{"id":33444,"date":"2025-08-23T12:28:10","date_gmt":"2025-08-23T10:28:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=33444"},"modified":"2025-08-23T12:28:11","modified_gmt":"2025-08-23T10:28:11","slug":"aufgelesen-vol-611-die-schrecken-der-anderen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=33444","title":{"rendered":"\/\/ aufgelesen vol. (6)11 &#8211; &#8222;die schrecken der anderen&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<p><em>mit dem Werk &#8222;Die Schrecken der Anderen&#8220; von Martina Clavadetscher.  <\/em><\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Martzina-Clavadetscher-624x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-33447\" width=\"200\" srcset=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Martzina-Clavadetscher-624x1024.jpg 624w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Martzina-Clavadetscher-183x300.jpg 183w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Martzina-Clavadetscher-768x1260.jpg 768w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Martzina-Clavadetscher-937x1536.jpg 937w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Martzina-Clavadetscher-1249x2048.jpg 1249w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Martzina-Clavadetscher-scaled.jpg 1561w\" sizes=\"(max-width: 624px) 100vw, 624px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>\/\/ Als ich <em>Die Schrecken der anderen<\/em> von <strong>Martina Clavadetscher <\/strong>zur Hand nahm, war mir schnell klar, dass dieses Buch mich nicht in einer linearen Erz\u00e4hlung begleiten w\u00fcrde, sondern mich Schicht f\u00fcr Schicht in eine Welt zieht, die mehr Fragen stellt, als sie Antworten gibt. Der Einstieg wirkt fast unschuldig: Ein Junge st\u00f6\u00dft beim Schlittschuhlaufen auf einen Toten im Eis. Doch was zun\u00e4chst wie ein bizarrer Zufall klingt, \u00f6ffnet eine T\u00fcr in eine Geschichte, die viel gr\u00f6\u00dfer ist als dieses einzelne Bild \u2013 eine Geschichte, die von Erinnerung, Schuld, Verdr\u00e4ngung und Verstrickungen handelt. Besonders eindr\u00fccklich ist die Figur Kern, ein schwerreicher Erbe, dessen Augenlicht schw\u00e4cher wird, w\u00e4hrend er selbst nicht wirklich sehen will. Das Motiv des Sehens und Nicht-Sehens durchzieht den ganzen Roman wie ein leiser, aber beharrlicher Takt. Kerns Mutter, hundert Jahre alt, ans Bett im Dachgeschoss gefesselt und dennoch alles bestimmend, hat mich besonders fasziniert: Sie ist einer dieser Charaktere, die wie ein Symbol wirken, als Verk\u00f6rperung von Macht, Tradition und einer Schuld, die nicht vergeht, sondern weitergegeben wird. <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Immer wieder schiebt Clavadetscher neue Figuren ins Bild, die auf den ersten Blick nebens\u00e4chlich erscheinen und doch unverzichtbar sind. Da ist Schibig, der Archivar, dessen Einsamkeit in der Begegnung mit Rosa eine Wendung nimmt. Rosa, die Alte aus dem Wohnwagen, war f\u00fcr mich eine Art Gegenstimme zu all dem Schweigen, ein lebendiges Ged\u00e4chtnis, das sich nicht abspeisen l\u00e4sst mit der Behauptung, Dinge seien belanglos oder abgeschlossen. Sie erkennt die Zusammenh\u00e4nge zwischen dem Toten im Eis, den mysteri\u00f6sen Zylinderherren im Gasthof, der Frau, die sich weigert, Kreide zu essen, und dem geplanten Mahnmal, das im Zentrum einer gr\u00f6\u00dferen Auseinandersetzung steht. Clavadetschers Sprache ist klar und zugleich vielschichtig. Man liest S\u00e4tze, die zun\u00e4chst n\u00fcchtern wirken, aber dann wie Nachbeben in einem nachhallen. Oft habe ich beim Lesen innegehalten, weil ich sp\u00fcrte, dass hinter einer scheinbar allt\u00e4glichen Szene eine viel gr\u00f6\u00dfere Bedeutung liegt. Sie schafft es, Allt\u00e4gliches und Legenden, Vergessenes und Gegenw\u00e4rtiges so zu verweben, dass daraus ein dichtes Gewebe entsteht, das sich der schnellen Deutung entzieht. Was mich am meisten ber\u00fchrt hat, ist der Gedanke, dass das eigentliche Verbrechen oft im Dulden liegt. Dieses Schweigen, dieses Wegsehen \u2013 es ist bequemer, aber es macht uns mitschuldig. Immer wieder hatte ich das Gef\u00fchl, dass Clavadetscher nicht nur von ihren Figuren erz\u00e4hlt, sondern auch direkt mich anspricht, mich zwingt, \u00fcber mein eigenes Verh\u00e4ltnis zum Erinnern und Verdr\u00e4ngen nachzudenken. <em>Die Schrecken der anderen<\/em> hat in mir eine eigent\u00fcmliche Mischung ausgel\u00f6st: Beklemmung, Staunen, manchmal auch Widerstand, weil ich nicht alles ertragen wollte, was aufgedeckt wird. Und doch konnte ich mich dem Sog dieser Geschichte nicht entziehen. Es ist ein Roman, der keine leichte Begleitung bietet, sondern eine Auseinandersetzung verlangt, und genau darin liegt seine Kraft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>mit dem Werk &#8222;Die Schrecken der Anderen&#8220; von Martina Clavadetscher. \/\/ Als ich Die Schrecken der anderen von Martina Clavadetscher zur Hand nahm, war mir schnell klar, dass dieses Buch mich nicht in einer linearen Erz\u00e4hlung begleiten w\u00fcrde, sondern mich Schicht f\u00fcr Schicht in eine Welt zieht, die mehr Fragen stellt, als sie Antworten gibt. 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