{"id":33527,"date":"2025-08-31T17:04:44","date_gmt":"2025-08-31T15:04:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=33527"},"modified":"2025-08-31T17:04:45","modified_gmt":"2025-08-31T15:04:45","slug":"aufgelesen-vol-618-mauerpogo","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=33527","title":{"rendered":"\/\/ aufgelesen vol. (6)18 &#8211; &#8222;mauerpogo&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<p><em>mit dem Werk &#8222;Mauerpogo&#8220; von Sonja M. Schultz.  <\/em><\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Sonja-M.-Schultz-666x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-33531\" width=\"200\" srcset=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Sonja-M.-Schultz-666x1024.jpg 666w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Sonja-M.-Schultz-195x300.jpg 195w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Sonja-M.-Schultz-768x1180.jpg 768w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Sonja-M.-Schultz-999x1536.jpg 999w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Sonja-M.-Schultz-1332x2048.jpg 1332w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Sonja-M.-Schultz-scaled.jpg 1665w\" sizes=\"(max-width: 666px) 100vw, 666px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>\/\/ <strong>Sonja M. Schultz<\/strong> hat mit <em>Mauerpogo<\/em> einen Roman geschrieben, der nicht nur eine Zeitreise in die DDR der fr\u00fchen achtziger Jahre ist, sondern ein vibrierendes Portr\u00e4t jugendlicher Rebellion, das sich beim Lesen wirklich elektrisierend anf\u00fchlt. Wir begegnen Jo, einem vierzehnj\u00e4hrigen M\u00e4dchen, das mitten in der Vorbereitungsroutine zur Jugendweihe steckt \u2013 der Rock f\u00fcr die Feier liegt schon bereit, das Leben scheint vorgezeichnet, bieder und einengend. Doch dann f\u00e4llt ihr dieses eine Foto in die H\u00e4nde, eine Londonerin in Lederjacke, mit wirrer Frisur und zerrissenen Strumpfhosen. Es ist einer dieser Momente, in denen sich alles verschiebt: Pl\u00f6tzlich wird Jo klar, dass es auch ein anderes Leben gibt, eines jenseits der vorgefertigten Bahnen. Dieses Bild wird zu einer Art Initialz\u00fcndung, zu einem Versprechen von Freiheit, das sie mit aller Kraft einzul\u00f6sen versucht. Sie f\u00e4rbt sich die Haare knallgr\u00fcn, gr\u00fcndet eine Band, verliebt sich in Ratte, einen Schlagzeuger, dessen Rhythmus so kompromisslos ist wie der Punk selbst. <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>N\u00e4chte verbringt sie im Pressluftschuppen, tanzend, schwitzend, lebendig wie nie zuvor. In diesen Szenen sp\u00fcrt man als Leser*in nicht nur den Soundtrack der Zeit, sondern auch die K\u00f6rperlichkeit, die Energie, das Aufbegehren. <em>Mauerpogo<\/em> macht erfahrbar, dass Punk mehr war als Musik oder Mode \u2013 es war ein Lebensgef\u00fchl, eine Sprache, die es erlaubte, all das Unausgesprochene, die Wut, die Sehnsucht, das Eingesperrtsein in schrille, laute, rotzige Gesten zu \u00fcbersetzen. Doch Sonja M. Schultz bleibt nicht bei der euphorischen Oberfl\u00e4che stehen. Sie zeigt, wie schnell dieser Drang nach Freiheit in der DDR mit der Realit\u00e4t der staatlichen \u00dcberwachung kollidierte. Jo ger\u00e4t ins Visier der Stasi, erlebt Schikanen, Einsch\u00fcchterung, schlie\u00dflich auch Gewalt. Gerade diese Reibung macht den Roman so kraftvoll: Die Momente ausgelassener Freude stehen neben der Erfahrung von Ohnmacht und Repression. Die Ekstase des Pogotanzes trifft auf die Enge des \u00dcberwachungsstaats. Als Leser*in sp\u00fcrt man f\u00f6rmlich die Spannung zwischen den beiden Polen, das Zittern einer Generation, die nach Ausdruck sucht und gleichzeitig immer mit der Gefahr konfrontiert ist, daf\u00fcr bestraft zu werden. Was mich besonders ber\u00fchrt hat, ist die Direktheit, mit der Schultz erz\u00e4hlt. Sie schreibt in einer Sprache, die roh und poetisch zugleich ist, die keine Scheu hat, laut und schroff zu sein, aber immer wieder auch in zarten Momenten aufleuchtet \u2013 in der Freundschaft zwischen den Jugendlichen, in der vorsichtigen ersten Liebe, im Bed\u00fcrfnis, sich gesehen und verstanden zu f\u00fchlen. Gerade diese Mischung aus H\u00e4rte und Verletzlichkeit macht <em>Mauerpogo<\/em> zu einem Roman, der lange nachhallt. Man liest ihn nicht nur als Zeitdokument \u00fcber eine Subkultur in der DDR, sondern auch als universelle Geschichte \u00fcber das Erwachsenwerden, \u00fcber das Ringen um Identit\u00e4t, \u00fcber den Mut, sich nicht in Rollen pressen zu lassen. W\u00e4hrend des Lesens habe ich immer wieder an die Energie gedacht, die Punk ausstrahlt, an die Mischung aus Wut und Lebenshunger, die in den Songs dieser Zeit steckt. Genau dieses Gef\u00fchl transportiert Schultz auch literarisch: Der Text vibriert, er rei\u00dft mit, er l\u00e4sst einen nicht kalt. Und gleichzeitig schimmert darunter stets die politische Dimension durch \u2013 die Erkenntnis, dass jede jugendliche Geste des Widerstands in einem autorit\u00e4ren System eine ganz andere Sprengkraft bekommt. <em>Mauerpogo<\/em> ist damit ein Roman, der pers\u00f6nlich und politisch zugleich ist. F\u00fcr mich war er wie ein Schlaglicht auf eine Zeit, die einerseits weit weg erscheint und andererseits in den Fragen nach Freiheit, Rebellion und Selbstbestimmung erstaunlich aktuell wirkt. Er erz\u00e4hlt von der Kraft jugendlicher Auflehnung, aber auch von ihrem Preis. Und er macht sp\u00fcrbar, dass jede Form von Widerstand, so laut oder chaotisch sie auch erscheinen mag, immer auch eine Form von Selbstbehauptung ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>mit dem Werk &#8222;Mauerpogo&#8220; von Sonja M. Schultz. \/\/ Sonja M. Schultz hat mit Mauerpogo einen Roman geschrieben, der nicht nur eine Zeitreise in die DDR der fr\u00fchen achtziger Jahre ist, sondern ein vibrierendes Portr\u00e4t jugendlicher Rebellion, das sich beim Lesen wirklich elektrisierend anf\u00fchlt. Wir begegnen Jo, einem vierzehnj\u00e4hrigen M\u00e4dchen, das mitten in der Vorbereitungsroutine [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-33527","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category--unter-der-haut"],"aioseo_notices":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/33527","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=33527"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/33527\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":33607,"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/33527\/revisions\/33607"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=33527"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=33527"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=33527"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}