{"id":33431,"date":"2025-08-29T09:58:51","date_gmt":"2025-08-29T07:58:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=33431"},"modified":"2025-08-30T14:07:38","modified_gmt":"2025-08-30T12:07:38","slug":"werktag-vol-177-die-ausweichschule","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=33431","title":{"rendered":"\/\/ werktag vol. (1)77 &#8211; &#8222;die ausweichschule&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<p><em>mit dem f\u00fcr den Deutschen Buchpreis nominierten Werk &#8222;Die Ausweichschule&#8220; von Kaleb Erdmann.  <\/em><\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Kaleb-Erdmann-624x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-33441\" width=\"250\" srcset=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Kaleb-Erdmann-624x1024.jpg 624w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Kaleb-Erdmann-183x300.jpg 183w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Kaleb-Erdmann-768x1260.jpg 768w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Kaleb-Erdmann-936x1536.jpg 936w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Kaleb-Erdmann-1248x2048.jpg 1248w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Kaleb-Erdmann-scaled.jpg 1560w\" sizes=\"(max-width: 624px) 100vw, 624px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>\/\/ Viele B\u00fccher liest man, und danach klappt man sie zu und geht einfach wieder in den Alltag zur\u00fcck. Und dann gibt es jene wenigen Werke, die man mit sich herumschleppt \u2013 wie eine zweite Haut, die auch Tage sp\u00e4ter noch nicht von einem abf\u00e4llt. <strong>Kaleb Erdmann<\/strong>s <em>Die Ausweichschule<\/em> geh\u00f6rt eindeutig in die zweite Kategorie. Ich habe selten ein Deb\u00fct gelesen, das so pr\u00e4zise und zugleich schonungslos ehrlich an ein kollektives Trauma herantritt. Der Amoklauf von Erfurt 2002 ist vielen von uns noch als bedr\u00fcckende Fernsehbilder im Ged\u00e4chtnis. Erdmann aber l\u00e4sst uns diesen Tag nicht durch Nachrichten oder Fakten erleben, sondern durch die Augen eines damals elfj\u00e4hrigen Jungen, der die Sch\u00fcsse h\u00f6rt und die Sprachlosigkeit der Erwachsenen danach mittr\u00e4gt. Diese Perspektive \u2013 ein Kind, das viel wahrnimmt, aber noch nicht \u00fcber die Werkzeuge verf\u00fcgt, all das zu deuten \u2013 ist einer der st\u00e4rksten und zugleich schmerzhaftesten Aspekte des Romans. Besonders beeindruckt hat mich, wie <em>Die Ausweichschule<\/em> mit der Frage ringt, was Erinnern \u00fcberhaupt bedeutet. <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Mehr als zwanzig Jahre sp\u00e4ter versucht der Erz\u00e4hler, ein Buch \u00fcber das Geschehen zu schreiben \u2013 und merkt, dass er sich selbst in diesem Versuch verstrickt. Er hadert mit der Verantwortung: Darf man ein solches Trauma literarisch ausschlachten? Oder schuldet man der eigenen Erinnerung gerade diese Form der Verdichtung? Dieses Spannungsfeld macht das Buch so unmittelbar und aktuell, denn es geht nicht nur um Erfurt, sondern um die Art und Weise, wie wir als Gesellschaft mit Gewalt, mit Gedenken und mit Erz\u00e4hlen umgehen. Erdmann schreibt in einer Sprache, die zugleich schlicht und kunstvoll ist. Keine \u00fcberfl\u00fcssigen Ausschm\u00fcckungen, sondern klare, fast spr\u00f6de S\u00e4tze, die gerade dadurch unter die Haut gehen. Manchmal wirken die Abschnitte wie Notizen, wie vorsichtig gesetzte Schritte, als sei selbst das Erz\u00e4hlen ein Balanceakt. Dann wieder weitet sich der Ton ins Essayistische, ohne je belehrend zu werden. F\u00fcr mich ist das genau die richtige Mischung. Was mir beim Lesen immer wieder durch den Kopf ging: <em>Die Ausweichschule<\/em> ist nicht nur ein Buch \u00fcber ein schreckliches Ereignis, sondern auch \u00fcber die Unm\u00f6glichkeit, endg\u00fcltig dar\u00fcber zu sprechen. Jede Erinnerung ver\u00e4ndert sich, jedes Erz\u00e4hlen schafft eine neue Schicht. Das macht den Roman zu einem doppelten Dokument \u2013 einer pers\u00f6nlichen Spurensuche und einer literarischen Reflexion \u00fcber Erinnerung selbst. Ich habe beim Lesen mehrmals innehalten m\u00fcssen, um Luft zu holen. Erdmanns Text konfrontiert einen, zwingt zur Auseinandersetzung, aber er l\u00e4sst auch Raum f\u00fcr eigene Gedanken und Erinnerungen. Und genau das macht ihn so wertvoll. <em>Die Ausweichschule<\/em> ist kein leichtes Buch. Aber es ist eines, das man lesen muss. Weil es uns daran erinnert, dass hinter Schlagzeilen immer Menschen stehen. Weil es zeigt, wie Erinnerung funktioniert \u2013 oder eben nicht funktioniert. Und weil Kaleb Erdmann den Mut hatte, nicht nur von einem Trauma zu erz\u00e4hlen, sondern von der Zerbrechlichkeit des Erz\u00e4hlens selbst. F\u00fcr mich schon jetzt eines der wichtigsten B\u00fccher des Jahres 2025 und v\u00f6llig zu Recht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>mit dem f\u00fcr den Deutschen Buchpreis nominierten Werk &#8222;Die Ausweichschule&#8220; von Kaleb Erdmann. \/\/ Viele B\u00fccher liest man, und danach klappt man sie zu und geht einfach wieder in den Alltag zur\u00fcck. 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