{"id":33457,"date":"2025-08-24T21:42:28","date_gmt":"2025-08-24T19:42:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=33457"},"modified":"2025-08-24T21:46:27","modified_gmt":"2025-08-24T19:46:27","slug":"aufgelesen-vol-612-wachs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=33457","title":{"rendered":"\/\/ aufgelesen vol. (6)12 &#8211; &#8222;wachs&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<p><em>mit dem f\u00fcr den Deutschen Buchpreis nominierten Werk &#8222;Wachs&#8220; von Christine Wunnicke.  <\/em><\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Christine-Wunnicke-685x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-33458\" width=\"200\" srcset=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Christine-Wunnicke-685x1024.jpg 685w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Christine-Wunnicke-201x300.jpg 201w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Christine-Wunnicke-768x1149.jpg 768w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Christine-Wunnicke-1027x1536.jpg 1027w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Christine-Wunnicke-1369x2048.jpg 1369w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Christine-Wunnicke-scaled.jpg 1711w\" sizes=\"(max-width: 685px) 100vw, 685px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>\/\/ W\u00e4hrend ich <em>Wachs<\/em> von Christine Wunnicke in den H\u00e4nden hielt, war sofort klar: Das ist kein gew\u00f6hnlicher historischer Roman, sondern einer dieser Texte, die aus einer ganz eigenen Welt zu kommen scheinen. Wunnicke schreibt mit einer Leichtigkeit, die tr\u00fcgerisch ist \u2013 hinter den geschmeidigen S\u00e4tzen lauert eine Sch\u00e4rfe, ein ironischer Witz, eine Z\u00e4rtlichkeit, die sich nicht anbiedert. Im Zentrum stehen zwei Frauen, deren Leben auf den ersten Blick nicht weiter voneinander entfernt sein k\u00f6nnten: Marie Biheron, die schon fr\u00fch Leichen seziert, um mit Wachs die Anatomie des Menschen nachzubilden, und Madeleine Basseporte, die mit feiner Hand Blumenzeichnungen anfertigt und sich dabei von Menschen lieber fernh\u00e4lt. <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Dass ausgerechnet diese beiden sich ineinander verlieben, ist keine zuf\u00e4llige Pointe, sondern eine gro\u00dfe literarische Geste: eine Liebesgeschichte, die gegen jede Wahrscheinlichkeit und gegen die engen Strukturen ihrer Zeit existiert. Was mich beim Lesen besonders begeistert hat, ist die Mischung aus Pr\u00e4zision und Fantasie. Wunnicke scheut sich nicht vor grotesken Bildern \u2013 die aus Wachs modellierten Organe, die morbide Faszination f\u00fcr das Innenleben des Menschen \u2013 und verwebt sie zugleich mit einer fast poetischen Leichtigkeit. Ich hatte oft das Gef\u00fchl, auf einer B\u00fchne zu sitzen, w\u00e4hrend ein Schauspiel aufgef\u00fchrt wird, das zwischen Kom\u00f6die und Trag\u00f6die pendelt. Und dann sind da die M\u00e4nner, die, wie der Klappentext so sch\u00f6n sagt, in \u201esch\u00f6nen Nebenrollen\u201c auftreten: ein Bestsellerautor, der sich selbst zu wichtig nimmt; ein junger Nichtsnutz, der eigentlich nur st\u00f6rt; Diderot, der Kaffee trinkt und redet. Diese Figuren geben der Geschichte Witz und Tempo, aber im Kern sind es die beiden Frauen, die das Buch tragen \u2013 ihre Leidenschaft, ihre Eigenheiten, ihre unbeirrbare Beharrlichkeit, sich von niemandem die Deutungshoheit \u00fcber ihr Leben nehmen zu lassen. Der historische Rahmen \u2013 Frankreich im 18. Jahrhundert, der \u00dcbergang von der Vor- zur Revolution \u2013 ist nicht blo\u00df Kulisse, sondern atmende, pulsierende Umgebung. Wunnicke zeigt das Sch\u00f6ne (die K\u00fcchenschellen am Wegesrand) genauso wie das Grauen (die Enthauptungen, die mit fast allt\u00e4glicher N\u00fcchternheit geschildert werden). Mich hat beeindruckt, wie sie es schafft, den Schrecken dieser Zeit nicht mit Pathos, sondern mit einer Art lakonischer Eleganz darzustellen. Dadurch wird die Gewalt nicht abgeschw\u00e4cht, sondern im Gegenteil noch eindringlicher. <em>Wachs<\/em> ist f\u00fcr mich ein Roman, der sich gegen jede Schublade sperrt: Liebesgeschichte, K\u00fcnstlerinnenroman, historische Satire, philosophisches Nachdenken \u00fcber Verg\u00e4nglichkeit \u2013 und zugleich etwas ganz Eigenes. Ich habe mich beim Lesen oft ertappt, wie ich l\u00e4chelte, obwohl die Szene makaber war, oder wie ich pl\u00f6tzlich von einer unerwarteten Z\u00e4rtlichkeit getroffen wurde, wo ich eigentlich Ironie erwartete. Dass das Buch auf der Longlist des Deutschen Buchpreises steht, wundert mich nicht im Geringsten. Es hat diese Mischung aus Originalit\u00e4t, sprachlicher Brillanz und inhaltlicher K\u00fchnheit, die man so selten findet. Wunnicke gelingt es, eine Geschichte zu erz\u00e4hlen, die tief in der Vergangenheit verankert ist und trotzdem unmittelbar gegenw\u00e4rtig wirkt \u2013 ein Buch, das die Grenze zwischen Ernst und Spiel, zwischen Sch\u00f6nheit und Grauen immer wieder neu austariert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>mit dem f\u00fcr den Deutschen Buchpreis nominierten Werk &#8222;Wachs&#8220; von Christine Wunnicke. \/\/ W\u00e4hrend ich Wachs von Christine Wunnicke in den H\u00e4nden hielt, war sofort klar: Das ist kein gew\u00f6hnlicher historischer Roman, sondern einer dieser Texte, die aus einer ganz eigenen Welt zu kommen scheinen. Wunnicke schreibt mit einer Leichtigkeit, die tr\u00fcgerisch ist \u2013 hinter [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-33457","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category--unter-der-haut"],"aioseo_notices":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/33457","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=33457"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/33457\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":33526,"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/33457\/revisions\/33526"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=33457"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=33457"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=33457"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}