{"id":34727,"date":"2026-05-05T22:06:58","date_gmt":"2026-05-05T20:06:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=34727"},"modified":"2026-05-05T22:06:59","modified_gmt":"2026-05-05T20:06:59","slug":"aufgelesen-vol-681-eine-andere-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=34727","title":{"rendered":"\/\/ aufgelesen vol. (6)81 &#8211; &#8222;eine andere geschichte&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<p><em>mit den Werken &#8222;Entzug&#8220; von Christoph Peters und &#8222;Eine andere Geschichte&#8220; von Charles Lewinsky. <\/em><\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"538\" height=\"853\" src=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Screenshot-2026-04-10-20.00.59.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-34737\" style=\"width:200px\" srcset=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Screenshot-2026-04-10-20.00.59.png 538w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Screenshot-2026-04-10-20.00.59-189x300.png 189w\" sizes=\"auto, (max-width: 538px) 100vw, 538px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>\/\/ Wenn man <em>Entzug<\/em> von <strong>Christoph Peters<\/strong> und <em>Eine andere Geschichte<\/em> von <strong>Charles Lewinsky<\/strong> zusammen liest, begegnet man zwei Romanen, die sich auf ganz unterschiedliche Weise mit Erinnerung, Selbstt\u00e4uschung und der Frage besch\u00e4ftigen, wie ein Leben eigentlich erz\u00e4hlt wird \u2013 und ob man sich dabei jemals wirklich ehrlich begegnet. <em>Entzug<\/em> ist dabei der unmittelbare, fast schmerzhafte Blick nach innen. Gleich zu Beginn steht dieses einfache, aber ersch\u00fctternde Bild: eine Wodkaflasche auf dem K\u00fcchentisch, mitten am Tag, mitten im Familienleben. Und sofort ist klar, dass hier nichts besch\u00f6nigt wird. Peters schreibt nicht \u00fcber Sucht als abstraktes Thema, sondern als gelebten Zustand \u2013 als etwas, das sich in den Alltag frisst, in Routinen, in Gedanken, in Beziehungen. Was den Roman so stark macht, ist diese schonungslose Selbstbeobachtung.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Der Erz\u00e4hler ist Schriftsteller, jemand, der es gewohnt ist, Dinge zu formulieren, zu strukturieren, vielleicht auch zu kontrollieren. Und genau diese F\u00e4higkeit kippt hier ins Gegenteil: Er benutzt Sprache nicht nur, um sich auszudr\u00fccken, sondern auch, um sich zu rechtfertigen, um Ausreden zu finden, um sich selbst zu t\u00e4uschen. Dieses Spannungsfeld zieht sich durch den ganzen Text. Man merkt beim Lesen st\u00e4ndig, wie d\u00fcnn die Grenze ist zwischen Einsicht und Selbstbetrug.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"527\" height=\"836\" src=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Screenshot-2026-04-10-20.00.10.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-34736\" style=\"width:463px\" srcset=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Screenshot-2026-04-10-20.00.10.png 527w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Screenshot-2026-04-10-20.00.10-189x300.png 189w\" sizes=\"auto, (max-width: 527px) 100vw, 527px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Der Aufenthalt in der Klinik wird dann weniger zu einer klassischen \u201eHeilungsgeschichte\u201c, sondern eher zu einer Art Zerlegung des eigenen Lebens. Es geht um Gewohnheiten, um Trigger, um die Logik der Abh\u00e4ngigkeit \u2013 aber vor allem um die Beziehungen zu den Menschen, die darunter leiden. Besonders eindringlich ist dieses Gef\u00fchl, dass Sucht nie nur die eigene ist, sondern immer auch die der anderen. Dass jeder R\u00fcckfall, jede L\u00fcge, jede Verharmlosung Kreise zieht. Und trotzdem bleibt da diese leise, vorsichtige Hoffnung, dass ein anderes Leben m\u00f6glich ist \u2013 nicht als pl\u00f6tzliche Erl\u00f6sung, sondern als m\u00fchsamer, t\u00e4glicher Prozess. Ganz anders setzt <em>Eine andere Geschichte<\/em> an \u2013 und kommt doch an einen \u00e4hnlichen Punkt. Hier ist es kein k\u00f6rperlicher Entzug, sondern ein Erz\u00e4hlen unter Zwang. Curtis Melnitz, ein alter Filmproduzent, sitzt in den 1950er-Jahren in Los Angeles auf der Couch eines Psychiaters und beginnt, sein Leben zu rekonstruieren. Nicht freiwillig, sondern weil er die Medikamente braucht. Schon das ist ein genialer Ausgangspunkt: Erz\u00e4hlen nicht als Bed\u00fcrfnis, sondern als Bedingung. Und so entfaltet sich sein Leben St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck, Sitzung f\u00fcr Sitzung \u2013 wie ein Film, der r\u00fcckw\u00e4rts und vorw\u00e4rts zugleich l\u00e4uft. Hollywood, Berlin, fr\u00fches 20. Jahrhundert: Lewinsky verbindet diese Schaupl\u00e4tze zu einer gro\u00dfen Erz\u00e4hlung \u00fcber das 20. Jahrhundert selbst. Was mich beim Lesen besonders besch\u00e4ftigt hat, ist die Frage, wie zuverl\u00e4ssig dieses Erz\u00e4hlen \u00fcberhaupt ist. Melnitz ist ein Mann aus der Traumfabrik \u2013 jemand, der sein Leben lang damit gearbeitet hat, Geschichten zu inszenieren. Kann so jemand \u00fcberhaupt \u201ewahr\u201c erz\u00e4hlen? Oder ist auch diese Lebensbeichte letztlich eine Inszenierung, eine weitere Version seiner selbst? Genau hier ber\u00fchren sich die beiden Romane. Denn auch in <em>Entzug<\/em> geht es letztlich um diese Frage: Wie ehrlich kann man zu sich selbst sein? Der Unterschied ist nur der Zugang. Peters geht radikal nach innen, k\u00f6rperlich, unmittelbar, fast klaustrophobisch. Lewinsky dagegen arbeitet \u00fcber Distanz, \u00fcber Erinnerung, \u00fcber die Konstruktion von Geschichten. Der eine zeigt, wie ein Leben durch Abh\u00e4ngigkeit aus der Kontrolle ger\u00e4t. Der andere, wie ein Leben im Nachhinein geordnet \u2013 vielleicht sogar umgeschrieben \u2013 wird. Und beide machen deutlich, dass Identit\u00e4t nichts Festes ist, sondern etwas, das st\u00e4ndig neu erz\u00e4hlt wird. Beim Lesen entsteht dadurch ein spannender Kontrast: Hier die Gegenwart der Sucht, roh und ungefiltert. Dort die R\u00fcckschau eines langen Lebens, gefiltert durch Erinnerung und Erz\u00e4hlung. Aber in beiden F\u00e4llen bleibt ein Rest Unsicherheit. Ein Zweifel daran, ob das, was erz\u00e4hlt wird, wirklich \u201edie Wahrheit\u201c ist \u2013 oder nur eine Version davon, mit der man leben kann. Und vielleicht ist genau das die Verbindung zwischen diesen beiden B\u00fcchern: Sie zeigen, dass der schwierigste Teil nicht unbedingt das Leben selbst ist, sondern der Versuch, es sich selbst gegen\u00fcber zu erkl\u00e4ren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>mit den Werken &#8222;Entzug&#8220; von Christoph Peters und &#8222;Eine andere Geschichte&#8220; von Charles Lewinsky. \/\/ Wenn man Entzug von Christoph Peters und Eine andere Geschichte von Charles Lewinsky zusammen liest, begegnet man zwei Romanen, die sich auf ganz unterschiedliche Weise mit Erinnerung, Selbstt\u00e4uschung und der Frage besch\u00e4ftigen, wie ein Leben eigentlich erz\u00e4hlt wird \u2013 und [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-34727","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category--unter-der-haut"],"aioseo_notices":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/34727","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=34727"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/34727\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":34820,"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/34727\/revisions\/34820"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=34727"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=34727"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=34727"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}