{"id":34440,"date":"2026-03-11T19:27:21","date_gmt":"2026-03-11T18:27:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=34440"},"modified":"2026-03-11T19:27:23","modified_gmt":"2026-03-11T18:27:23","slug":"aufgelesen-vol-660-es-ist-hell-und-draussen-dreht-sich-die-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=34440","title":{"rendered":"\/\/ aufgelesen vol. (6)60 &#8211; &#8222;es ist hell und draussen dreht sich die welt&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<p><em>mit den Werken &#8222;Es ist hell und draussen dreht sich die Welt&#8220; von Dita Zipfel und &#8222;Ilaria&#8220; von Gabriella Zalap\u00ec. <\/em><\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Dita-Zipfel-627x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-34447\" width=\"200\" srcset=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Dita-Zipfel-627x1024.jpg 627w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Dita-Zipfel-184x300.jpg 184w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Dita-Zipfel-768x1253.jpg 768w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Dita-Zipfel-941x1536.jpg 941w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Dita-Zipfel-1255x2048.jpg 1255w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Dita-Zipfel-scaled.jpg 1569w\" sizes=\"(max-width: 627px) 100vw, 627px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>\/\/ Zwei neue B\u00fccher, zwei sehr unterschiedliche Schaupl\u00e4tze \u2013 ein luxuri\u00f6ser Ferienbungalow am Meer hier, eine rastlose Irrfahrt durch Italien dort \u2013 und doch kreisen beide Romane um erstaunlich \u00e4hnliche Fragen: Wem geh\u00f6rt ein K\u00f6rper? Wem geh\u00f6rt ein Kind? Und was geschieht, wenn N\u00e4he nicht nur Geborgenheit bedeutet, sondern auch Bedrohung? Sowohl <em>Es ist hell und drau\u00dfen dreht sich die Welt<\/em> von <strong>Dita Zipfel <\/strong>als auch <em>Ilaria<\/em> von <strong>Gabriella Zalap\u00ec <\/strong>erz\u00e4hlen von weiblicher Selbstbehauptung \u2013 einmal aus der Perspektive erwachsener Frauen, einmal aus der Sicht eines Kindes, das viel zu fr\u00fch erwachsen werden muss. In <em>Es ist hell und drau\u00dfen dreht sich die Welt<\/em> steht Linn im Mittelpunkt, deren gr\u00f6\u00dfter Wunsch es ist, Mutter zu werden. Der geplante Embryotransfer nach dem Urlaub liegt wie ein unsichtbarer Countdown \u00fcber allem, wie eine leise tickende Uhr im Hintergrund jeder Szene. Zipfel entfaltet diesen inneren Druck mit gro\u00dfer Genauigkeit: die Sehnsucht nach Schwangerschaft, die Angst vor dem eigenen Unverm\u00f6gen, die bohrende Frage, was eine \u201egute\u201c Mutter \u00fcberhaupt ist \u2013 und wer das definiert. <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend die M\u00e4nner sich in vertraute Rituale fl\u00fcchten, trinken, angeln und ihre alten Freundschaften beschw\u00f6ren, entsteht zwischen den beiden Frauen zun\u00e4chst eine stille Beobachtung. Blicke, kleine Gesten, unterschwellige Vergleiche. Linn schaut auf Eva \u2013 auf deren scheinbar selbstverst\u00e4ndliche Mutterschaft, auf die Geduld, auf das Versorgen und Tr\u00f6sten \u2013 und schwankt zwischen Neid, Bewunderung und Widerwillen. Doch gerade aus dieser Spannung heraus w\u00e4chst etwas Unerwartetes. Zwischen gefl\u00fcsterten Gespr\u00e4chen und Momenten abseits der m\u00e4nnlichen Selbstgewissheit entwickelt sich eine N\u00e4he, die immer weniger mit Konkurrenz zu tun hat und immer mehr mit Solidarit\u00e4t. Zipfel beschreibt sehr fein, wie sich festgeschriebene Bilder von Weiblichkeit verschieben. Mutterschaft erscheint nicht mehr als naturgegebene Bestimmung, sondern als komplexe, auch widerspr\u00fcchliche Entscheidung. Mich beeindruckt an diesem Roman besonders, dass er sich nicht festlegt. Er ist w\u00fctend und zart zugleich, schonungslos und empathisch. Er zeigt Menschen nicht als Projektionsfl\u00e4chen, sondern als ambivalente, suchende Figuren, die ihre eigenen Antworten erst noch finden m\u00fcssen. <\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Ilaria-627x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-34446\" width=\"463\" srcset=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Ilaria-627x1024.jpg 627w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Ilaria-184x300.jpg 184w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Ilaria-768x1253.jpg 768w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Ilaria-941x1536.jpg 941w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Ilaria-1255x2048.jpg 1255w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Ilaria-scaled.jpg 1569w\" sizes=\"(max-width: 627px) 100vw, 627px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Ganz anders gelagert und doch ebenso existenziell ist <em>Ilaria<\/em>. Hier geht es nicht um den Wunsch nach einem Kind, sondern um die brutale Realit\u00e4t, einem Elternteil ausgeliefert zu sein. Die achtj\u00e4hrige Ilaria wird von ihrem Vater entf\u00fchrt \u2013 eine zweij\u00e4hrige Odyssee durch ein Italien, das weniger Postkartenidylle als Zwischenraum ist, beginnt. Rastst\u00e4tten, Hotelzimmer, wechselnde St\u00e4dte, Internate, Bauernh\u00f6fe \u2013 st\u00e4ndig in Bewegung, ohne jemals anzukommen. Was nach Roadtrip klingt, ist in Wahrheit eine Geschichte permanenter Unsicherheit. Zalap\u00ec erz\u00e4hlt aus der Perspektive eines Kindes, das versucht, das Unbegreifliche in eine Form zu bringen. Ilaria beschlie\u00dft irgendwann, nicht mehr zu weinen. Dieser Entschluss wirkt klein und riesig zugleich \u2013 wie ein stiller Schwur, sich wenigstens innerlich nicht ganz verlieren zu lassen. In einer Situation, in der sie keine \u00e4u\u00dfere Kontrolle besitzt, schafft sie sich eine Art inneres Gel\u00e4nder. Besonders eindringlich ist dabei die Ambivalenz der Vaterfigur: Er ist T\u00e4ter und Bezugsperson zugleich, liebevoll in manchen Momenten, unberechenbar im n\u00e4chsten. Diese heikle N\u00e4he, dieses gleichzeitige Bed\u00fcrfnis nach Schutz und die Angst vor genau der Person, die Schutz geben sollte, macht den Roman so beklemmend. Was beide B\u00fccher miteinander verbindet, ist das Thema weiblicher Selbsterm\u00e4chtigung \u2013 jedoch auf unterschiedlichen Ebenen und in verschiedenen Lebensphasen. Bei Zipfel ringen erwachsene Frauen um Deutungshoheit \u00fcber ihren K\u00f6rper, \u00fcber ihre Lebensentw\u00fcrfe, \u00fcber die Frage, ob und wie sie Mutter sein wollen. Bei Zalap\u00ec geht es um ein Kind, das gezwungen ist, sich selbst zu behaupten, lange bevor es die Worte daf\u00fcr hat. In beiden Romanen steht eine enge Beziehung im Zentrum \u2013 Partnerschaft, Mutterschaft, Elternschaft \u2013 und beide zeigen, dass diese N\u00e4he nie frei von Machtverh\u00e4ltnissen ist. Auch stilistisch k\u00f6nnten die B\u00fccher kaum unterschiedlicher sein. Zipfel erz\u00e4hlt gegenw\u00e4rtig, dialogisch, mit feinem Gesp\u00fcr f\u00fcr psychologische Spannungen und soziale Dynamiken. Ihre Sprache tastet sich an innere Konflikte heran, l\u00e4sst Raum f\u00fcr Zwischent\u00f6ne und Unausgesprochenes. Zalap\u00ec hingegen verdichtet ihre Geschichte zu einer fast schwebenden, stellenweise geisterhaften Erz\u00e4hlung. Die vorbeiziehenden Landschaften spiegeln die innere Verlorenheit, die Hotels und Stra\u00dfen werden zu Symbolen einer Kindheit im Ausnahmezustand. W\u00e4hrend <em>Es ist hell und drau\u00dfen dreht sich die Welt<\/em> von einem m\u00f6glichen Aufbruch erz\u00e4hlt \u2013 zwei Frauen, die sich verb\u00fcnden und neue Spielr\u00e4ume er\u00f6ffnen \u2013, beschreibt <em>Ilaria<\/em> eine erzwungene Reise, auf der Autonomie nur langsam und unter Schmerzen entsteht. F\u00fcr mich erg\u00e4nzen sich diese beiden Werke auf intensive Weise. Zusammen gelesen er\u00f6ffnen sie einen vielschichtigen Blick auf weibliche Erfahrung \u2013 zwischen Wunsch und Verlust, zwischen Bindung und Befreiung, zwischen der Sehnsucht nach N\u00e4he und der Notwendigkeit, sich vor ihr zu sch\u00fctzen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>mit den Werken &#8222;Es ist hell und draussen dreht sich die Welt&#8220; von Dita Zipfel und &#8222;Ilaria&#8220; von Gabriella Zalap\u00ec. \/\/ Zwei neue B\u00fccher, zwei sehr unterschiedliche Schaupl\u00e4tze \u2013 ein luxuri\u00f6ser Ferienbungalow am Meer hier, eine rastlose Irrfahrt durch Italien dort \u2013 und doch kreisen beide Romane um erstaunlich \u00e4hnliche Fragen: Wem geh\u00f6rt ein K\u00f6rper? 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