{"id":9056,"date":"2012-02-15T12:54:00","date_gmt":"2012-02-15T11:54:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=9056"},"modified":"2012-03-03T12:48:02","modified_gmt":"2012-03-03T11:48:02","slug":"bewaffnet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zuckerkick.com\/?p=9056","title":{"rendered":"\/\/ bewaffnet"},"content":{"rendered":"<p><em>Vorbei die Zeiten der rauchschwadenden Gedanken in qualmenden R\u00e4umen, in Wodka getr\u00e4nktes Gedr\u00e4nge feuchthei\u00dfer Haut im Tanz, benebelte Bewegungen in innig sinnlich wahnsinniger N\u00e4he. Vorbei die Zeiten sehns\u00fcchtigen Schmerzes verborgen in der zarten zivilisierten Fassade, die so oft hinweg glitt, in leisen z\u00e4rtlichen Schreien. Vorbei die Zeiten des irren, im Wahn ohne sinn haften haltlosen Verharrens im dunklen Wasser. Vorbei. <!--more--><\/em><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Jetzt spaziert er mit ihr \u00fcber ein weites Feld und sie ergreift seine Hand. Er liebt es, wenn sie am Abend nach Hause kommt und von ihrem Tag erz\u00e4hlt. Und er liebt es, wenn sie ihn nachts in den Arm nimmt.<em> <\/em>So schlafen sie ein. Und mit ihnen die Angst.<\/p>\n<p>In diesem Zuhause gibt es nur eine Sache, die er nicht mit ihr zu teilen vermag. Die in Vergessenheit ger\u00e4t. Und jedes Mal weiter in die Ferne r\u00fcckt, wenn der Sonntag sich dem Ende neigt, sie \u00fcber die Felder spazieren und danach beim Tee in den Kalender schreiben was sie in dieser Woche erledigt und erlebt haben.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Warum, das hat sie ihn schon so oft gefragt, warum darf keine Musik da sein? Denn oft verzehrt sie sich danach, obwohl sie gelernt hat, darauf zu verzichten. Keine Musik bei Besuchen. Keine Tanzabende. Keine Melodien. Es ist eine Frage der Gewohnheit.  Bis zu dem Tag, an dem sie es nicht mehr vermag, die Gedanken daran zu \u00fcberh\u00f6ren. Unaufh\u00f6rlich dreht sich die Melodie in ihrem Kopf. Seit sie die T\u00f6ne gelesen, die W\u00f6rter gesehen hat. Auf einem wei\u00dfen Briefumschlag. Ohne Absender. Adressiert an ihn:<em> Comfortably numb.<\/em><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Und so beginnt sie unwillk\u00fcrlich, ihn zu beobachten, obgleich sie es nicht will, tut sie es, unmerklich fast. Und obohl sie nichts bemerkt, das sich ver\u00e4ndert h\u00e4tte, findet sie keine Ruhe. Die Zeit vergeht, ohne dass sie sich in die dunklen Fluten wagt, den wei\u00dfen Brief bei sich, ungewiss, unbekannt, jagt es sie, hetzt, dr\u00e4ngt es sie, immer wieder, kleine vorsto\u00dfende Nadeln, leises pulsierendes Klopfen, vehementes Vorsto\u00dfen, vorsichtig, bis es g\u00e4nzlich vorgedrungen, nicht mehr zu \u00fcberh\u00f6ren ist. Dann tut sie es. Eines Abends spielt sie es an, leise, zun\u00e4chst, immer lauter dann, immer wieder, dasselbe Lied, das gleiche Spiel. <em>Comfortably numb<\/em> h\u00f6rt sie auf jeden Ton, tanzend im Vibrieren des Basses sucht sie den tiefsten Klang.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Sie l\u00e4uft in den Garten, in die D\u00e4mmerung, unter den B\u00e4umen versteckt sie sich, als ob sie es m\u00fcsste, als ob jemand danach verlangte, und im Innern &#8211; spielt das Lied, hinter den gl\u00e4sernen Fassaden, auf die sie ihren Blick heftet, darauf wartend, dass er dahinter zum Vorschein kommt. Endlich sieht sie schemenhaft seine Gestalt das Haus betreten und stehen bleiben. So steht er in einiger Entfernung vor ihr, hinter dem Glas. Reglos. Sekunden. Minuten. Lang. Bis das Lied von vorn beginnt. Dann bewegt er sich und schaltet es aus. Sie wendet sich ab. Voll Scham.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Still sind die folgenden Tage, dunkel die Abende, blass ist er und spricht nicht viel und sie findet keine Ruhe. Je weniger sie bemerkt, desto mehr beginnt sie zu suchen. Irgendetwas. Irgendwann wei\u00df sie selbst nicht mehr was. Was sie wei\u00df, ist dass sie sich nicht mehr in seine Arme fallen lassen kann. Sie ist nun die, die dar\u00fcber wacht, wie es sich anf\u00fchlt, ihn in den Arm zu  nehmen. Sie ist nicht mehr Liebende, sie ist jetzt Beobachterin. Verschleiert. Sich, ihn. Verf\u00e4rbt. Wer ist er? Sie? Alles verl\u00e4uft sich am Saum ihrer Kraft. Scham kriecht an ihr empor, schmiert sich in ihre Poren, nagt sich fest, an ihrem Haupt, an ihrem Antlitz, ihren H\u00e4nde, die seine Briefe \u00f6ffnen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Bis sie sieht, was sie vielleicht sehen wollte, als sie an einem Sonntagabend nach Hause kommt. Hinter der gl\u00e4sernen Fassade leuchtet alles hell und inmitten der Lichtflut ist er. Und tanzt. Erst jetzt bemerkt sie dass sie kaum noch Kraft hat. Ich kenne dich nicht, bringt sie hervor. Ich kenne mich so nicht, ich kenne nichts, nichts wei\u00df ich. Nichts. Dann sieht sie dass er weint. Lange geweint haben muss, denn seine Augen sind rot. Sie nimmt ihn in den Arm.<\/p>\n<p align=\"LEFT\">Verzeih, sagt er leise. Ich habe sie geliebt, all die Melodien, ich habe sie gespielt, geh\u00f6rt und gelebt, und ich habe mich vor langer Zeit dagegen entschieden.<\/p>\n<p align=\"LEFT\">Warum?, fl\u00fcstert sie.<br \/>\nIch hatte Angst.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>*<\/strong><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><strong>Hanna Wind<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorbei die Zeiten der rauchschwadenden Gedanken in qualmenden R\u00e4umen, in Wodka getr\u00e4nktes Gedr\u00e4nge feuchthei\u00dfer Haut im Tanz, benebelte Bewegungen in innig sinnlich wahnsinniger N\u00e4he. Vorbei die Zeiten sehns\u00fcchtigen Schmerzes verborgen in der zarten zivilisierten Fassade, die so oft hinweg glitt, in leisen z\u00e4rtlichen Schreien. 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