{"id":34450,"date":"2026-03-20T07:01:18","date_gmt":"2026-03-20T06:01:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=34450"},"modified":"2026-03-20T07:01:20","modified_gmt":"2026-03-20T06:01:20","slug":"aufgelesen-vol-662-gruene-welle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=34450","title":{"rendered":"\/\/ aufgelesen vol. (6)62 &#8211; &#8222;gr\u00fcne welle&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<p><em>mit den Werken &#8222;K\u00f6nnen sie mich sehen?&#8220; von Martin Suter und &#8222;Gr\u00fcne Welle&#8220; von Esther Sch\u00fcttpelz. <\/em><\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Martin-suter-Koennen-648x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-34456\" width=\"200\" srcset=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Martin-suter-Koennen-648x1024.jpg 648w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Martin-suter-Koennen-190x300.jpg 190w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Martin-suter-Koennen-768x1214.jpg 768w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Martin-suter-Koennen-972x1536.jpg 972w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Martin-suter-Koennen-1296x2048.jpg 1296w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Martin-suter-Koennen-scaled.jpg 1619w\" sizes=\"(max-width: 648px) 100vw, 648px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>\/\/ Mit <em>K\u00f6nnen Sie mich sehen?<\/em> von <strong>Martin Suter<\/strong> und <em>Gr\u00fcne Welle<\/em> von <strong>Esther Sch\u00fcttpelz<\/strong> erscheinen zwei B\u00fccher, die unterschiedlicher kaum wirken k\u00f6nnten \u2013 hier der satirische Blick in die Chefetagen der Gegenwart, dort ein leiser, fast klaustrophobischer Roadtrip ins Ungewisse. Und doch verbindet sie ein zentrales Motiv: der Moment, in dem Kontrolle br\u00fcchig wird und sich eine scheinbar stabile Ordnung aufl\u00f6st. Martin Suter kehrt mit <em>K\u00f6nnen Sie mich sehen?<\/em> in das Terrain zur\u00fcck, das er wie kaum ein anderer beherrscht: die Welt der Wirtschaft, der Macht und der gepflegten Fassade. Die \u201eBusiness Class\u201c, die er seit Jahren mit feinem Gesp\u00fcr beobachtet, ger\u00e4t hier ins digitale Schlingern. Homeoffice, Videokonferenzen, Diversit\u00e4t \u2013 Begriffe, die nach Fortschritt klingen, entpuppen sich als St\u00f6rfaktoren in einem System, das auf Hierarchie, Kontrolle und symbolische Pr\u00e4senz gebaut ist. Wenn F\u00fchrungskr\u00e4fte pl\u00f6tzlich nur noch als Kacheln auf dem Bildschirm erscheinen und ein falsch gesetztes Wort im Chat gravierender sein kann als ein diskreter Fehltritt im Konferenzraum, verschieben sich die Spielregeln. Suter erz\u00e4hlt das mit der ihm eigenen Eleganz und Ironie. <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Seine Figuren sind keine Karikaturen, auch wenn sie manchmal so wirken. Sie sind Getriebene eines Systems, das sie selbst miterschaffen haben. Besonders reizvoll ist der Gedanke, dass ausgerechnet das Homeoffice \u2013 urspr\u00fcnglich als Komfortzone f\u00fcr Angestellte gedacht \u2013 die oberen Etagen destabilisiert. Sichtbarkeit wird zur W\u00e4hrung, Unsichtbarkeit zur Bedrohung. Der Titel bekommt dadurch eine doppelte Bedeutung: Es geht nicht nur um technische Verbindungsprobleme, sondern um Macht, Pr\u00e4senz und die Angst, an Einfluss zu verlieren. Wie immer bei Suter liegt unter dem Humor eine feine Melancholie: Wer sich zu sehr \u00fcber Status definiert, steht schnell ohne Fundament da. <\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Esther-Schuettpelz-648x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-34455\" width=\"463\" srcset=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Esther-Schuettpelz-648x1024.jpg 648w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Esther-Schuettpelz-190x300.jpg 190w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Esther-Schuettpelz-768x1214.jpg 768w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Esther-Schuettpelz-972x1536.jpg 972w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Esther-Schuettpelz-1296x2048.jpg 1296w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Esther-Schuettpelz-scaled.jpg 1619w\" sizes=\"(max-width: 648px) 100vw, 648px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Ganz anders, viel stiller und existenzieller, entfaltet sich <em>Gr\u00fcne Welle<\/em>. Hier beginnt alles mit einer harmlosen Situation: Eine Frau f\u00e4hrt nach einem Kinobesuch nach Hause. Eine Umleitung zwingt sie auf eine andere Strecke \u2013 und aus dieser kleinen Verschiebung entsteht eine Bewegung, die sich nicht mehr aufhalten l\u00e4sst. Sie verpasst Ausfahrten, f\u00e4hrt weiter, entfernt sich immer mehr von dem Ort, an dem ihr Mann auf sie wartet. Was zun\u00e4chst wie ein Versehen wirkt, bekommt allm\u00e4hlich etwas Unausweichliches. Der Roman lebt von dieser schleichenden Erkenntnis: Vielleicht ist das Verirren kein Zufall, sondern ein innerer Impuls. Vielleicht ist das Weiterfahren ein Akt der Selbstrettung. W\u00e4hrend die Nacht, Tankstellen und Landstra\u00dfen eine fast filmische Kulisse bilden, verdichtet sich die eigentliche Bedrohung im Hintergrund \u2013 in der Beziehung, in dem Zuhause, das eigentlich Schutz bieten sollte. Sch\u00fcttpelz erz\u00e4hlt diese Flucht nicht als spektakul\u00e4re Befreiung, sondern als tastendes, unsicheres Entfernen. Jede verpasste Ausfahrt wirkt wie ein kleines Nein zu einem Leben, das sich als gef\u00e4hrlich entpuppt. Im Kontext gelesen erg\u00e4nzen sich beide B\u00fccher auf \u00fcberraschende Weise. Bei Suter ger\u00e4t die Machtelite ins Wanken, weil sich \u00e4u\u00dfere Rahmenbedingungen \u00e4ndern. Bei Sch\u00fcttpelz verschiebt sich eine intime Beziehung, bis die Protagonistin erkennt, dass die gr\u00f6\u00dfte Gefahr nicht auf dunklen Stra\u00dfen lauert, sondern im vermeintlich Vertrauten. In beiden F\u00e4llen geht es um Sichtbarkeit und Kontrolle: Wer bestimmt die Regeln? Wer wird gesehen \u2013 und wer \u00fcbersehen? Und was passiert, wenn man sich der gewohnten Ordnung entzieht? Stilistisch stehen sich die Werke kontrastreich gegen\u00fcber. Suter arbeitet mit pointierter Beobachtung, satirischer Zuspitzung und dialogischer Leichtigkeit. Sch\u00fcttpelz setzt auf Atmosph\u00e4re, innere Spannung und das langsame Freilegen einer existenziellen Entscheidung. Doch beide erz\u00e4hlen von Momenten der Verschiebung \u2013 von Situationen, in denen Menschen erkennen, dass das Leben, das sie f\u00fchren, nicht alternativlos ist. So unterschiedlich die Schaupl\u00e4tze auch sind \u2013 Vorstandsetage und Landstra\u00dfe \u2013, beide B\u00fccher kreisen um denselben Kern: den Augenblick, in dem man inneh\u00e4lt und sich fragt, ob man weitermachen will wie bisher. Und ob es vielleicht einen anderen Weg gibt, auch wenn er zun\u00e4chst ins Ungewisse f\u00fchrt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>mit den Werken &#8222;K\u00f6nnen sie mich sehen?&#8220; von Martin Suter und &#8222;Gr\u00fcne Welle&#8220; von Esther Sch\u00fcttpelz. \/\/ Mit K\u00f6nnen Sie mich sehen? von Martin Suter und Gr\u00fcne Welle von Esther Sch\u00fcttpelz erscheinen zwei B\u00fccher, die unterschiedlicher kaum wirken k\u00f6nnten \u2013 hier der satirische Blick in die Chefetagen der Gegenwart, dort ein leiser, fast klaustrophobischer Roadtrip [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-34450","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category--unter-der-haut"],"aioseo_notices":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/34450","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=34450"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/34450\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":34556,"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/34450\/revisions\/34556"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=34450"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=34450"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=34450"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}