{"id":33463,"date":"2025-09-18T21:15:49","date_gmt":"2025-09-18T19:15:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=33463"},"modified":"2025-09-18T21:15:51","modified_gmt":"2025-09-18T19:15:51","slug":"aufgelesen-vol-630-e","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=33463","title":{"rendered":"\/\/ aufgelesen vol. (6)30 &#8211; &#8222;\u00eb&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<p><em>mit dem f\u00fcr den Deutschen Buchpreis nominierten Werk &#8222;\u00eb&#8220; von Jehona Kicaj.  <\/em><\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Jehona-Kicaj-611x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-33469\" width=\"200\" srcset=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Jehona-Kicaj-611x1024.jpg 611w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Jehona-Kicaj-179x300.jpg 179w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Jehona-Kicaj-768x1286.jpg 768w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Jehona-Kicaj-917x1536.jpg 917w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Jehona-Kicaj-1223x2048.jpg 1223w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Jehona-Kicaj-scaled.jpg 1528w\" sizes=\"(max-width: 611px) 100vw, 611px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>\/\/ Manchmal sp\u00fcrt man schon beim Aufschlagen eines Buches, dass man hier in etwas sehr Pers\u00f6nliches hineinger\u00e4t \u2013 nicht nur in eine erfundene Geschichte, sondern in einen Versuch, Sprache gegen das Verstummen zu setzen. So habe ich <em>\u00eb<\/em>, das Deb\u00fct von <strong>Jehona Kicaj<\/strong>, erlebt: ein stiller, zarter, und doch ungeheuer kraftvoller Text \u00fcber Heimatverlust, Sprachsuche und das Weiterleben mit einer Vergangenheit, die nie wirklich vergeht. Der Titel selbst \u2013 ein einzelner Buchstabe \u2013 ist bereits ein Manifest. Das \u201e\u00eb\u201c in der albanischen Sprache ist oft kaum h\u00f6rbar, aber unverzichtbar. Genau so liest sich auch dieser Roman: eine Stimme, die lange \u00fcberh\u00f6rt wurde, die sich aber nicht wegdenken l\u00e4sst. Die Erz\u00e4hlerin w\u00e4chst als Kind kosovarischer Gefl\u00fcchteter in Deutschland auf. Sie geht wie andere Kinder in den Kindergarten, in die Schule, auf die Universit\u00e4t \u2013 und doch ist sie immer anders, weil ihr die Blicke, die Zuschreibungen, die Ahnungslosigkeit der anderen ununterbrochen spiegeln, dass sie nicht \u201edazugeh\u00f6rt\u201c. <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Besonders eindringlich fand ich, wie Kicaj die Erfahrung von Entfremdung in Sprache \u00fcbersetzt. Es sind keine gro\u00dfen Reden, sondern kleine Szenen: das Stolpern \u00fcber den eigenen Namen, die Unsicherheit, ob man sich in einer fremden Sprache je ganz zu Hause f\u00fchlen kann, die Distanz zwischen dem sicheren Alltag in Deutschland und den Bildern vom Kosovokrieg, die gleichzeitig weit weg und doch unertr\u00e4glich nah sind. Ich habe beim Lesen oft gesp\u00fcrt, wie die Erz\u00e4hlerin auf zwei Ebenen lebt \u2013 \u00e4u\u00dferlich angepasst, innerlich zerrissen zwischen N\u00e4he und Entfernung. Als der Krieg Ende der 90er-Jahre ausbricht, bleibt er f\u00fcr sie in der Diaspora ein Geschehen, das auf Umwegen ins eigene Leben dringt. Er wird gefiltert durch Nachrichten, durch Gespr\u00e4che, durch das Schweigen der Eltern. Aber er pr\u00e4gt alles: das Misstrauen, die Angst, den Schmerz, den K\u00f6rper selbst. Kicaj beschreibt das nicht pathetisch, sondern fast k\u00f6rperlich tastend \u2013 als w\u00e4re Erinnerung etwas, das in den Muskeln sitzt, im Atem, in jeder Faser. Was mich besonders beeindruckt hat, ist, wie literarisch eigenst\u00e4ndig dieser Text ist. Er tr\u00e4gt Spuren von Fragment, von Lyrik, von erz\u00e4hlender Prosa \u2013 und genau darin liegt seine Kraft. Nichts wirkt glattgeb\u00fcgelt oder gef\u00e4llig; es ist ein Suchen und Finden, ein Ausprobieren, ein Aneignen von Sprache. So, wie die Erz\u00e4hlerin nach einer Stimme ringt, ringt auch der Text selbst nach Form \u2013 und das macht ihn so authentisch. Beim Lesen musste ich mehr als einmal innehalten. Nicht, weil der Text schwer zug\u00e4nglich w\u00e4re, sondern weil er mir R\u00e4ume ge\u00f6ffnet hat, \u00fcber die ich bisher kaum nachgedacht hatte. Der Kosovokrieg ist in Deutschland fast unsichtbar \u2013 und doch hat er Biografien gepr\u00e4gt, Leben zerschlagen, Familien auseinandergerissen. Kicaj schafft es, dieses Unsichtbare sichtbar zu machen, ohne erhobenen Zeigefinger, sondern mit einer Sprache, die leise insistiert: H\u00f6r mir zu. <em>\u00eb<\/em> ist f\u00fcr mich kein Deb\u00fct, das man einfach weglegt, wenn man die letzte Seite gelesen hat. Es ist ein Buch, das nachhallt, weil es nicht nur von Verlust erz\u00e4hlt, sondern auch davon, dass Sprache \u2013 so br\u00fcchig sie ist \u2013 ein Ort sein kann, an dem man sich selbst wiederfindet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>mit dem f\u00fcr den Deutschen Buchpreis nominierten Werk &#8222;\u00eb&#8220; von Jehona Kicaj. \/\/ Manchmal sp\u00fcrt man schon beim Aufschlagen eines Buches, dass man hier in etwas sehr Pers\u00f6nliches hineinger\u00e4t \u2013 nicht nur in eine erfundene Geschichte, sondern in einen Versuch, Sprache gegen das Verstummen zu setzen. 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