{"id":33443,"date":"2025-08-22T12:30:00","date_gmt":"2025-08-22T10:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=33443"},"modified":"2025-08-22T12:30:02","modified_gmt":"2025-08-22T10:30:02","slug":"aufgelesen-vol-610-gott-des-waldes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=33443","title":{"rendered":"\/\/ aufgelesen vol. (6)10 &#8211; &#8222;gott des waldes&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<p><em>mit dem Werk &#8222;Gott des Waldes&#8220; von Liz Moore.  <\/em><\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Liz-Moore-665x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-33445\" width=\"200\" srcset=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Liz-Moore-665x1024.jpg 665w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Liz-Moore-195x300.jpg 195w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Liz-Moore-768x1183.jpg 768w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Liz-Moore-997x1536.jpg 997w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Liz-Moore-1330x2048.jpg 1330w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Liz-Moore-scaled.jpg 1662w\" sizes=\"(max-width: 665px) 100vw, 665px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>\/\/ Als ich <em>Der Gott des Waldes<\/em> von <strong>Liz Moore <\/strong>aufschlug, war ich sofort in eine Atmosph\u00e4re hineingezogen, die dicht, dr\u00fcckend und zugleich unwiderstehlich geheimnisvoll ist. Schon der erste Satz \u201eWenn du dich verl\u00e4ufst: Setz dich hin und schrei!\u201c hat bei mir ein Echo ausgel\u00f6st \u2013 eine Mischung aus kindlicher Angst vor dem Wald und der Gewissheit, dass hier nicht nur Natur, sondern auch menschliche Abgr\u00fcnde verhandelt werden. Die Geschichte beginnt im Sommer 1975 in den Adirondack Mountains, und dieses Setting ist mehr als blo\u00dfe Kulisse: Der Wald wird selbst zur Hauptfigur. Moore gelingt es meisterhaft, die Landschaft so lebendig zu beschreiben, dass ich beim Lesen fast die feuchte Hitze sp\u00fcrte, den modrigen Geruch der Erde, das Rascheln im Unterholz, das einen immer wieder erschreckt, weil man nicht wei\u00df, ob es ein Tier oder ein Mensch ist. Der Wald verschluckt, verschleiert, bewahrt Geheimnisse \u2013 und genau in diesem Zwielicht verschwinden Kinder. <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Das Zentrum des Romans bildet das Verschwinden von Barbara Van Laar, der dreizehnj\u00e4hrigen Tochter einer wohlhabenden, aber zerr\u00fctteten Familie, die \u00fcber Land und Menschen im Camp herrscht, als seien es ihre Besitzst\u00fccke. Schon vierzehn Jahre zuvor verschwand Barbaras Bruder Bear \u2013 spurlos. Diese Verbindung zieht sich wie ein unheilvolles Echo durch die Seiten, und w\u00e4hrend die offizielle Suche beginnt, legt Moore die eigentlichen Abgr\u00fcnde frei: nicht nur den Wald, sondern das, was sich hinter den Fassaden der Menschen abspielt. Was mich beim Lesen am meisten gefesselt hat, war die Vielstimmigkeit. Die Autorin gibt nicht nur den Van Laars Raum, sondern auch den Kindern, die mit Barbara im Camp waren, den Angestellten, die am Rand der Gesellschaft stehen, und jenen, die von der Macht und dem Geld der Familie abh\u00e4ngig sind. Jeder Blickwinkel tr\u00e4gt ein Puzzlest\u00fcck bei, und doch bleibt immer das Gef\u00fchl, dass man der Wahrheit nie ganz nahekommt. Diese Unsicherheit, dieses Changieren zwischen dem, was gesagt wird, und dem, was verschwiegen wird, erzeugt eine unheimliche Spannung. Die Van Laars selbst sind wie eine dunkle Chiffre. Reich, einflussreich, abweisend \u2013 und gleichzeitig v\u00f6llig unf\u00e4hig, die Br\u00fcche in ihrer eigenen Familie zu sehen. Ich habe beim Lesen immer wieder gedacht: \u201eSie sind Opfer und T\u00e4ter zugleich.\u201c Ihre K\u00e4lte gegen\u00fcber den Suchtrupps, ihr Z\u00f6gern, Hilfe zu rufen, ihr unausgesprochenes Wissen um den verschwundenen Sohn \u2013 all das macht sie zu einer Familie, die von Schuld durchdrungen ist, auch wenn niemand sie offen ausspricht. Aber <em>Der Gott des Waldes<\/em> ist weit mehr als ein Kriminalfall. Moore legt mit feiner Beobachtungsgabe soziale Ungleichheiten offen: das Leben der privilegierten Camperinnen und das Schicksal der Angestellten, die im Schatten dienen und doch mehr sehen, als die Van Laars je wahrhaben wollen. Es geht um Machtmissbrauch, ums Schweigen der Frauen, die sich behaupten m\u00fcssen, um Loyalit\u00e4t, Verrat und die fragile Sch\u00f6nheit von Freundschaften, die unter Druck st\u00e4rker oder zerbrechlicher werden. Ich habe das Buch nicht wie einen klassischen Thriller gelesen, sondern wie einen Gesellschaftsroman, der die Form des Thrillers nutzt, um tiefer zu graben. Jede Figur, jede Andeutung hat mich gezwungen, zur\u00fcckzubl\u00e4ttern, zu vergleichen, Hypothesen aufzustellen. Moore schreibt mit einer Pr\u00e4zision, die mich oft sprachlos gemacht hat \u2013 mal k\u00fchl, mal poetisch, immer durchdrungen von einer unterschwelligen Bedrohung. Besonders die Figur der Barbara hat mich ber\u00fchrt: ein junges M\u00e4dchen, das versucht, im Schatten ihrer Familie eine eigene Identit\u00e4t zu finden, und doch in einem Netz aus Erwartungen, Geheimnissen und Machtspielen gefangen ist. Dass sie verschwindet, wirkt fast wie ein unausweichliches Schicksal \u2013 und doch habe ich beim Lesen gehofft, dass es vielleicht einen Ausweg gibt, einen Riss im Geflecht der Schuld. Am Ende bleibt kein befriedigendes Aufatmen, sondern ein Echo, das nachhallt: die Erkenntnis, dass der Wald vieles verschluckt, dass aber die eigentlichen Schrecken in den Strukturen der Gesellschaft liegen. <em>Der Gott des Waldes<\/em> ist ein vielschichtiger, wuchtiger Roman, der weit \u00fcber sein Genre hinausweist \u2013 und der mich noch Tage nach der letzten Seite nicht losgelassen hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>mit dem Werk &#8222;Gott des Waldes&#8220; von Liz Moore. \/\/ Als ich Der Gott des Waldes von Liz Moore aufschlug, war ich sofort in eine Atmosph\u00e4re hineingezogen, die dicht, dr\u00fcckend und zugleich unwiderstehlich geheimnisvoll ist. 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