{"id":34403,"date":"2026-02-27T13:52:32","date_gmt":"2026-02-27T12:52:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=34403"},"modified":"2026-02-27T13:52:34","modified_gmt":"2026-02-27T12:52:34","slug":"aufgelesen-vol-658-sperrgut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=34403","title":{"rendered":"\/\/ aufgelesen vol. (6)58 &#8211; &#8222;sperrgut&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<p><em>mit dem neuen Werk von Sophia Merwald.<\/em><\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Sperrgut-627x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-34407\" width=\"200\" srcset=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Sperrgut-627x1024.jpg 627w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Sperrgut-184x300.jpg 184w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Sperrgut-768x1254.jpg 768w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Sperrgut-941x1536.jpg 941w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Sperrgut-1254x2048.jpg 1254w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Sperrgut-scaled.jpg 1568w\" sizes=\"(max-width: 627px) 100vw, 627px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>\/\/ Mit <em>Sperrgut<\/em> legt <strong>Sophia Merwald<\/strong> ihr Romandeb\u00fct vor \u2013 und bereits im Vorfeld wird deutlich, dass hier mehr entsteht als eine weitere literarische Milieustudie. Die Alfred-D\u00f6blin-Preistr\u00e4gerin 2025 entwirft eine Utopie am Rand der Gesellschaft, die zugleich poetisch \u00fcberh\u00f6ht und erschreckend real wirkt. Der Titel ist dabei programmatisch: \u201eSperrgut\u201c bezeichnet das, was aus dem geordneten Kreislauf des Alltags aussortiert wird \u2013 zu sperrig, zu unpraktisch, nicht mehr passend. Genau diesen Blick richtet der Roman auf Menschen, Lebensentw\u00fcrfe und Orte, die im Raster st\u00e4dtischer Planung keinen Platz mehr haben. Im Zentrum steht Kristalloma, eine Figur, die beinahe mythische Z\u00fcge tr\u00e4gt. Eigenh\u00e4ndig errichtet sie auf einer Industriebrache ein Haus \u2013 das Lusthansa \u2013, das zun\u00e4chst Schutzraum f\u00fcr wohnungslose Frauen ist. Aus improvisierter Architektur w\u00e4chst eine Gemeinschaft, die nicht auf Besitz, sondern auf F\u00fcrsorge und geteilter Verantwortung basiert. Jahre sp\u00e4ter leben hier mehrere Generationen unter einem selbstgebauten Dach: die Freundinnen Maj und Stevie, ihr Vater, dessen Frau Linde, dazu Bruno an Kristallomas Seite. Man teilt Paprikasuppe, schaut gemeinsam Astro-TV, streitet, vers\u00f6hnt sich, h\u00e4lt zusammen. <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Das Lusthansa ist kein perfekter Ort, aber ein gelebter Gegenentwurf zur Vereinzelung. Merwald interessiert dabei weniger die romantische Verkl\u00e4rung des Ausstiegs als die Fragilit\u00e4t solcher R\u00e4ume. Die Stadt existiert stets in unmittelbarer N\u00e4he \u2013 als Macht, als Verwaltung, als Abrissbescheid. Wenn das Lusthansa um seine Existenz k\u00e4mpfen muss, wird deutlich, wie prek\u00e4r selbstbestimmte Strukturen bleiben, sobald sie in Konflikt mit \u00f6konomischen Interessen geraten. Die Utopie ist hier kein fernes Ideal, sondern ein Provisorium, das t\u00e4glich verteidigt werden muss. Formal spiegelt der Roman diesen Schwebezustand. Merwalds Sprache gilt als lyrisch-verspielt, zugleich pr\u00e4zise und scharf in der Beobachtung. Surreale Momente mischen sich mit Alltagsdetails, Humor mit Verletzlichkeit. Figuren tragen sprechende Namen, Szenen kippen ins Absurde, nur um im n\u00e4chsten Moment eine gro\u00dfe emotionale Wahrhaftigkeit freizulegen. Diese stilistische Eigenwilligkeit macht Sperrgut zu einem Text, der sich einfachen Zuordnungen entzieht \u2013 zwischen Sozialroman, poetischer Utopie und Generationenerz\u00e4hlung. In einem literarischen Umfeld, das sich zunehmend mit Fragen von Wohnraum, Gentrifizierung und Gemeinschaft auseinandersetzt, setzt Merwald einen eigenst\u00e4ndigen Akzent. Ihr Blick ist weder rein anklagend noch nostalgisch. Stattdessen fragt der Roman, was bleibt, wenn offizielle Strukturen versagen \u2013 und welche Formen von N\u00e4he entstehen k\u00f6nnen, wenn Menschen sich selbst organisieren. So wird Sperrgut zu einer Geschichte \u00fcber Widerstand und Z\u00e4rtlichkeit, \u00fcber das Recht auf Raum und die Kraft des Zusammenhalts. Ein Deb\u00fct, das nicht nur eine alternative Gemeinschaft entwirft, sondern auch eine eigene literarische Stimme etabliert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>mit dem neuen Werk von Sophia Merwald. \/\/ Mit Sperrgut legt Sophia Merwald ihr Romandeb\u00fct vor \u2013 und bereits im Vorfeld wird deutlich, dass hier mehr entsteht als eine weitere literarische Milieustudie. Die Alfred-D\u00f6blin-Preistr\u00e4gerin 2025 entwirft eine Utopie am Rand der Gesellschaft, die zugleich poetisch \u00fcberh\u00f6ht und erschreckend real wirkt. 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