{"id":7190,"date":"2011-05-06T07:39:05","date_gmt":"2011-05-06T06:39:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=7190"},"modified":"2011-05-06T07:39:28","modified_gmt":"2011-05-06T06:39:28","slug":"aufgelesen-vol-10-gespenstisch-schones-wetter-drausen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=7190","title":{"rendered":"\/\/ aufgelesen vol. 10 &#8211; &#8222;gespenstisch sch\u00f6nes wetter drau\u00dfen&#8220;"},"content":{"rendered":"<p class=\"MsoNormal\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-7191\" title=\"armitage\" src=\"http:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/armitage.jpg\" alt=\"armitage\" width=\"250\" height=\"414\" \/>Gedichtb\u00e4nde sind bei uns bisher leider etwas zu kurz gekommen, doch bei <strong>Simon Armitage<\/strong> machen wir gerne mal eine Ausnahme. Der Lyriker, der unter anderem \u201eKreatives Schreiben\u201c an der Universit\u00e4t in Manchester unterrichtet, spricht mit seinem \u201ePub Talk\u201c einer ganzen Generation aus dem Herzen. Viele seiner Gedichte zeichnen sich dadurch aus, dass sie den Alltag in Lyrik transformieren. Das klingt dann niemals plump, seine lyrischen Erg\u00fcsse punkten stattdessen mit einer bemerkenswerten Rhythmik, die man eigentlich eher von einem Liedermacher erwartet h\u00e4tte (was Simon Armitage ganz nebenbei auch ist): \u201eFive Pounds Fifty In Change, Exactly, A Library Card On Ist Date Of Expiry\u201c (zu deutsch \u2013 \u00fcbersetzt von Jan Wagner, wie auch der Rest des Gedichtbands: \u201cEtwas Kleingeld, genauer: f\u00fcnf f\u00fcnfzig in Groschen, ein Bibliotheksausweis, soeben erloschen\u201c). <span style=\"color: #262626;\"><!--more--><\/span>Man sitzt wie gebannt vor diesem Werk, genie\u00dft die mal zeitgen\u00f6ssischen, mal doppelb\u00f6digen Zeilen des Autors und beobachtet fasziniert, wie er am Lack der Gesellschaft kratzt. Hin und wieder bekommt man dabei auch selbst einen Spiegel vorgehalten, vor allem dann, wenn das Allt\u00e4gliche anhand bestimmter \u201eProdukte\u201c in die Gedichte einflie\u00dft, was dann nur umso deutlicher unsere Abh\u00e4ngigkeit von bestimmten Konsumg\u00fctern verdeutlicht. \u201eZoom!\u201c ist trotz seiner bewusst schlicht gehaltenen Sprache ein \u00e4u\u00dfert witziges, spannendes, vor allem aber intelligentes Werk. Simon Armitage entwirft S\u00e4tze, die einen auch nach mehreren Tagen nicht wieder loslassen.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-medium wp-image-7192\" title=\"regener\" src=\"http:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/regener-188x300.jpg\" alt=\"regener\" width=\"188\" height=\"300\" \/><strong>Sven Regener<\/strong> hat mit seiner \u201eHerr Lehmann\u201c-Trilogie derweil ja bereits zahlreiche Fans gesammelt, auch wenn der \u201eKleine Bruder\u201c leider das Niveau der beiden Vorl\u00e4ufer nicht zu halten vermochte. Nun erscheint unter dem Titel \u201eMeine Jahre mit Hamburg-Heiner\u201c eine \u201eLogbuch\u201c-Sammlung des Autors, welche zahlreiche Texte beinhaltet, die Regener in den letzten Jahren f\u00fcr diverse Internet-Plattformen entwarf. Daraus puzzelt er nun eine Art \u201eTagebuch-Roman\u201c zusammen, der zahlreiche Stationen seines Lebens skizziert. Hamburg Heiner hat er dabei als eine Art Alter Ego seiner selbst erschaffen. Dieser sorgt im Gesamtzusammenhang f\u00fcr allerhand Knalleffekte, denn immer dann, wenn es langweilig zu werden droht, taucht pl\u00f6tzlich der \u201eHamburg-Heiner\u201c auf der Bildfl\u00e4che auf und installiert sich als virtueller Gegenspieler, um den \u00f6den Alltag des Protagonisten ein bisschen aufzup\u00e4ppeln. Gerade dieser (eigentlich) schizophrene Ansatz macht die Lekt\u00fcre von seinen Blogs \u00fcber Berlin, die Frankfurter Buchmesse, das Tourleben oder das Verh\u00e4ltnis von \u00d6sterreich und Deutschland so am\u00fcsant. Nat\u00fcrlich kann man anmerken, dass Regener den \u201eHamburg-Heiner\u201c nur als Stilmittel einsetzt, um mit ihm davon abzulenken, dass all das Geblogge im Web (auch das Geschreibsel seiner selbst) sehr viel Verzichtbares abwirft. Er h\u00e4lt sich durch seinen \u201eGespr\u00e4chspartner\u201c aber nicht nur selbst einen Spiegel vor, sondern auch dem Rest der Internet-Gemeinde, die sich allt\u00e4glich daran macht, Nichtiges in (scheinbar) Nachhaltiges zu verpacken. Dass dabei \u00fcber kurz oder lang die Qualit\u00e4t auf der Strecke bleibt, sollte klar sein. Deshalb einfach mal wieder das Smart Phone ausgeschaltet lassen, in den Stadtpark radeln, dieses Buch aufschlagen und am Ende keinem was davon erz\u00e4hlen\u2026<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-7193\" title=\"coe\" src=\"http:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/coe.jpg\" alt=\"coe\" width=\"300\" height=\"500\" \/>Hinterher hei\u00dft es dann: alle Einzelg\u00e4nger, bitte aufgepasst. \u201eDie ungeheuerliche Einsamkeit des Maxwell Sim\u201c ist eine charmante Abhandlung zum Thema Befindlichkeiten und ihre Nebenwirkungen. Der Birminghamer Autor <strong>Jonathan Coe<\/strong> erz\u00e4hlt die Geschichte eines 48j\u00e4hrigen, der sich ohne Frau und Tochter (haben ihn verlassen!) in einem Restaurant in Sydney wieder findet. Die Freunde sind ihm auf seinem Weg durchs Leben irgendwie abhanden gekommen, nicht mal sein Vater, den er gerade besuchen m\u00f6chte, will noch etwas von ihm wissen. Anstatt allerdings \u00fcber ein baldiges Ausscheiden aus dem Gesch\u00e4ft, das sich Leben nennt, nachzugr\u00fcbeln, l\u00e4sst er sich lieber von der Werbebranche instrumentalisieren und tuckert fortan f\u00fcr eine Zahnb\u00fcrstenfirma zu den Shetlandinseln. Mit dabei hat er Emma, sein Navi, das auf der Reise zum besten Kumpel des eigenwilligen Kauzes mutiert. Angestachelt von seinen inneren D\u00e4monen nimmt er diesbez\u00fcglich allerdings ein paar Umwege in Kauf, um sich letztlich an all den Orten wieder zu finden, die seinem Leben etwas Bedeutungsvolles schenkten. Dabei st\u00f6\u00dft er nicht nur auf diverse Schriftst\u00fccke, die seine Sicht der Dinge ordentlich umkrempeln, er sieht sich auch zunehmend mit seiner inneren Leere konfrontiert. Der Galgenhumor des Protagonisten schl\u00e4gt in diesem Zusammenhang etwa zur Mitte des Buches hin in Niedergeschlagenheit um. Das wirkt zwar nachvollziehbar, dennoch verliert der Roman dadurch ein wenig an Drive. Etwas mehr Pepp h\u00e4tte in der zweiten H\u00e4lfte sicher nicht geschadet. Alles in allem ist \u201eDie ungeheuerliche Einsamkeit des Maxwell Sim\u201c trotzdem eine willkommene Sommerlekt\u00fcre f\u00fcr einsame Herzen. Man muss sich nur auf sie einlassen. Aber das ist bei Jonathan Coe eigentlich grunds\u00e4tzlich so.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-7194\" title=\"duve\" src=\"http:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/duve.jpg\" alt=\"duve\" width=\"256\" height=\"419\" \/><strong>Karen Duve<\/strong> hat derweil ihren Teil zum Thema \u201eAnst\u00e4ndig essen\u201c beigetragen, indem sie bereits im letzten Jahr ihren gleichnamigen Roman unters Volk streute. Nach anf\u00e4nglicher Skepsis haben wir uns das Buch jetzt doch noch zu Gem\u00fcte gef\u00fchrt und stellen fest: es ist ein \u00e4u\u00dferst gelungenes Werk. Gerade dadurch, dass die Protagonistin zuvor zahlreiche Fleischprodukte in sich reinschaufelte, wirkt ihr Selbstversuch, fortan auf fleischliche Nahrung zu verzichten, nur umso ambitionierter. Es ist ja nie zu sp\u00e4t, seine Einstellung zu hinterfragen, dementsprechend verzichtet Karen Duve fortan ein komplettes Jahr auf tierische Produkte, wobei sie netterweise auch mal zwischen vegetarisch und vegan unterscheidet. Man muss der Autorin zugute halten, dass sie mit ihrem Roman sicher auch dazu beigetragen hat, dass das Thema im letzten Jahr in den Massenmedien ziemlich breit getreten wurde (was das allerdings bewirkt hat, dar\u00fcber l\u00e4sst sich durchaus streiten, denn in meinem direkten Umfeld waren die Diskussionen \u00fcber unser Essverhalten schon nach kurzer Zeit wieder abgeebbt). Umso wichtiger scheint es mir, jetzt noch einmal auf diesen Roman hinzuweisen. Er wirft n\u00e4mlich die grunds\u00e4tzliche Frage auf, wie wir fortan mit der Tierwelt auf unserem Planeten umgehen m\u00f6chten. Mir scheint es jedenfalls keine Option, so weiterzumachen wie bisher. Wenn sich die Menschheit tats\u00e4chlich damit abfinden w\u00fcrde, dass Masth\u00fchner auf einem Fleck nicht viel gr\u00f6\u00dfer als ein DINA4-Blatt gehalten werden, kann jeder vernunftbegabte Mensch das eigentlich nur zum Kotzen finden. Deshalb im Kleinen anfangen. Auf die Schn\u00e4ppchen im Tiefk\u00fchlregal verzichten, den Spielverderber auf Gartenpartys spielen, den Konsum z\u00fcgeln und am Ende ein gesundes Verh\u00e4ltnis zu dem entwickeln, was einen umgibt. Mehr dazu in diesem Buch, das heute kein St\u00fcck weniger aktuell scheint, als am Erscheinungstag.<span> <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-7195\" title=\"howell\" src=\"http:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/howell.jpg\" alt=\"howell\" width=\"276\" height=\"441\" \/>Simmone Howell<\/strong> setzt sich in ihrem Buch \u201eKunst, Baby\u201c derweil mit dem Wunsch dreier junger M\u00e4dels nach Selbstverwirklichung auseinander. Gem, Lo und Mira wollen Experimentieren, raus aus dem Alltag, der sie umgibt und auffrisst, deshalb versuchen sich Lo und Mira fortan an skandaltr\u00e4chtigen Aktionen, w\u00e4hrend Gem ihre eigene Filmproduktion auf die Beine stellt. Dabei orientiert sie sich nat\u00fcrlich an ihrem gro\u00dfen Vorbild, Andy Warhol, der ja auch allerhand Erfahrung im Kunstfilm-Bereich sammeln durfte, womit dann auch schon die Richtung des Projekts vorgegeben ist: \u201eUnderground\u201c soll es sein. Nicht mehr und nicht weniger. Das wiederum kann sie ihren Freundinnen aber nur schwer verklickern. Die Beiden k\u00f6nnen einfach nicht nachvollziehen, warum Gem dieser Streifen so wichtig ist. Die Situation spitzt sich zu. Wobei es die Autorin aus Melbourne immer wieder gelingt, den Roman mit ihrer enthusiastischen Schreibweise aufzup\u00e4ppeln. Wer auf aneckende Coming Of Age-Geschichten steht und ein Faible f\u00fcr Kunst mitbringt, sollte unbedingt mal reinschnuppern. Es lohnt sich. Womit wir dann auch schon wieder am Ende w\u00e4ren f\u00fcr heute. Viel Spa\u00df beim Schm\u00f6kern. Bis zur n\u00e4chsten Leserunde.<span> <\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gedichtb\u00e4nde sind bei uns bisher leider etwas zu kurz gekommen, doch bei Simon Armitage machen wir gerne mal eine Ausnahme. Der Lyriker, der unter anderem \u201eKreatives Schreiben\u201c an der Universit\u00e4t in Manchester unterrichtet, spricht mit seinem \u201ePub Talk\u201c einer ganzen Generation aus dem Herzen. 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