{"id":33451,"date":"2025-08-30T14:01:18","date_gmt":"2025-08-30T12:01:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=33451"},"modified":"2025-08-30T14:01:34","modified_gmt":"2025-08-30T12:01:34","slug":"aufgelesen-vol-617-und-federn-ueberall","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=33451","title":{"rendered":"\/\/ aufgelesen vol. (6)17 &#8211; &#8222;und federn \u00fcberall&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<p><em>mit dem f\u00fcr den Deutschen Buchpreis nominierten Werk &#8222;Und Federn \u00fcberall&#8220; von Nava Ebrahimi.  <\/em><\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Nava-Ebrahimi-627x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-33455\" width=\"200\" srcset=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Nava-Ebrahimi-627x1024.jpg 627w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Nava-Ebrahimi-184x300.jpg 184w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Nava-Ebrahimi-768x1254.jpg 768w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Nava-Ebrahimi-941x1536.jpg 941w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Nava-Ebrahimi-1254x2048.jpg 1254w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Nava-Ebrahimi-scaled.jpg 1568w\" sizes=\"(max-width: 627px) 100vw, 627px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>\/\/ Als ich das auf der Longlist des diesj\u00e4hrigen Buchpreises stehende Werk <em>Und Federn \u00fcberall<\/em> von <strong>Nava Ebrahimi<\/strong> aufschlug, hatte ich sofort das Gef\u00fchl, dass hier nicht einfach eine Geschichte erz\u00e4hlt wird, sondern dass sich eine ganze Welt auftut \u2013 eine Welt, die auf den ersten Blick unscheinbar wirkt und doch voller Risse, Sehns\u00fcchte und unausgesprochener Wahrheiten steckt. Die Kleinstadt Lasseren im Emsland ist ein Ort, den man leicht \u00fcbersehen k\u00f6nnte: flaches Land, Nebel, ein Schlachthof als gr\u00f6\u00dfter Arbeitgeber. Aber genau in dieser Provinz zeigt Ebrahimi, wie intensiv und universell das Leben sein kann. Die Erz\u00e4hlung entfaltet sich \u00fcber einen einzigen Tag, und trotzdem wirkt es, als w\u00fcrde man Zeuge ganzer Biografien. Sonia, die alleinerziehende Mutter, hat mir besonders nahegestanden \u2013 ihre stille Hoffnung, irgendwo einen Platz zu finden, an dem sie mehr ist als eine Arbeitskraft am Flie\u00dfband, ist so nachvollziehbar, dass ich beim Lesen mehrfach schlucken musste. <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Ganz anders Anna, die junge Ingenieurin, die beweisen muss, dass ihre Automatisierung im Schlachthof funktioniert. Sie steht f\u00fcr eine Generation, die inmitten von Technologie und Leistungsdruck versucht, nicht unterzugehen. Dann dieser tragikomische Merkhausen \u2013 ein verlassener Mann, der zwischen Prozessoptimierung und polnischen Dating-Abenteuern schwankt. Und mittendrin Nassim, der gefl\u00fcchtete Afghane, der glaubt, seine Gedichte k\u00f6nnten deutsche B\u00fcrokraten erweichen. In seiner Zerrissenheit, in seiner Sehnsucht nach Anerkennung und Zugeh\u00f6rigkeit, liegt etwas ungeheuer Zartes. Die Aff\u00e4re mit der \u00e4lteren Justyna wirkt gleichzeitig schutzlos und trotzig \u2013 als wolle er sich mit aller Kraft ins Leben hineinschreiben. Besonders eindr\u00fccklich ist f\u00fcr mich Roshi gewesen, die Autorin aus K\u00f6ln, die Nassims Texte \u00fcbersetzt. Sie ist wie eine Spiegelung Ebrahimis selbst \u2013 eine Vermittlerin zwischen Sprachen, zwischen Kulturen, zwischen Welten. In ihren Augen b\u00fcndeln sich die Fragen, die das ganze Buch durchziehen: Wie erz\u00e4hlen wir unser Leben? Wer darf es \u00fcbersetzen, deuten, weitergeben? Was mich beim Lesen regelrecht umgehauen hat, war, wie Ebrahimi aus kleinen, fast unspektakul\u00e4ren Momenten Funken schl\u00e4gt. Da ist die Szene mit dem kaputten Blindenstock, die eigentlich eine Randepisode sein k\u00f6nnte \u2013 und doch pl\u00f6tzlich eine ganze Stadt aufr\u00fcttelt. Pl\u00f6tzlich bekommt Nassim eine Stimme im Lokalradio, pl\u00f6tzlich h\u00f6ren die Menschen hin, und pl\u00f6tzlich sind sie gezwungen, \u00fcber sich selbst nachzudenken. Genau darin liegt die St\u00e4rke dieses Romans: Er zeigt, wie das scheinbar Unbedeutende zu einer Art Wendepunkt werden kann. Sprachlich ist der Text leichtf\u00fc\u00dfig und zugleich pr\u00e4zise. Ebrahimi schreibt ohne Pathos, aber voller Empathie. Sie gibt jeder Figur eine eigene Farbe, einen eigenen Tonfall, und wenn man zwischen den Kapiteln wechselt, f\u00fchlt es sich an, als w\u00fcrde man von Zimmer zu Zimmer in einem Haus gehen, in dem alle auf ihre Weise einsam sind \u2013 und doch miteinander verbunden. Ich habe beim Lesen immer wieder das Gef\u00fchl gehabt, dass dieser Roman eine gro\u00dfe Frage stellt: Was hei\u00dft es, menschlich zu bleiben, wenn die Umst\u00e4nde h\u00e4rter werden, wenn man st\u00e4ndig zu funktionieren hat, wenn das Leben einen in Schablonen dr\u00fcckt? Die Antwort gibt er nicht in Form von gro\u00dfen Reden, sondern durch die kleinen Gesten seiner Figuren: Sonias stilles Durchhalten, Nassims Glaube an die Kraft der Poesie, Annas Versuch, sich als Frau in einer M\u00e4nnerwelt zu behaupten. Am Ende hatte ich das Gef\u00fchl, dass Ebrahimi nicht nur die Geschichte von sechs Menschen erz\u00e4hlt, sondern auch das Portr\u00e4t einer Gesellschaft, die zwischen Stillstand und Aufbruch schwankt. <em>Und Federn \u00fcberall<\/em> ist ein leiser, aber eindringlicher Roman, der zeigt, dass selbst in den unscheinbarsten Orten, an den R\u00e4ndern, wo man nicht hinzuschauen meint, die gro\u00dfen Fragen unseres Zusammenlebens verhandelt werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>mit dem f\u00fcr den Deutschen Buchpreis nominierten Werk &#8222;Und Federn \u00fcberall&#8220; von Nava Ebrahimi. \/\/ Als ich das auf der Longlist des diesj\u00e4hrigen Buchpreises stehende Werk Und Federn \u00fcberall von Nava Ebrahimi aufschlug, hatte ich sofort das Gef\u00fchl, dass hier nicht einfach eine Geschichte erz\u00e4hlt wird, sondern dass sich eine ganze Welt auftut \u2013 eine [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-33451","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category--unter-der-haut"],"aioseo_notices":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/33451","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=33451"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/33451\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":33578,"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/33451\/revisions\/33578"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=33451"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=33451"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=33451"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}