{"id":34582,"date":"2026-04-02T12:58:05","date_gmt":"2026-04-02T10:58:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=34582"},"modified":"2026-04-02T13:02:29","modified_gmt":"2026-04-02T11:02:29","slug":"aufgelesen-vol-668-brandung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=34582","title":{"rendered":"\/\/ aufgelesen vol. (6)68 &#8211; &#8222;brandung&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<p><em>mit den Werken &#8222;Gelbe Monster&#8220; von Clara Leinemann und &#8222;Brandung&#8220; von Maylis de Kerangal. <\/em><\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"646\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Gelbe-MOnster-646x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-34588\" style=\"width:200px\" srcset=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Gelbe-MOnster-646x1024.jpg 646w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Gelbe-MOnster-189x300.jpg 189w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Gelbe-MOnster-768x1218.jpg 768w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Gelbe-MOnster-968x1536.jpg 968w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Gelbe-MOnster-1291x2048.jpg 1291w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Gelbe-MOnster-scaled.jpg 1614w\" sizes=\"auto, (max-width: 646px) 100vw, 646px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>\/\/ Die beiden Romane <em>Brandung<\/em> von Maylis de Kerangal und <em>Gelbe Monster<\/em> von Clara Leinemann lassen sich auf den ersten Blick kaum vergleichen \u2013 hier eine atmosph\u00e4risch dichte Spurensuche an der franz\u00f6sischen K\u00fcste, dort ein gegenw\u00e4rtiger, fast schon lakonisch erz\u00e4hlter Roman \u00fcber Wut, Beziehung und Selbstverantwortung. Und doch kreisen beide Texte um \u00e4hnliche innere Bewegungen: um Erinnerung, um Verdr\u00e4ngung und um den Moment, in dem sich eine Lebensgeschichte nicht l\u00e4nger stabil erz\u00e4hlen l\u00e4sst. In <em>Brandung<\/em> steht eine Frau im Zentrum, deren Leben scheinbar geordnet ist \u2013 Ehe, Kind, Beruf. Der r\u00e4tselhafte Tod eines Mannes, der sie \u00fcber Umwege mit ihrer eigenen Vergangenheit konfrontiert, wirkt wie ein Riss in dieser Oberfl\u00e4che. Die Reise nach Le Havre wird zur Bewegung zur\u00fcck in eine Zeit, die sie l\u00e4ngst hinter sich glaubte. Was diesen Roman so besonders macht, ist die Art, wie Kerangal Erinnerung inszeniert: nicht als lineare R\u00fcckschau, sondern als \u00dcberlagerung von Orten, Bildern und Empfindungen. <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Die Hafenstadt wird dabei zu einem Resonanzraum, in dem sich Gegenwart und Vergangenheit unaufl\u00f6slich verschr\u00e4nken. Der vermeintliche Kriminalfall tritt zunehmend in den Hintergrund \u2013 entscheidend ist nicht, wer dieser Tote war, sondern was er in der Protagonistin ausl\u00f6st. Es geht um das Wiederauftauchen verdr\u00e4ngter Gef\u00fchle, um erste Liebe, Verlust und die Frage, wie sehr uns fr\u00fchere Versionen unserer selbst weiterhin pr\u00e4gen. Ganz anders setzt <em>Gelbe Monster<\/em> an \u2013 direkter, k\u00f6rperlicher, unmittelbarer. Hier gibt es keinen \u00e4u\u00dferen Anlass wie einen Todesfall, sondern eine Eskalation im Hier und Jetzt. Charlie sitzt mit einem blauen Auge in der U-Bahn, auf dem Weg zu einem Antiaggressionstraining. Schon diese Ausgangssituation kippt Erwartungen: Nicht das Opfer steht im Mittelpunkt, sondern eine Frau, die selbst gewaltt\u00e4tig geworden ist. <\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"627\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Maylis-627x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-34587\" style=\"width:463px\" srcset=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Maylis-627x1024.jpg 627w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Maylis-184x300.jpg 184w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Maylis-768x1253.jpg 768w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Maylis-941x1536.jpg 941w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Maylis-1255x2048.jpg 1255w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Maylis-scaled.jpg 1569w\" sizes=\"auto, (max-width: 627px) 100vw, 627px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Der Roman entwickelt daraus eine vielschichtige Auseinandersetzung mit Schuld, Selbstbild und gesellschaftlichen Rollen. Was bedeutet es, als Frau w\u00fctend zu sein \u2013 und diese Wut nicht nur zu f\u00fchlen, sondern auszuleben? Und wie l\u00e4sst sich eine Geschichte erz\u00e4hlen, in der man selbst nicht eindeutig auf der \u201erichtigen\u201c Seite steht? W\u00e4hrend Kerangal stark \u00fcber Atmosph\u00e4re und Erinnerung arbeitet, lebt Leinemanns Text von Dialog, Dynamik und einer gewissen schonungslosen Gegenw\u00e4rtigkeit. Die Gruppe im Antiaggressionstraining wird dabei zu einem sozialen Spiegel: Erst im Austausch mit anderen beginnt Charlie, ihre eigene Geschichte zu hinterfragen. Dabei geht es nicht um einfache L\u00e4uterung, sondern um die m\u00fchsame Arbeit, Verantwortung zu \u00fcbernehmen, ohne sich selbst vollst\u00e4ndig zu verurteilen. Der Roman verhandelt dabei auch Fragen von toxischen Beziehungen, emotionaler Abh\u00e4ngigkeit und internalisierten Erwartungen an Weiblichkeit \u2013 und tut das mit einer Mischung aus Leichtigkeit, Witz und schmerzhafter Pr\u00e4zision. Was beide B\u00fccher verbindet, ist die Konfrontation mit einem Selbstbild, das nicht mehr tr\u00e4gt. In <em>Brandung<\/em> geschieht diese Ersch\u00fctterung leise, fast unmerklich, ausgel\u00f6st durch einen \u00e4u\u00dferen Impuls, der innere Prozesse in Gang setzt. In <em>Gelbe Monster<\/em> ist sie laut, k\u00f6rperlich und unausweichlich \u2013 eine direkte Folge von Handlungen, die nicht mehr r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen sind. Beide Protagonistinnen m\u00fcssen sich neu zu sich selbst verhalten: die eine, indem sie sich ihrer Vergangenheit stellt, die andere, indem sie ihre Gegenwart neu bewertet. Auch in ihrer Erz\u00e4hlhaltung erg\u00e4nzen sich die Romane auf spannende Weise. Kerangal schreibt mit gro\u00dfer poetischer Dichte, ihre Sprache tastet sich voran, kreist, beobachtet, l\u00e4sst Leerstellen zu. Leinemann dagegen ist unmittelbarer, schneller, oft ironisch gebrochen \u2013 n\u00e4her an der Gegenwartssprache, n\u00e4her an der Reibung des Alltags. Und doch geht es in beiden F\u00e4llen um etwas sehr \u00c4hnliches: um die Fragilit\u00e4t von Identit\u00e4t und die Frage, wie wir die Geschichten \u00fcber uns selbst konstruieren \u2013 und wann sie beginnen, uns zu entgleiten. Zusammen gelesen entfalten <em>Brandung<\/em> und <em>Gelbe Monster<\/em> eine bemerkenswerte Spannweite weiblicher Erfahrung: zwischen Erinnerung und Eskalation, zwischen innerem R\u00fcckzug und sozialer Auseinandersetzung. Das eine Buch zeigt, wie stark die Vergangenheit in uns weiterlebt, das andere, wie sehr wir im Hier und Jetzt Verantwortung f\u00fcr unser Handeln \u00fcbernehmen m\u00fcssen. Beide erz\u00e4hlen davon, dass Selbstkenntnis kein ruhiger Zustand ist, sondern ein Prozess \u2013 oft schmerzhaft, oft widerspr\u00fcchlich, aber unausweichlich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>mit den Werken &#8222;Gelbe Monster&#8220; von Clara Leinemann und &#8222;Brandung&#8220; von Maylis de Kerangal. \/\/ Die beiden Romane Brandung von Maylis de Kerangal und Gelbe Monster von Clara Leinemann lassen sich auf den ersten Blick kaum vergleichen \u2013 hier eine atmosph\u00e4risch dichte Spurensuche an der franz\u00f6sischen K\u00fcste, dort ein gegenw\u00e4rtiger, fast schon lakonisch erz\u00e4hlter Roman [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-34582","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category--unter-der-haut"],"aioseo_notices":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/34582","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=34582"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/34582\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":34673,"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/34582\/revisions\/34673"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=34582"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=34582"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=34582"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}