{"id":8761,"date":"2012-01-31T15:03:49","date_gmt":"2012-01-31T14:03:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=8761"},"modified":"2012-01-31T16:46:33","modified_gmt":"2012-01-31T15:46:33","slug":"eine-kleine-sprachkritik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=8761","title":{"rendered":"\/\/ eine kleine sprachkritik"},"content":{"rendered":"<p><em>Wer bin ich, was kann ich wissen, was kann ich hoffen?<\/em><\/p>\n<p>Diese Fragen treten fr\u00fcher oder sp\u00e4ter bei der Bewusstseinswerdung des eigenen Ichs auf. Irgendwann, w\u00e4hrend man sich noch gelegentlich in die Windel macht. Sie sind eine gute Grundlage um sich \u00fcber sich und die Welt Gedanken zu machen, Kritik zu \u00fcben, zu hoffen und zu reifen, und etwas f\u00fcr die eigenen W\u00fcnsche und Tr\u00e4ume zu tun, die sich wiederum aus diesen Fragen ergeben.<\/p>\n<p><!--more-->Gleichzeitig bieten diese Fragen den Ankn\u00fcpfungspunkt f\u00fcr Vorschl\u00e4ge, die nicht unbedingt unserem eigenen Verstand entspringen, sondern\u00a0 vorgegeben werden.\u00a0 \u201eMobilit\u00e4t\u201c und \u201eFlexibilit\u00e4t\u201c, \u201eOrdnung\u201c und \u201eFlei\u00df\u201c beispielsweise sind Seinsvorschl\u00e4ge, die uns immer wieder eingeimpft werden und uns Glauben machen sollen, dass wir die alleinige Eigenkontrolle bes\u00e4\u00dfen.<\/p>\n<p><em>Sinn stiften<\/em><\/p>\n<p>Das perfide Handwerkszeug der Administratoren sind Methoden und Instrumente zur Sinnstiftung. Kapitalismus und Liberalismus, Technologie und Fortschritt sind nicht nur Schlagw\u00f6rter die im Grunde genommen ein und derselben ideologischen Vorstellung vom modernen \u201eguten Leben\u201c anh\u00e4ngen, sondern nahezu grunds\u00e4tzliche Prinzipien darstellen, f\u00fcr die es sich lohnt zu leben, mit denen es sich lohnt zu leben, und ohne die unser Leben in den L\u00e4ndern westlichen Wohlstands unvorstellbar w\u00e4re. Die Sinnstiftung erfolgt im Gros industriell und \u00fcber die Vermittlung von Recht und Kultur &#8211; und wird dabei durch Aufkl\u00e4rung und die Wissenschaft gedeckt.<\/p>\n<p><em>Propaganda betreiben<\/em><\/p>\n<p>Es ist immer wieder erstaunlich, wie genial diese Vermittlung betrieben wird und wie tiefgreifend unser eigenes Denken davon betroffen ist. \u00dcber die Sprache werden uns jeden Tag Bedeutungen und Interpretationen vorgegeben. Hinter einfachen, allt\u00e4glichen W\u00f6rtern verbergen sich h\u00e4ufig gezielte Denkvorgaben, die man, gerade weil sie so beil\u00e4ufig und allt\u00e4glich platziert werden, oft gar nicht als solche erkennt:\u00a0\u00a0 Eine \u201eSchutzwaffe\u201c, bei der man zun\u00e4chst etwa Selbstschutz und Verteidigung assoziiert, ist dabei genauso irref\u00fchrend wie der \u201eAtomausstieg\u201c, weil bei letzterem bereits beim Einstieg der Ausstieg aus einer radioaktiv verseuchten Welt unm\u00f6glich wurde und eine Waffe eben eine Waffe zum T\u00f6ten ist. Besonders die kommerzielle Werbung und die Streuung von Begriffen \u00fcber die Medien sind popul\u00e4re und wirksame Mittel: Public Relations und Werbung sind neue Formen von Propaganda, die vielleicht weniger plakativ sind, weniger Feindschaft und Stereotype produzieren, daf\u00fcr aber sehr subtil \u2013 und deshalb nicht weniger gef\u00e4hrlich \u2013 auf die Beeinflussung von Menschen abzielen, um diese zum Kauf oder zur Unterst\u00fctzung bestimmter Produkte zu \u00fcberreden. Bei diesen Produkten handelt es sich mitnichten nur um industrielle gefertigte oder am Computer programmierte G\u00fcter und Dienstleistungen, sondern um alles und alle, die uns von ihren vermeintlichen Vorz\u00fcgen \u00fcberzeugen wollen: Ideale, Religionen, Politiker, Wandschr\u00e4nke und Eisb\u00e4ren.<\/p>\n<p><em>Angst sch\u00fcren<\/em><\/p>\n<p>Eine weitere, gut durchdachte Form der Sinnvermittlung ist die Verbreitung von Angst. Und wieder kann man diese Art der Einflussnahme anhand der Sprache offenlegen, oder zumindest andeuten. Bei den Begriffen \u201eTerrorismus\u201c, \u201eAlter\u201c, \u201eKrankheit\u201c und \u201eArbeitslosigkeit\u201c handelt es sich im Grunde nur um Konstrukte: Diejenigen beispielsweise, die den Terrorismus f\u00fcrchten, stimmen staatlichen Sicherheitsma\u00dfnahmen und umfassenden Eingriffen in die Privatsph\u00e4re eher zu als die, die sich vor Terrorismus nicht in die Hose machen. Zumindest in der Theorie. Oftmals sind letztere weitaus besser informiert und bilden in sich selbst eine relativ geschlossene elit\u00e4re Gruppe, die sich wiederum in vielen Lebensbereichen gegen\u00fcber den \u201eUninformierten\u201c emanzipiert f\u00fchlt. Dass ein solcher Informationschauvinismus auch zum Ausdruck von Ignoranz gegen\u00fcber vermeintlich weniger Informierten f\u00fchren kann und ein aufkl\u00e4rerisch-missionarisches Auftreten produziert, wie man es oft bei sogenannten Verschw\u00f6rungstheoretikern beobachtet, ist nur eine von vielen Konsequenzen, die sich aus einer krassen Ungleichverteilung von Informationen und Verf\u00fcgbarkeit von Wissen ergeben. Eine Gesellschaft von ausschlie\u00dflich informierten B\u00fcrgern scheint den Administratoren scheinbar zu fordernd, zu emanzipiert, um \u00fcberhaupt regiert werden zu k\u00f6nnen. Und so nimmt man lieber verschiedene gesellschaftliche Informationsgruppen in Kauf, die je nach Bedarf gegeneinander mobilisiert werden k\u00f6nnen, oder gemeinsam \u00fcber die Aff\u00e4ren von Guttenberg, Wulff und Kachelmann streiten.<\/p>\n<p>Wie pervers das Kreieren von Angstvorstellungen werden kann, f\u00e4llt mir aktuell vor allem am Begriff der \u201ePhobie\u201c auf. \u201eIslamophobie\u201c und \u201eHomophobie\u201c sind so zwei Begriffe, die das Wort \u201ePhobie\u201c mit seinem psychologischen Ursprung in eine neue Wortsch\u00f6pfung einbinden. Eine Phobie klingt ziemlich krank. Sie beschreibt im Sinne einer \u201eHomophobie\u201c also eine krankhafte Angst vor Schwulen und Lesben. Nicht nur, dass dieser Begriff vor Assoziationen wie Hass, Abgrenzung und Furcht nur so strozt. Er verhindert auch eine n\u00fcchterne und vernunftgeleitete Auseinandersetzung mit dem Ph\u00e4nomen selbst. Warum spricht man denn nicht \u00fcber die Gr\u00fcnde m\u00f6glicher Auseinandersetzungen zwischen Homos und Heteros? Weshalb attestiert man Leuten hingegen lieber eine Homophobie?<\/p>\n<p>Weil die Obrigkeit &#8211; in welcher politischen Auspr\u00e4gung und Staatsform sie auch immer auftritt &#8211; offenbar keine Ver\u00e4nderungen m\u00f6chte und darauf bedacht ist, mit den cleversten Mitteln Tr\u00e4gheit und Konformismus zu verbreiten, damit sie sich m\u00f6glichst lange selbst erh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Auf den Menschen trifft es wohl wirklich zu, dass er es angenehm findet, nicht selbst denken zu m\u00fcssen und alle M\u00f6glichkeiten und Entscheidungen vorgekaut zu bekommen.<\/p>\n<p>Allerdings ist dieser Gedanke auch nur eine Reform und kein Wandel. Denn eine Reform des eigenen Verstandes ist kein Bruch mit dem Alten, sondern die Wiederherstellung des bereits Gedachten und Gesagten.<br \/>\n<strong>Mathias Pilz<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer bin ich, was kann ich wissen, was kann ich hoffen? Diese Fragen treten fr\u00fcher oder sp\u00e4ter bei der Bewusstseinswerdung des eigenen Ichs auf. Irgendwann, w\u00e4hrend man sich noch gelegentlich in die Windel macht. 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