{"id":33779,"date":"2025-11-21T13:36:34","date_gmt":"2025-11-21T12:36:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=33779"},"modified":"2025-11-21T13:36:35","modified_gmt":"2025-11-21T12:36:35","slug":"aufgelesen-vol-641-was-wir-wissen-koennen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=33779","title":{"rendered":"\/\/ aufgelesen vol. (6)41 &#8211; &#8222;was wir wissen k\u00f6nnen&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<p><em>mit dem Werk &#8222;Was wir wissen k\u00f6nnen&#8220; von Ian McEwan.  <\/em><\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Ian-McEwan-648x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-33780\" width=\"200\" srcset=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Ian-McEwan-648x1024.jpg 648w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Ian-McEwan-190x300.jpg 190w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Ian-McEwan-768x1214.jpg 768w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Ian-McEwan-972x1536.jpg 972w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Ian-McEwan-1296x2048.jpg 1296w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Ian-McEwan-scaled.jpg 1619w\" sizes=\"(max-width: 648px) 100vw, 648px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>\/\/ Mit <em>Was wir wissen k\u00f6nnen<\/em> legt <strong>Ian McEwan<\/strong> einen Roman vor, der zugleich Zukunftsvision, Liebesgeschichte und literarische Spurensuche ist. Schon die Pr\u00e4misse klingt typisch f\u00fcr McEwan: Ein Mann auf der Suche nach einem verlorenen Gedicht, einer Wahrheit, die vielleicht nie ganz zu fassen ist \u2013 und dahinter die gro\u00dfe Frage, was Wissen, Erinnerung und Wahrheit in einer zerst\u00f6rten Welt \u00fcberhaupt noch bedeuten. Die Handlung f\u00fchrt uns in das Jahr 2119. Die Welt ist \u00fcberflutet, Europa besteht aus Inseln, die Zivilisation unserer Gegenwart ist nur noch eine ferne Erinnerung. Der Literaturwissenschaftler Thomas Metcalfe macht sich auf die Suche nach einem legend\u00e4ren Gedicht des Dichters Francis Blundy, das dieser einst seiner Frau Vivien gewidmet hat. Das Gedicht wurde nur einmal vorgetragen, dann verschwand es \u2013 und mit ihm die Wahrheit \u00fcber eine Liebe, die, wie sich herausstellt, vielschichtiger war, als die Legenden glauben lassen. In den Spuren, Tageb\u00fcchern und Briefen des Paares st\u00f6\u00dft Thomas auf eine geheime Aff\u00e4re, auf Verrat \u2013 und schlie\u00dflich auf ein Verbrechen, das bis in die Gegenwart der \u00fcberfluteten Welt ausstrahlt. McEwan war schon immer ein Autor, der die Balance zwischen pr\u00e4ziser Intellektualit\u00e4t und emotionaler Wucht beherrscht. <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Auch hier gelingt ihm das auf beeindruckende Weise. Obwohl der Roman in einer dystopischen Zukunft spielt, wirkt er nicht wie Science-Fiction im klassischen Sinn. Die \u00dcberflutung der Welt, das Zerfallen alter Sicherheiten, sind vielmehr Spiegelbilder unseres gegenw\u00e4rtigen Zustands \u2013 eine Weiterf\u00fchrung unserer Gegenwart ins Unvermeidliche. Was mich dabei besonders beeindruckt hat, ist die Ruhe, mit der McEwan diese Welt beschreibt: keine \u00fcbertriebene Dramatik, sondern eine leise, fast melancholische Klarheit, die an seine gro\u00dfen Romane wie <em>Abbitte<\/em> oder <em>Maschinen wie ich<\/em> erinnert. Thomas Metcalfe ist ein typischer McEwan-Held \u2013 intellektuell, zweifelnd, von einer leisen moralischen Unruhe durchdrungen. Seine Suche nach dem Gedicht wird zu einer Suche nach Orientierung in einer Welt, in der Wissen l\u00e4ngst keine feste Gr\u00f6\u00dfe mehr ist. Immer wieder reflektiert der Text, was \u201eErkenntnis\u201c \u00fcberhaupt bedeutet: Ist Wissen etwas, das uns rettet, oder nur ein sch\u00f6ner Irrtum, der uns glauben l\u00e4sst, wir h\u00e4tten verstanden? Diese philosophische Dimension zieht sich still, aber best\u00e4ndig durch den ganzen Roman und verleiht ihm eine Tiefensch\u00e4rfe, wie sie nur wenige Gegenwartsautoren erreichen. Bernhard Robben, McEwans langj\u00e4hriger \u00dcbersetzer, f\u00e4ngt diesen Ton mit gewohnter Eleganz ein. Seine Sprache ist pr\u00e4zise, unaufdringlich und tr\u00e4gt den leisen Rhythmus von McEwans Prosa m\u00fchelos ins Deutsche hin\u00fcber. Man sp\u00fcrt beim Lesen, dass hier zwei K\u00fcnstler einander seit Jahrzehnten verstehen. Was <em>Was wir wissen k\u00f6nnen<\/em> f\u00fcr mich besonders lesenswert macht, ist seine Mischung aus Intellekt und Intimit\u00e4t. Es ist ein Buch \u00fcber Literatur und \u00fcber Liebe, \u00fcber das, was bleibt, wenn beides verloren geht. McEwan zeigt, dass auch in einer untergegangenen Welt die menschliche Sehnsucht nach Bedeutung nicht stirbt \u2013 sie ver\u00e4ndert nur ihre Gestalt. Am Ende steht kein eindeutiges Wissen, keine L\u00f6sung, sondern ein Staunen \u00fcber das, was Menschen zu glauben bereit sind. So ist dieser Roman ein stilles, kluges, zutiefst menschliches Werk \u2013 vielleicht weniger spektakul\u00e4r als fr\u00fchere McEwan-Texte, aber umso reifer, nachdenklicher, eindringlicher. <em>Was wir wissen k\u00f6nnen<\/em> erinnert uns daran, dass Literatur selbst eine Form des \u00dcberlebens ist: das hartn\u00e4ckige Bem\u00fchen, etwas festzuhalten, das sonst im Wasser der Zeit versinken w\u00fcrde.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>mit dem Werk &#8222;Was wir wissen k\u00f6nnen&#8220; von Ian McEwan. \/\/ Mit Was wir wissen k\u00f6nnen legt Ian McEwan einen Roman vor, der zugleich Zukunftsvision, Liebesgeschichte und literarische Spurensuche ist. 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