{"id":502,"date":"2008-03-13T14:58:27","date_gmt":"2008-03-13T13:58:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=502"},"modified":"2008-03-13T15:08:05","modified_gmt":"2008-03-13T14:08:05","slug":"voy-voy-voy","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=502","title":{"rendered":"\/\/ voy, voy, voy"},"content":{"rendered":"<p>Fu\u00dfball f\u00fcr Sehende? Wie langweilig!<br \/>\n\u201eMarcel?\u201c, ruft Ramon, w\u00e4hrend er den Ball \u00fcbers Feld dribbelt. \u201eHier\u201c, meldet sich Marcel und Ramon spielt ihm den Ball zu. Marcel nimmt ihn an, l\u00e4uft mit ihm in Richtung gegnerisches Tor \u2013 und prallt fast mit einem Mitspieler zusammen, der gerade noch rechtzeitig \u201evoy, voy, voy!\u201c, schreit. Marcel dreht ab, l\u00e4uft ein paar Schritte und schie\u00dft den Ball dann mit einem kr\u00e4ftigen Tritt ins Tor. \u201eDer war drin\u201c, ruft der Torwart \u2013 eine notwendige Information, denn Marcel, Ramon, Dimitrios und Gabi spielen keinen gew\u00f6hnlichen Fu\u00dfball. Sie spielen Blindenfu\u00dfball.<!--more--><br \/>\n\u201eIm Prinzip ist fast alles so wie beim normalen Fu\u00dfball\u201c, erkl\u00e4rt Marcel Heim, Blindenfu\u00dfballer beim BFW (Berufsf\u00f6rderungswerk W\u00fcrzburg).<br \/>\nDieses \u201efast\u201c schlie\u00dft aber eine ganze Menge mit ein: Schon beim Spielfeld gibt es einen Unterschied: Es ist nur 40 x 20 Meter gro\u00df. Damit die Spielerwissen, wo sich der Ball befindet, besitzt dieser eine eingebaute Rassel, so dass man ihn h\u00f6ren kann. Jede Mannschaft besteht aus vier blinden Spielern und einem sehenden Torwart. Wenn man h\u00f6rt, dass sich ein Spieler mit dem Ball n\u00e4hert, rufen beide \u201evoy\u201c, was spanisch ist und \u201eich komme\u201c, bedeutet. So wissen sie, wann sie anhalten m\u00fcssen, um nicht gegeneinander zu sto\u00dfen. Damit die Spieler \u2013 nicht alle sind vollst\u00e4ndig blind \u2013 auch hundertprozentig nichts sehen, tragen sie schwarze Augenbinden.<br \/>\n\u201eBei einem Turnier gab es mal einen Betrugsvorwurf\u201c, erkl\u00e4rt Marcel, dessen Mannschaft in der Bundesliga spielt. \u201eJemand behauptete, ein Spieler habe seine Augenbinde nicht richtig auf. Es stellte sich aber hinterher heraus, dass der Mann Glasaugen hatte.\u201c<br \/>\nDie Spieler, die in der Turnhalle des BFW trainieren, tragen Schienbeinschoner und Supensorium \u2013 aus nahe liegenden Gr\u00fcnden: \u201eAb und zu tritt eben doch mal einer daneben\u201c, grinst Marcel. Er hat auch einen speziellen Kopfschutz entwickelt, der m\u00f6glicherweise bald bei jedem Turnier getragen werden muss. \u201eDen Prototyp habe ich zum Testen weggegeben und dann ist er irgendwie verloren gegangen\u201c, bedauert Marcel. Er muss sich seine Erfindung schlie\u00dflich noch patentieren lassen.<br \/>\nW\u00e4hrend die anderen Mitspieler noch \u00fcber R\u00fcckennummern diskutieren, reicht mir Marcel eine Augenbinde und legt mir den Ball hin. Als ich mir die Augen verbunden habe, l\u00e4uft er ein paar Schritte von mir weg und ruft \u201eHier, hier, hier\u2026\u201c. Ich versuche, den Ball zu ihm zu schie\u00dfen, trete aber gleich bei den ersten Versuchen gr\u00fcndlich daneben. Als ich dann zu ihm dribbeln soll, springt mir der Ball weg, und obwohl ich ihn rasseln h\u00f6re, habe ich keine Ahnung, wo er sich befindet. Seufzend nehme ich die Augenbinde ab und sehe den Ball, der von mir wegkullert. Marcel lacht. \u201eOrientierung ist das Wichtigste\u201c, sagt er.<br \/>\nBeim BFW W\u00fcrzburg spielen M\u00e4nner und Frauen. In der Nationalmannschaft, f\u00fcr die Marcel beinahe aufgestellt worden w\u00e4re, d\u00fcrfen nur M\u00e4nner spielen. Im Moment haben die Trainer des BFW, Ansgar Lipecki und Martina Junker, allerdings Probleme, \u00fcberhaupt Mitspieler aufzutreiben: Die Mitglieder des BFW bleiben meist nur ein oder zwei Jahre in W\u00fcrzburg und ziehen dann weg \u2013 auf diese Weise verliert die Mannschaft immer wieder Spieler. F\u00fcr Turniere schlie\u00dfen sie sich deshalb mit der Berliner Mannschaft zusammen, um \u00fcberhaupt gen\u00fcgend Leute aufs Feld zu bekommen.<br \/>\nMarcel hat selbst ein \u00e4hnliches Problem: Er ist m\u00f6glicherweise schon n\u00e4chstes Jahr nicht mehr dabei, weil er dann eine Ausbildung als Fachinformatiker beginnt, die ihn viel Zeit kosten wird. Deshalb hofft er auf Zuwachs, damit sich die Mannschaft nicht aufl\u00f6st. In ganz Deutschland gibt es schlie\u00dflich momentan nur neun Mannschaften, im Sommer kommt mit K\u00f6ln eine zehnte dazu. In Deutschland wurde das Spiel erst mit der hier stattfindenden WM 2006 bekannt, in Brasilien oder Argentinien hingegen wird es schon seit Jahrzehnten gespielt.<br \/>\nAm Ende des Trainings spielen Gabi, Dimitrios, Marcel und Ramon (alle mit Augenbinde) gegen Trainer Ansgar Lipecki (sehend, im Tor) und Martina Junker (sehend, in der Verteidigung). Im Tor der Blinden steht ebenfalls ein Sehender, der je- doch nur zwei-, h\u00f6chstens dreimal einen Ball abwehren muss. Als es nach ungef\u00e4hr 20 Minuten 17:1 f\u00fcr Marcels Team steht, lacht Martina Junker und jammert: \u201eMensch, das ist doch unfair!\u201c<br \/>\n\/\/ von johanna popp<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fu\u00dfball f\u00fcr Sehende? 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