{"id":33508,"date":"2025-08-28T09:18:02","date_gmt":"2025-08-28T07:18:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=33508"},"modified":"2025-08-28T09:18:15","modified_gmt":"2025-08-28T07:18:15","slug":"aufgelesen-vol-616-russische-spezialitaeten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=33508","title":{"rendered":"\/\/ aufgelesen vol. (6)15 &#8211; &#8222;russische spezialit\u00e4ten&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<p><em>mit dem f\u00fcr den Deutschen Buchpreis nominierten Werk &#8222;Russische Spezialit\u00e4ten&#8220; von Dimitrij Kapitelman.  <\/em><\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Dimitrij-Kapitelman-629x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-33513\" width=\"200\" srcset=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Dimitrij-Kapitelman-629x1024.jpg 629w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Dimitrij-Kapitelman-184x300.jpg 184w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Dimitrij-Kapitelman-768x1250.jpg 768w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Dimitrij-Kapitelman-944x1536.jpg 944w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Dimitrij-Kapitelman-1259x2048.jpg 1259w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Dimitrij-Kapitelman-scaled.jpg 1573w\" sizes=\"(max-width: 629px) 100vw, 629px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>\/\/ <strong>Dmitrij Kapitelman<\/strong> hat mit <em>Russische Spezialit\u00e4ten<\/em> einen Roman geschrieben, der sich schwerlich einer eindeutigen Gattung oder Stimmung zuordnen l\u00e4sst \u2013 und genau das macht ihn so besonders. Schon der Schauplatz, ein kleiner Laden in Leipzig, der alles anbietet, was nostalgisch nach \u201eHeimat\u201c schmeckt oder aussieht \u2013 Pelmeni, Wodka, SIM-Karten, Matrosenshirts \u2013, ist ein Sinnbild f\u00fcr das Zerrissene, Vieldeutige, das Kapitelman seit Jahren literarisch verhandelt: Wie lebt man in einer Welt, in der die Symbole f\u00fcr Verbundenheit pl\u00f6tzlich von politischen Verbrechen \u00fcberschattet werden? Im Zentrum stehen Mutter und Sohn, beide mit ukrainischen Wurzeln aus Kyjiw, und doch durch den russischen Angriffskrieg in eine fast un\u00fcberbr\u00fcckbare Distanz getrieben. Die Mutter h\u00e4lt zu Putin, gefangen in den Erz\u00e4hlungen der russischen Propaganda, w\u00e4hrend der Sohn, der an nichts so sehr h\u00e4ngt wie an seiner Sprache, seiner Mutter und seiner Heimatstadt, fast zerbricht an diesem Widerspruch. <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Er begibt sich schlie\u00dflich zur\u00fcck in die Ukraine \u2013 ein riskanter, fast irrationaler Schritt, aber einer, der aus Verzweiflung und Liebe gleicherma\u00dfen geboren ist. Kapitelman macht daraus keine glatte Heldengeschichte, sondern eine Tragikom\u00f6die, in der sich Z\u00e4rtlichkeit und bittere Verzweiflung st\u00e4ndig abwechseln. Das ist typisch f\u00fcr sein Schreiben: Schon in seinen fr\u00fcheren B\u00fcchern \u2013 etwa <em>Das L\u00e4cheln meines unsichtbaren Vaters<\/em> oder <em>Eine Formalie in Kiew<\/em> \u2013 verbindet er pers\u00f6nliche Familiengeschichten mit einer politischen Dimension, die weit \u00fcber das Private hinausweist. Er hat ein Gesp\u00fcr f\u00fcr Absurdit\u00e4ten im Alltag, f\u00fcr die grotesken und zugleich tief traurigen Momente, die entstehen, wenn politische Katastrophen ins famili\u00e4re Wohnzimmer einbrechen. Auch in <em>Russische Spezialit\u00e4ten<\/em> balanciert er m\u00fchelos zwischen Humor und Trauer, zwischen pr\u00e4ziser Beobachtung und poetischem Bild. Mich hat das Buch besonders deshalb bewegt, weil es nicht nur von der Sprachlosigkeit zwischen Mutter und Sohn erz\u00e4hlt, sondern auch von der Frage, ob Sprache selbst eine Br\u00fccke sein kann \u2013 oder ob sie, wenn sie einmal vergiftet ist, auch Gr\u00e4ben vertieft. Kapitelman schreibt in einem Ton, der nahbar und pers\u00f6nlich bleibt, ohne je ins Sentimentale abzugleiten. Man sp\u00fcrt, dass er nicht nur eine Geschichte \u00fcber seine Figuren erz\u00e4hlt, sondern zugleich \u00fcber eine ganze Generation, die mit Br\u00fcchen, Migration, Krieg und widerspr\u00fcchlichen Loyalit\u00e4ten lebt. Am Ende bleibt ein Roman, der v\u00f6llig zu Recht auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis steht und der trotz seines schmalen Umfangs enorm viel enth\u00e4lt: eine Familiengeschichte, eine Reflexion \u00fcber Wahrheit und L\u00fcge, \u00fcber Zugeh\u00f6rigkeit und Entfremdung, \u00fcber Liebe und Politik. Und vielleicht auch ein Versuch, mit Literatur das einzul\u00f6sen, was zwischen Menschen im Leben oft misslingt: ein Gespr\u00e4ch, das die Gr\u00e4ben wenigstens f\u00fcr einen Moment \u00fcberbr\u00fcckt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>mit dem f\u00fcr den Deutschen Buchpreis nominierten Werk &#8222;Russische Spezialit\u00e4ten&#8220; von Dimitrij Kapitelman. \/\/ Dmitrij Kapitelman hat mit Russische Spezialit\u00e4ten einen Roman geschrieben, der sich schwerlich einer eindeutigen Gattung oder Stimmung zuordnen l\u00e4sst \u2013 und genau das macht ihn so besonders. 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