehmen. Oder sie aufzudr\u00e4ngen. Ein Roman, der uns Menschen in ihrer Verletzlichkeit, aber auch in ihrer W\u00fcrde zeigt. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>mit dem Werk &#8222;Haus zur Sonne&#8220; von Thomas Melle. \/\/ Thomas Melle hat mit Haus zur Sonne ein verst\u00f6rendes, klarsichtiges und zugleich tief poetisches Buch geschrieben, das einem nicht nur unter die Haut geht, sondern sich dort regelrecht einnistet. 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