{"id":33452,"date":"2025-09-07T18:07:49","date_gmt":"2025-09-07T16:07:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=33452"},"modified":"2025-09-07T18:07:51","modified_gmt":"2025-09-07T16:07:51","slug":"aufgelesen-vol-622-der-stille-freund","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=33452","title":{"rendered":"\/\/ aufgelesen vol. (6)22 &#8211; &#8222;der stille freund&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<p><em>mit dem Werk &#8222;Der stille Freund&#8220; von Ferdinand von Schirach.  <\/em><\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Ferdinand-von-Schirach-645x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-33453\" width=\"200\" srcset=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Ferdinand-von-Schirach-645x1024.jpg 645w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Ferdinand-von-Schirach-189x300.jpg 189w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Ferdinand-von-Schirach-768x1219.jpg 768w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Ferdinand-von-Schirach-968x1536.jpg 968w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Ferdinand-von-Schirach-1290x2048.jpg 1290w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Ferdinand-von-Schirach-scaled.jpg 1613w\" sizes=\"(max-width: 645px) 100vw, 645px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>\/\/ Als ich <em>Der stille Freund<\/em> von <strong>Ferdinand von Schirach <\/strong>zur Hand nahm, wusste ich schon, dass mich keine klassischen Erz\u00e4hlungen erwarten w\u00fcrden, sondern diese eigent\u00fcmliche Mischung aus Beobachtung, Reflexion und knappen Szenen, die man bei ihm so schnell nicht vergisst. Von Schirach schreibt nie laut, nie aufdringlich \u2013 er schreibt so, dass man pl\u00f6tzlich inneh\u00e4lt, den Satz noch einmal liest und sp\u00fcrt, dass er etwas auf den Punkt gebracht hat, was man selbst schon oft gef\u00fchlt, aber nie formuliert hat. Das Buch ist eine Sammlung von Erz\u00e4hlungen, und doch h\u00e4ngt alles wie durch einen unsichtbaren Faden zusammen. Es geht um die Fragilit\u00e4t des Menschen, um seine Triumphe und sein Scheitern, aber auch um das, was ihn antreibt: die Sehnsucht nach Sicherheit, nach Freiheit, nach einem Platz im Leben. Manche Geschichten beginnen beil\u00e4ufig, fast unscheinbar, und genau darin liegt ihre Kraft. Da ist etwa die Erinnerung an historische Figuren \u2013 Gottfried von Cramm, Adolf Loos, Egon Friedell \u2013 Menschen, deren Lebensl\u00e4ufe wie Brenngl\u00e4ser wirken: auf Eitelkeit, Mut, Verletzlichkeit, die Zuf\u00e4lligkeit des Ruhms und den j\u00e4hen Absturz. <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Besonders ber\u00fchrt hat mich, wie von Schirach \u00fcber Zuf\u00e4lle schreibt. Es sind kleine Entscheidungen, winzige Abweichungen im Alltag, die ein Leben f\u00fcr immer ver\u00e4ndern k\u00f6nnen. In einer seiner Geschichten war ich so erstaunt, wie beil\u00e4ufig die Katastrophe hereingebrochen ist \u2013 nicht als Drama inszeniert, sondern wie eine stille, unaufhaltsame Konsequenz. Dieses Understatement macht seine Texte so eindringlich: Man liest nicht, um eine spektakul\u00e4re Pointe zu finden, sondern um zu begreifen, wie das Leben tats\u00e4chlich spielt \u2013 unberechenbar, manchmal grausam, manchmal unerwartet gro\u00dfartig. Es gibt auch Momente von Sch\u00f6nheit, die mich fast wehm\u00fctig gemacht haben. Wenn er \u00fcber Musik oder Malerei schreibt, dann nicht wie ein Kritiker, sondern wie jemand, der ganz still davorsteht und sich von der Kunst ver\u00e4ndern l\u00e4sst. Ich hatte mehr als einmal das Gef\u00fchl, dass <em>Der stille Freund<\/em> auch ein Buch \u00fcber Dankbarkeit ist \u2013 dar\u00fcber, dass es trotz all der Unsicherheit Dinge gibt, die uns tragen k\u00f6nnen: ein Lied, ein Bild, eine Begegnung. Sein Ton ist unverkennbar: n\u00fcchtern, lakonisch, fast k\u00fchl. Und gerade in dieser K\u00fchle liegt W\u00e4rme, weil sie dem Leser die Freiheit l\u00e4sst, das Eigene hineinzulegen. Ich habe beim Lesen oft gedacht, dass von Schirach weniger Geschichten erz\u00e4hlt, als vielmehr Spiegel aufstellt, in denen man sich selbst erkennt \u2013 in den \u00c4ngsten, den Zuf\u00e4llen, den Sehns\u00fcchten. Am Ende bleibt das Gef\u00fchl, dass <em>Der stille Freund<\/em> kein Buch ist, das man einmal liest und dann wegstellt. Es ist eher eines, zu dem man zur\u00fcckkehrt, um sich in den kleinen, unscheinbaren S\u00e4tzen neu zu verorten. Es erz\u00e4hlt nicht nur von den Br\u00fcchen der anderen, sondern macht einem bewusst, dass auch das eigene Leben von Zuf\u00e4llen abh\u00e4ngt, dass man verletzlich ist \u2013 und dass genau darin die W\u00fcrde liegt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>mit dem Werk &#8222;Der stille Freund&#8220; von Ferdinand von Schirach. \/\/ Als ich Der stille Freund von Ferdinand von Schirach zur Hand nahm, wusste ich schon, dass mich keine klassischen Erz\u00e4hlungen erwarten w\u00fcrden, sondern diese eigent\u00fcmliche Mischung aus Beobachtung, Reflexion und knappen Szenen, die man bei ihm so schnell nicht vergisst. 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