{"id":34650,"date":"2026-04-12T12:33:19","date_gmt":"2026-04-12T10:33:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=34650"},"modified":"2026-04-12T20:10:06","modified_gmt":"2026-04-12T18:10:06","slug":"aufgelesen-vol-674-es-war-nicht-anders-moeglich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=34650","title":{"rendered":"\/\/ aufgelesen vol. (6)74 &#8211; &#8222;es war nicht anders m\u00f6glich&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<p><em>mit dem Werken &#8222;Schattennummer&#8220; von Thomas Pynchon und &#8222;Es war nicht anders m\u00f6glich&#8220; von Svenja Liesau. <\/em><\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"666\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Thomas-Pnychon-666x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-34653\" style=\"width:200px\" srcset=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Thomas-Pnychon-666x1024.jpg 666w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Thomas-Pnychon-195x300.jpg 195w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Thomas-Pnychon-768x1180.jpg 768w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Thomas-Pnychon-999x1536.jpg 999w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Thomas-Pnychon-1333x2048.jpg 1333w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Thomas-Pnychon-scaled.jpg 1666w\" sizes=\"auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>\/\/ Wenn man <em>Es war nicht anders m\u00f6glich<\/em> von <strong>Svenja Liesau<\/strong> und <em>Schattennummer<\/em> von <strong>Thomas Pynchon<\/strong> nebeneinanderlegt, hat man zun\u00e4chst das Gef\u00fchl, zwei v\u00f6llig unterschiedliche literarische Welten zu betreten \u2013 und doch kreisen beide auf ihre eigene Weise um \u00e4hnliche Fragen: Orientierung, Identit\u00e4t und das Verlieren \u2013 oder Wiederfinden \u2013 von Halt in einer Welt, die sich nicht mehr stabil anf\u00fchlt. Bei Liesau ist alles nah dran, fast unangenehm nah. Martina, diese etwas verlorene, suchende Figur, bewegt sich durch Berlin, durch N\u00e4chte, Kneipen, Gespr\u00e4che, Erinnerungen \u2013 und man hat beim Lesen oft das Gef\u00fchl, direkt neben ihr zu sitzen. Der Tod ihres Vaters wirkt dabei weniger wie ein klarer Ausgangspunkt als wie ein Ausl\u00f6ser, der etwas ins Rutschen bringt, das schon lange instabil war. Es geht nicht um eine klassische Trauerbew\u00e4ltigung, sondern um ein langsames, tastendes Sich-ann\u00e4hern an das eigene Leben. Was den Roman so stark macht, ist diese Mischung aus Trotz und Verletzlichkeit. Martina fl\u00fcchtet sich in Alkohol und Begegnungen, aber gleichzeitig sucht sie auch \u2013 nach N\u00e4he, nach Zugeh\u00f6rigkeit, nach einem Gef\u00fchl von Zuhause. <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Die Kneipe wird zu einem Ersatzraum f\u00fcr Familie, zu einem Ort, an dem sich Gestrandete treffen, die alle auf ihre Weise versuchen, weiterzumachen. Und genau darin liegt etwas sehr Wahrhaftiges: Dieses Buch behauptet nicht, Antworten zu haben. Es zeigt vielmehr, wie sich Fragen anf\u00fchlen. Ganz anders funktioniert Pynchons Roman. Schattennummer ist kein Buch, das einen sanft hineinf\u00fchrt \u2013 es wirft einen hinein. Was als scheinbar klassische Detektivgeschichte beginnt, entwickelt sich schnell zu einem wilden, oft absurden Geflecht aus Orten, Figuren und historischen Bez\u00fcgen. Milwaukee in der Gro\u00dfen Depression, Europa am Vorabend politischer Katastrophen, Spione, Musiker, seltsame Zuf\u00e4lle \u2013 alles scheint miteinander verbunden, aber nichts wirklich greifbar. Typisch f\u00fcr Pynchon ist dieses Gef\u00fchl, dass die Welt gr\u00f6\u00dfer ist, als man sie erfassen kann. <\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"625\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Svenja-Liesau-625x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-34652\" style=\"width:463px\" srcset=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Svenja-Liesau-625x1024.jpg 625w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Svenja-Liesau-183x300.jpg 183w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Svenja-Liesau-768x1259.jpg 768w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Svenja-Liesau-937x1536.jpg 937w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Svenja-Liesau-1249x2048.jpg 1249w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Svenja-Liesau-scaled.jpg 1561w\" sizes=\"auto, (max-width: 625px) 100vw, 625px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Die Handlung verzweigt sich, verliert sich, findet neue Wege, ohne je wirklich zur Ruhe zu kommen. Man liest das nicht wie eine lineare Geschichte, sondern eher wie ein System aus Andeutungen, Codes und Spiegelungen. Und oft hat man das Gef\u00fchl, dass genau dieses Verlorensein Teil der Erfahrung ist. Im direkten Vergleich wird deutlich, wie unterschiedlich beide Autoren mit \u00e4hnlichen Themen umgehen. Liesau bleibt ganz im Inneren ihrer Figur, in Emotionen, in K\u00f6rperlichkeit, in unmittelbaren Erfahrungen. Pynchon dagegen \u00f6ffnet den Blick nach au\u00dfen, zeigt eine Welt im Umbruch, in der Individuen fast untergehen. Doch in beiden F\u00e4llen geht es um Kontrollverlust \u2013 einmal auf pers\u00f6nlicher, einmal auf gesellschaftlicher Ebene. Interessant ist auch, wie sich das beim Lesen anf\u00fchlt: Liesau liest sich wie ein langes, intensives Gespr\u00e4ch in einer Bar, manchmal chaotisch, manchmal \u00fcberraschend klar, oft sehr ehrlich. Pynchon dagegen ist eher wie ein fiebriger Traum oder ein Labyrinth, in dem man sich bewusst verirrt. Beides kann anstrengend sein, aber auf unterschiedliche Weise \u2013 und beides bleibt h\u00e4ngen. Was beide B\u00fccher letztlich verbindet, ist dieses Gef\u00fchl, dass es keine einfache Ordnung mehr gibt. Weder im eigenen Leben noch in der Welt. Und dass man trotzdem weitermacht. Vielleicht nicht zielgerichtet, vielleicht nicht erfolgreich, aber doch mit einer gewissen Hartn\u00e4ckigkeit. Wenn man sie zusammen liest, entsteht fast so etwas wie ein Dialog: zwischen Innen und Au\u00dfen, zwischen Intimit\u00e4t und \u00dcberforderung, zwischen dem kleinen pers\u00f6nlichen Chaos und dem gro\u00dfen, historischen. Und irgendwo dazwischen liegt diese leise, unbequeme Erkenntnis, dass beides oft n\u00e4her beieinanderliegt, als man denkt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>mit dem Werken &#8222;Schattennummer&#8220; von Thomas Pynchon und &#8222;Es war nicht anders m\u00f6glich&#8220; von Svenja Liesau. \/\/ Wenn man Es war nicht anders m\u00f6glich von Svenja Liesau und Schattennummer von Thomas Pynchon nebeneinanderlegt, hat man zun\u00e4chst das Gef\u00fchl, zwei v\u00f6llig unterschiedliche literarische Welten zu betreten \u2013 und doch kreisen beide auf ihre eigene Weise um [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-34650","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category--unter-der-haut"],"aioseo_notices":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/34650","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=34650"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/34650\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":34750,"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/34650\/revisions\/34750"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=34650"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=34650"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=34650"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}