{"id":33996,"date":"2025-12-16T19:03:48","date_gmt":"2025-12-16T18:03:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=33996"},"modified":"2025-12-16T19:03:50","modified_gmt":"2025-12-16T18:03:50","slug":"aufgelesen-vol-647-was-nicht-gesagt-werden-kann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=33996","title":{"rendered":"\/\/ aufgelesen vol. (6)47 &#8211; &#8222;was nicht gesagt werden kann&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<p><em>mit dem Werk &#8222;Was nicht gesagt werden kann&#8220; von David Szalay.  <\/em><\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/David-Szalay-624x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-34005\" width=\"200\" srcset=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/David-Szalay-624x1024.jpg 624w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/David-Szalay-183x300.jpg 183w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/David-Szalay-768x1260.jpg 768w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/David-Szalay-936x1536.jpg 936w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/David-Szalay-1248x2048.jpg 1248w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/David-Szalay-scaled.jpg 1560w\" sizes=\"(max-width: 624px) 100vw, 624px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>\/\/ <em>Was nicht gesagt werden kann<\/em> ist einer dieser Romane, die einen nicht mit gro\u00dfen Gesten \u00fcberfallen, sondern sich langsam, fast schmerzhaft leise unter die Haut schieben. <strong>David Szalay<\/strong>, l\u00e4ngst bekannt f\u00fcr seine F\u00e4higkeit, aus minimalen Beobachtungen ganze Lebenswelten aufzuspannen, legt hier seinen wohl kraftvollsten und zugleich unbarmherzigsten Text vor \u2013 und es \u00fcberrascht nicht, dass er daf\u00fcr den Booker Prize 2025 erhielt. Man sp\u00fcrt auf jeder Seite, wie sorgf\u00e4ltig dieser Roman gebaut ist, aber auch, dass er brennt: an den R\u00e4ndern, an den Stellen, an denen Menschen versuchen, ihre Verwundbarkeit zu verbergen. Im Mittelpunkt steht Istv\u00e1n, f\u00fcnfzehn Jahre alt, ein Junge aus einem ungarischen Plattenbauviertel, sozial unsicher, still, einer von denen, die man leicht \u00fcbersieht. Gerade dieses \u00dcbersehen wird im Roman zu einer Art Grundrauschen: Istv\u00e1n w\u00e4chst in einer Umgebung auf, in der niemand Zeit hat f\u00fcr innere K\u00e4mpfe, in der man nicht fragt, was jemand f\u00fchlt, sondern wie er funktioniert. Als sich zwischen ihm und einer \u00e4lteren Nachbarin eine seltsam verschobene, sexuelle Beziehung entwickelt, wirkt das nicht wie ein Skandal, sondern wie eine Katastrophe, die in Zeitlupe geschieht. <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Nichts daran ist romantisch, nichts davon wirkt gewollt \u2013 Szalay beschreibt eher ein Hineinstolpern in eine Erfahrung, die Istv\u00e1n \u00fcberfordert und dessen Leben unwiderruflich aus dem Gleichgewicht bringt. Und dann passiert etwas, das alles endg\u00fcltig kippen l\u00e4sst: ein Unfall, ein Toter, ein Schuldgef\u00fchl, das Istv\u00e1n selbst nicht benennen kann. Was folgt, ist eine Art moderner europ\u00e4ischen Odyssee ohne heroischen Kern. Istv\u00e1n verl\u00e4sst Ungarn und landet in London, doch er nimmt sein Schweigen mit, sein Nicht-Sprechen-K\u00f6nnen, seinen Blick, der immer ein bisschen seitlich am Leben vorbeistreift. Er arbeitet, verliert, findet wieder, l\u00e4sst sich treiben \u2013 und genau dieses Gleiten, dieses scheinbar passive Durchstreifen eines harten, kalten Europas macht Szalays Roman so eindringlich. Istv\u00e1n begegnet Menschen mit guten Absichten und Menschen mit schlechten, aber es ist immer die Welt, die ihn vor sich hertreibt, nicht umgekehrt. Er ist Protagonist und zugleich Statist seines eigenen Lebens. Szalay schreibt das alles in einer Prosa, die reduziert wirkt, aber nie leer ist. Jeder Satz sitzt, jede Beobachtung hat Gewicht. Es ist ein Text \u00fcber Verlust und \u00dcberleben, \u00fcber die Ohnmacht von Jungen, die nie gelernt haben, sich selbst zu f\u00fchlen, \u00fcber ein Europa, das f\u00fcr manche nur aus \u00dcberg\u00e4ngen besteht. Und doch gibt es immer wieder Momente, in denen man Istv\u00e1n nah ist \u2013 in denen man sp\u00fcrt, dass hinter seinem Schweigen eine Z\u00e4rtlichkeit steckt, die niemand je wahrgenommen hat. <em>Was nicht gesagt werden kann<\/em> ist kein lauter Roman. Er ist ein Schlag unterhalb des Brustbeins. Und vielleicht ist es genau diese stillw\u00fctende Intensit\u00e4t, die ihn so nachhaltig macht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>mit dem Werk &#8222;Was nicht gesagt werden kann&#8220; von David Szalay. \/\/ Was nicht gesagt werden kann ist einer dieser Romane, die einen nicht mit gro\u00dfen Gesten \u00fcberfallen, sondern sich langsam, fast schmerzhaft leise unter die Haut schieben. 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