{"id":8518,"date":"2011-12-23T08:35:20","date_gmt":"2011-12-23T07:35:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=8518"},"modified":"2011-12-23T10:19:19","modified_gmt":"2011-12-23T09:19:19","slug":"aufgelesen-vol-26-wer-mit-offenen-augen-durch-die-strasen-geht-der-wird-bestimmt-diee-fidelsten-gesichter-in-den-trauerkutschen-sehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=8518","title":{"rendered":"\/\/ aufgelesen vol. 26 &#8211; &#8222;wer mit offenen augen durch die stra\u00dfen geht, der wird bestimmt die fidelsten gesichter in den trauerkutschen sehen&#8220;"},"content":{"rendered":"<p class=\"MsoNormal\"><em>mit neuen B\u00fcchern von Wolfgang Herrndorf, Jack Kerouac, Meredith Haaf, Daniel Boese &amp; Andr\u00e9 Breton. <\/em><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-8519\" title=\"herrndorf\" src=\"http:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/herrndorf.jpg\" alt=\"herrndorf\" width=\"200\" height=\"328\" srcset=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/herrndorf.jpg 290w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/herrndorf-183x300.jpg 183w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/>\/\/ <strong>Wolfgang Herrndorf<\/strong> hat mit seinem Roman \u201eTschick\u201c alle verz\u00fcckt. Nun macht er sich daran, die Freiheiten, die ihm aufgrund seines Megaerfolgs offeriert wurden, hemmungslos auszunutzen. Sein neues Buch \u201eSand\u201c unterl\u00e4uft alle Erwartungshaltungen. Das Werk ist sperrig, ausufernd und vor allem die passende Retourkutsche an all jene, die ihn als Schriftsteller bereits in eine bestimmte Ecke schubsen wollten. Es ist ziemlich schwierig die Handlung dieses Werks in wenigen Setzen zu umrei\u00dfen. Deswegen hat wahrscheinlich auch sein Verlag kurzerhand darauf verzichtet, auf dem R\u00fcckumschlag eine Kurzzusammenfassung zu platzieren. Stattdessen bekommt man ein treffsicheres Zitat vor den Latz geknallt, dass deutlich macht, worum es hier geht: n\u00e4mlich Poesie in Romanform zu transformieren. Man merkt, wie intensiv der Autor an den einzelnen S\u00e4tzen dieses Werkes gefeilt hat. Schon das erste Kapitel, das voller Andeutungen steckt, elektrisiert einen. <!--more-->Man arbeitet sich regelrecht rein in dieses Buch, das gerade zu Beginn eine echte Herausforderung darstellt. Die Komplexit\u00e4t, der regelrecht \u00fcberbordende Auftakt, m\u00fcndet schlie\u00dflich in einen Geheimagenten-Thriller, der zunehmend an Fahrt aufnimmt. In gewisser Weise verh\u00e4lt es sich mit diesem Werk, wie mit zahllosen Geschichten von David Foster Wallace. Da erf\u00e4hrt man auch erst mit der Zeit, worum es eigentlich ging. So gelingt es Herrndorf, seine Leserschaft konsequent an der Nase herumzuf\u00fchren, zudem kann er sein Faible f\u00fcr durch geknallte Charaktere voll ausleben und Selbigen im Rahmen der Geschichte viel Raum zur Entfaltung einr\u00e4umen. \u201eSand\u201c ist ein buntes, komisches, bisweilen auch listiges Werk. In gewisser Weise treffen hier die Coen-Br\u00fcder auf das reale Leben. In der Gewissheit der eigenen Verg\u00e4nglichkeit hat Wolfgang Herrndorf alles auf eine Karte gesetzt und eine Ballade auf die Anti-Helden unserer Gesellschaft geschrieben. Bleibt am Ende nur zu hoffen, dass m\u00f6glichst viele Leser seiner F\u00e4hrte folgen, bevor der Wind seine Spuren im Sand verwischt.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-8520\" title=\"kerouac\" src=\"http:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/kerouac.jpg\" alt=\"kerouac\" width=\"207\" height=\"342\" srcset=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/kerouac.jpg 303w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/kerouac-181x300.jpg 181w\" sizes=\"auto, (max-width: 207px) 100vw, 207px\" \/>\/\/ Unglaublich, aber wahr. Die Urfassung von \u201eOn The Road\u201c \u2013 dem Beat Generation-Klassiker aus der Feder <strong>Jack Kerouac<\/strong>s liegt nun endlich auch hierzulande in neuer \u00dcbersetzung vor. Das Original des Buches ist damals in stark redigierter Fassung erschienen. Und so kann man sich nun aufs Neue diesem uferlosen, hemmungslosen, schlicht atemlosen Schm\u00f6ker hingeben, der eine ganze Horde von Nachwuchsautoren inspirierte, ihrem Drang zum Schreiben freien Lauf zu lassen. Kerouac hat das Werk damals auf eine 40 Meter lange Papierrolle gepinselt. Und zwar in nur drei wilden N\u00e4chten. Anschlie\u00dfend hat er sich abermals 30 Tage Zeit genommen, seine literarischen Gedankenstr\u00f6me neu zu \u00fcberarbeiten und dazu entschlossen, eine \u00fcberarbeitete Version zu ver\u00f6ffentlichen. Nun hat Howard Cunnell sich noch mal seinen Originalaufzeichnungen zugewandt und die Schriftrolle eins zu eins digitalisiert. Auch wenn winzige Bruchst\u00fccke des Originaltextes leider nicht mehr vorlagen, so dass hier kein Anspruch auf Vollst\u00e4ndigkeit besteht (fehlende Stellen wurden aus dem Originalroman \u00fcbernommen), ist es ein Vergn\u00fcgen Kerouacs Gedankenstrom in solch unmittelbarer Form erleben zu d\u00fcrfen. Auch wenn diese Ver\u00f6ffentlichung wahrscheinlich nie geplant gewesen ist, zieht sie einen von der ersten Seite an in ihren Bann. Man sollte sich am Besten einen kompletten Tag lang Zeit nehmen und die knapp 600 Seiten in einem Rutsch durchschm\u00f6kern. Die Geschwindigkeit dieses Werks ist beeindruckend. Es saugt einen regelrecht in sich auf. Die Geschichte dreht sich um zwei Kumpels, sie reisen von New York Richtung Westk\u00fcste, nach Mexiko und landen schlie\u00dflich wieder zuhause. Ihre Reise hat nicht nur gro\u00dfen Einfluss auf ihre Freundschaft, sie ver\u00e4ndert auch die beiden Personen selbst. \u201eOn The Road\u201c ist in diesem Zusammenhang nicht nur eine Geschichte \u00fcber das Leben, die Liebe, den Sex, das Gl\u00fcck, die Musik und die Drogen. Es ist genau die Geschichte, welche man zu diesen Themen wirklich gelesen haben sollte.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-large wp-image-8521\" title=\"haaf\" src=\"http:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/haaf-646x1023.jpg\" alt=\"haaf\" width=\"189\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/haaf-646x1023.jpg 646w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/haaf-189x300.jpg 189w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/haaf.jpg 1417w\" sizes=\"auto, (max-width: 189px) 100vw, 189px\" \/>\/\/ \u201eHeult doch\u201c ruft die Autorin <strong>Meredith Haaf<\/strong> derweil allen zu, die am eigenen Luxus-Lifestyle zugrunde gehen. Ihr aktuelles Buch dreht sich um jene Generation Mitte 20, die sich ins gemachte Nest der Eltern pflanzt und vor Selbstmitleid zerflie\u00dft. Das Buch ist im \u00fcbertragenen Sinne ein Frontalangriff auf Sarah Kuttners \u201eWachstumsschmerz\u201c, weil es keine Ausreden mehr gelten l\u00e4sst. Kloppt eure Emotionen doch in die Tonne, scheint einem die Autorin immer wieder zuzurufen. Also nimmt sie St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck die Befindlichkeiten der eigenen Altersgenossen auseinander. F\u00fcr die Autorin scheinen Selbige n\u00e4mlich der Anfang allen \u00dcbels sein. Und sie wei\u00df wovon sie spricht. Sie z\u00e4hlt als Mitglied des 83er Jahrgangs selbst zu dieser Generation an Leisetretern, die sich vor allem mit dem eigenen, pers\u00f6nlichen Innenleben auseinandersetzt. Als studierte Philosophin und Autorin des SZ-Magazins, sowie des renommierten Blogs maedchenmannschaft.net, hat sie uns bereits mit zahlreichen Texten zum Nachdenken angeregt. Mit \u201eHeult doch\u201c gelingt es ihr abermals, weil sich darin die Orientierungslosigkeit vieler junger Erwachsener widerspiegelt, welche vom Wohlstandbaum zehren. Die einzelnen Kapitel setzen sich in diesem Zusammenhang zielsicher mit den Themen Reiz\u00fcberflutung, Postutopismus, Pragmatismus und Wutlosigkeit auseinander. Am Ende bekommt man ein \u00e4u\u00dferst differenziertes Bild einer Generation geliefert, deren fehlender Mut, die Welt zu ver\u00e4ndern, erschreckend nachvollziehbar scheint.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-8522\" title=\"boese\" src=\"http:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/boese.jpg\" alt=\"boese\" width=\"165\" height=\"271\" srcset=\"https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/boese.jpg 256w, https:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/boese-182x300.jpg 182w\" sizes=\"auto, (max-width: 165px) 100vw, 165px\" \/>\/\/ In eine \u00e4hnliche Kerbe schl\u00e4gt auch das aktuelle Buch von <strong>Daniel Boese<\/strong>. Dem Online-Redakteur des Kunstmagazins \u201eart\u201c gelingt es in seinen Artikeln immer wieder gesellschaftskritische Problemstellungen unter ver\u00e4nderten Gesichtspunkten zu durchleuchten. Auf seinem Blog www.danielboese.de setzt er sich dar\u00fcber hinaus intensiv mit den zeitgen\u00f6ssischen Fragestellungen zum Thema \u201eKlimawandel\u201c auseinander und profiliert sich in diesem Zusammenhang als intelligenter Querkopf, dem das Kunstst\u00fcck gelingt, komplexe gesellschaftliche Zusammenh\u00e4nge f\u00fcr jeden verst\u00e4ndlich darzulegen. In seinem Buch \u201eWir sind jung und brauchen die Welt\u201c setzt er sich im Allgemeinen mit der \u201eGeneration Facebook\u201c auseinander, welcher die M\u00f6glichkeiten der digitalen Medienwelt in den Scho\u00df gelegt wurden. Er f\u00fchrt vor Augen, wie Selbige diese auf \u00fcberzeugende Weise zum Aufbegehren gegen das Establishment einzusetzen wei\u00df. Auf seinem Streifzug interviewt er Atomkraftgegner in Gorleben und Aktivisten in Indien. Au\u00dferdem f\u00fchrt er vor Augen, wie die \u201eGr\u00fcnen Nerds\u201c zum Schutz des Klimas beitragen, besch\u00e4ftigt sich mit dem Ende des Atomzeitalters in Deutschland und kreidet den Verantwortlichen die vertr\u00f6delte Energiewende an. Die schmissigen, aber inhaltlich dennoch sehr gut recherchierten Texte erzeugen einen regelrechten Drang beim Leser, sich pers\u00f6nlich intensiver am Weltgeschehen zu beteiligen. Da ist es am Ende \u00e4u\u00dferst praktisch, dass der Autor gleich noch 25 Websites auflistet, die man sich in diesem Zusammenhang unbedingt mal zu Gem\u00fcte f\u00fchren sollte. Ein echter Schatz f\u00fcr jeden Weltverbesserer, dieses Buch.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-8523\" title=\"breton\" src=\"http:\/\/www.zuckerkick.com\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/breton.jpg\" alt=\"breton\" width=\"140\" height=\"280\" \/>\/\/ Wer sich mal intensiv mit der Geschichte des schwarzen Humors besch\u00e4ftigen m\u00f6chte, sollte zum Abschluss mal in einer \u201eZweitausendeins\u201c-Buchhandlung vorbeischauen. Dort (und nur dort) ist seit Kurzem die \u201eAnthologie des schwarzen Humors\u201c von <strong>Andr\u00e9 Breton<\/strong> nach einer gef\u00fchlten Ewigkeit wieder erh\u00e4ltlich. Der am\u00fcsante W\u00e4lzer stammt bereits aus dem Jahre 1939 und enth\u00e4lt zahllose Geschichten von 45 verschiedenen Autoren, die sich allesamt mit dem Surrealen auseinandersetzen. Breton selbst wurde 1896 in der Normandie geboren und war ein angesehener Poet und Schriftsteller. Auf 555 Seiten bekommt man nun vom Verlag \u201eRogner &amp; Bernhard\u201c einen Rundumschlag des d\u00fcsteren Witzes vor den Latz geknallt. Neben Jonathan Swift, Franz Kafka (\u201eDie Verwandlung\u201c) und Hans Arp finden sich auch Texte (und Gedichte) von Pablo Picasso und Lewis Carroll in diesem Werk. Ein scheinbar unersch\u00f6pfliches, skurriles Sammelsurium des Abgr\u00fcndigen tut sich vor einem auf. Bitterb\u00f6se, augenzwinkernde \u201eAnweisungen f\u00fcr die Dienerschaft\u201c (z.B. bez\u00fcglich gewiefter Lohnverhandlungen oder der Kunst des T\u00fcr-Zuknallens) aus der Feder Jonathan Swifts treffen auf \u201eDie neuen Aspekte des gespenstischen Sex-Appeals\u201c von niemand Geringerem als Gro\u00dfmeister Salvador Dali. Am Ende sitzt mal mit einem schiefen Schmunzeln auf den Lippen in der Ecke und sinniert \u00fcber den Rand des Abgrundes, auf welchem wir alle balancieren. Wer auf anspruchsvolle, \u00e4u\u00dferst gewitzte Unterhaltung steht, sollte unbedingt mal rein lesen. Und damit Schluss f\u00fcr heute. Frohe Weihnachten euch allen und bis zum n\u00e4chsten Mal. <span> <\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>mit neuen B\u00fcchern von Wolfgang Herrndorf, Jack Kerouac, Meredith Haaf, Daniel Boese &amp; Andr\u00e9 Breton. \/\/ Wolfgang Herrndorf hat mit seinem Roman \u201eTschick\u201c alle verz\u00fcckt. Nun macht er sich daran, die Freiheiten, die ihm aufgrund seines Megaerfolgs offeriert wurden, hemmungslos auszunutzen. Sein neues Buch \u201eSand\u201c unterl\u00e4uft alle Erwartungshaltungen. 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