{"id":34441,"date":"2026-03-06T15:39:59","date_gmt":"2026-03-06T14:39:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=34441"},"modified":"2026-03-25T12:32:53","modified_gmt":"2026-03-25T11:32:53","slug":"aufgelesen-vol-659-die-lebensentschiedung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=34441","title":{"rendered":"\/\/ aufgelesen vol. (6)59 &#8211; &#8222;die lebensentscheidung&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<p><em>mit dem Werk &#8222;Die Lebensentscheidung&#8220; von Robert Menasse. <\/em><\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Robert-Menasse-627x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-34444\" width=\"200\" srcset=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Robert-Menasse-627x1024.jpg 627w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Robert-Menasse-184x300.jpg 184w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Robert-Menasse-768x1253.jpg 768w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Robert-Menasse-941x1536.jpg 941w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Robert-Menasse-1255x2048.jpg 1255w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Robert-Menasse-scaled.jpg 1569w\" sizes=\"(max-width: 627px) 100vw, 627px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>\/\/ Mit <em>Die Lebensentscheidung<\/em> legt <strong>Robert Menasse<\/strong> eine Novelle vor, die auf den ersten Blick leise wirkt \u2013 und gerade deshalb mit existenzieller Wucht trifft. Es ist kein gro\u00dfes Panorama, kein politischer Gesellschaftsroman, wie man ihn von Menasse kennt, sondern eine konzentrierte Geschichte \u00fcber einen Mann, der glaubt, eine Entscheidung \u00fcber sein Leben treffen zu k\u00f6nnen \u2013 und dann feststellen muss, wie relativ diese Vorstellung ist. Franz Fiala k\u00fcndigt seinen Job bei der Europ\u00e4ischen Kommission, frustriert von B\u00fcrokratie und institutionellen M\u00fchlen. Schon dieser Schritt tr\u00e4gt etwas Endg\u00fcltiges in sich, eine Art Befreiungsschlag. Doch was zun\u00e4chst wie eine selbstbestimmte Neuorientierung erscheint, bekommt eine andere Dimension, als bei ihm Krebs diagnostiziert wird \u2013 mit einer Prognose, die kaum noch Zeit l\u00e4sst. Ab diesem Moment verschiebt sich alles. Es geht nicht mehr um Karriere, nicht um Beziehungskl\u00e4rungen, nicht einmal prim\u00e4r um ihn selbst. Es geht um seine Mutter. Was mich an dieser Konstellation besonders ber\u00fchrt, ist dieser Gedanke des \u201e\u00dcberlebenswettkampfs\u201c. <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Fiala beschlie\u00dft, seine Krankheit vor der Mutter zu verbergen, um ihr den Schmerz zu ersparen, ihr Kind sterben zu sehen. \u00dcberleben bedeutet f\u00fcr ihn pl\u00f6tzlich, l\u00e4nger durchzuhalten als sie. Das ist tragisch, fast absurd \u2013 und zugleich zutiefst menschlich. Diese Verschiebung des Fokus, weg vom eigenen Leiden hin zu einer letzten F\u00fcrsorgegeste, verleiht der Geschichte eine gro\u00dfe emotionale Intensit\u00e4t. Menasse erz\u00e4hlt das mit einer Mischung aus Ernst und leiser Ironie. Es gibt Momente, in denen man die Absurdit\u00e4t der Situation sp\u00fcrt \u2013 etwa wenn Fiala versucht, Normalit\u00e4t zu inszenieren, w\u00e4hrend sein K\u00f6rper l\u00e4ngst gegen ihn arbeitet. Und doch kippt der Text nie ins Sentimentale. Statt Pathos herrscht eine n\u00fcchterne Klarheit, die die Tragik eher verst\u00e4rkt als abschw\u00e4cht. Spannend finde ich auch, wie sich hier private und politische Ebenen subtil ber\u00fchren. Ein Mann, der aus der europ\u00e4ischen B\u00fcrokratie aussteigt, der sein Berufsleben einer Institution gewidmet hat, steht pl\u00f6tzlich vor einer zutiefst pers\u00f6nlichen, nicht delegierbaren Entscheidung. Keine Kommission, kein Verfahren, kein Papier kann ihm helfen. Am Ende bleibt nur die Frage: Kann man wirklich \u00fcber sein Leben entscheiden? Oder entscheidet das Leben \u00fcber uns? Formal ist die Novelle sehr verdichtet. Auf gut 150 Seiten entsteht ein intensiver innerer Monolog, durchzogen von Gespr\u00e4chen mit der Mutter und mit Nathalie, der Partnerin in Br\u00fcssel. Gerade die misslingenden Dialoge zeigen, wie sehr Sprache an Grenzen st\u00f6\u00dft, wenn es um Tod, Angst und Verdr\u00e4ngung geht. Man sp\u00fcrt in jeder Szene dieses fragile Gleichgewicht zwischen Wahrheit und Schutzbehauptung. F\u00fcr mich ist <em>Die Lebensentscheidung<\/em> ein Buch, das lange nachhallt. Nicht laut, nicht dramatisch inszeniert, sondern still und pr\u00e4zise. Es erinnert daran, dass wir vieles planen, vieles entscheiden \u2013 und doch am Ende mit der radikalen Unplanbarkeit des Lebens konfrontiert werden. Und vielleicht liegt genau darin seine St\u00e4rke: Es zeigt, dass selbst im Angesicht des Todes noch Entscheidungen m\u00f6glich sind \u2013 auch wenn sie kleiner, stiller und pers\u00f6nlicher sind, als wir es uns je vorgestellt h\u00e4tten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>mit dem Werk &#8222;Die Lebensentscheidung&#8220; von Robert Menasse. \/\/ Mit Die Lebensentscheidung legt Robert Menasse eine Novelle vor, die auf den ersten Blick leise wirkt \u2013 und gerade deshalb mit existenzieller Wucht trifft. 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