// aufgelesen vol. (6)78 – „pina fällt aus“

mit den Werken „Die Känguru-Rebellion“ von Marc-Uwe Kling und „Pina fällt aus“ von Vera Zischke. // Was für ein spannendes Doppel: Auf der einen Seite totale Eskalation, politischer Witz und dieses typische „Alles muss brennen, sonst bewegt sich nichts“-Gefühl, auf der anderen eine leise, fast vorsichtige Annäherung an das, was Gemeinschaft eigentlich bedeutet – und […]

mit den Werken „Die Känguru-Rebellion“ von Marc-Uwe Kling und „Pina fällt aus“ von Vera Zischke.

// Was für ein spannendes Doppel: Auf der einen Seite totale Eskalation, politischer Witz und dieses typische „Alles muss brennen, sonst bewegt sich nichts“-Gefühl, auf der anderen eine leise, fast vorsichtige Annäherung an das, was Gemeinschaft eigentlich bedeutet – und trotzdem haben Marc-Uwe Kling und Vera Zischke mehr gemeinsam, als man zunächst denkt. Die Känguru-Rebellion fühlt sich an wie ein Wiedersehen mit alten Bekannten, die plötzlich ernster geworden sind, ohne ihren Humor zu verlieren. Dieses anarchische Duo funktioniert immer noch über Timing, Dialoge und absurde Logik – aber diesmal schwingt mehr mit. Die Welt draußen wirkt kaputter, angespannter, weniger wie eine Bühne für Gags und mehr wie ein Ort, der tatsächlich aus den Fugen gerät. Genau daraus zieht das Buch seine Wucht. Man liest und lacht – oft laut, oft überrascht, manchmal auch ein bisschen schuldbewusst, weil die Pointen so nah an realen politischen Entwicklungen sind. Kling kann diese Balance wie kaum jemand: Er lässt einen lachen und gleichzeitig denken „Ja, stimmt leider“.

Die Rebellion, die hier ausgerufen wird, ist ja keine konkrete Revolution mit Plan, sondern eher ein Zustand. Ein Gefühl von „So geht es nicht weiter“, das sich Bahn bricht. Und genau das macht es so anschlussfähig. Man erkennt sich darin wieder, in diesem diffusen Wunsch nach Veränderung, ohne genau zu wissen, wie die aussehen soll. Gleichzeitig ist das Buch auch eine Reflexion über Aktivismus selbst. Über die Frage, wie ernst man etwas meint, wenn man darüber Witze macht. Oder ob Humor vielleicht gerade die schärfste Form von Kritik ist. Diese Spannung zieht sich durch alles: zwischen Zynismus und Hoffnung, zwischen Lähmung und Aktion.

Und dann kommt Pina fällt aus – und plötzlich wird alles stiller. Fast, als würde jemand nach der lauten Debatte das Licht dimmen und sagen: Schau mal genauer hin. Hier geht es nicht um „die Welt“ im großen Ganzen, sondern um einen ganz konkreten Einschnitt. Eine Frau fällt aus – und damit bricht ein ganzes Gefüge weg. Was mich beim Lesen besonders bewegt hat, ist diese langsame Verschiebung innerhalb der Hausgemeinschaft. Am Anfang stehen da Menschen, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben wollen. Jeder trägt seine eigenen Probleme, seine eigene Müdigkeit, seine eigene Geschichte. Und dann ist da Leo, der plötzlich im Zentrum steht, ohne dass er das je wollte. Leo ist keine Figur, die „erklärt“ wird. Er bleibt in gewisser Weise fremd – und genau das macht ihn so stark. Die anderen müssen sich auf ihn einlassen, ohne ihn vollständig zu verstehen. Und dabei passiert etwas Entscheidendes: Sie verändern sich. Nicht durch große Einsichten, sondern durch kleine Handlungen. Durch Dableiben, durch Aushalten, durch Versuche, die nicht immer gelingen. Im Gegensatz zur „Rebellion“ bei Kling ist das hier eine ganz andere Form von Bewegung. Keine, die laut wird, sondern eine, die sich fast unmerklich einschleicht. Und vielleicht gerade deshalb nachhaltiger wirkt. Wenn man beide Bücher nebeneinanderlegt, merkt man, wie unterschiedlich sie mit derselben Grundfrage umgehen: Was passiert, wenn das System, in dem wir leben – sei es politisch oder ganz privat – nicht mehr trägt? Kling antwortet darauf mit Aufbruch, mit Widerspruch, mit kollektiver Energie. Seine Figuren suchen die Veränderung im Außen, im System, im großen Ganzen. Zischke dagegen zeigt, dass Veränderung oft dort beginnt, wo man sie am wenigsten erwartet: im direkten Umfeld, in Beziehungen, in Momenten, in denen man eigentlich lieber wegsehen würde. Ihre Figuren suchen nicht aktiv nach Veränderung – sie werden von ihr eingeholt. Und genau darin liegt die Verbindung: Beide Bücher erzählen davon, dass man nicht einfach stehen bleiben kann. Dass etwas passieren muss – sei es laut oder leise. Nach Die Känguru-Rebellion hat man das Gefühl, man müsste sofort rausgehen und irgendetwas tun, irgendetwas ändern, wenigstens laut widersprechen. Nach Pina fällt aus bleibt man eher noch einen Moment sitzen und denkt darüber nach, für wen man vielleicht schon längst Verantwortung trägt, ohne es sich einzugestehen. Das eine Buch gibt dir Energie nach außen. Das andere zieht dich nach innen.