// aufgelesen vol. (6)85 – „wenn alles brennt“

mit dem Werk „Wenn alles brennt“ von Paulina Spiechowicz. // „Wenn alles brennt“ von Paulina Spiechowicz ist ein Roman, der sich weniger wie eine klassische Erzählung anfühlt als wie ein Zustand – ein flirrendes, überhitztes Dazwischen, in dem Figuren, Gefühle und Orte ständig in Bewegung sind. Schon nach wenigen Seiten merkt man, dass hier nicht […]

mit dem Werk „Wenn alles brennt“ von Paulina Spiechowicz.

// „Wenn alles brennt“ von Paulina Spiechowicz ist ein Roman, der sich weniger wie eine klassische Erzählung anfühlt als wie ein Zustand – ein flirrendes, überhitztes Dazwischen, in dem Figuren, Gefühle und Orte ständig in Bewegung sind. Schon nach wenigen Seiten merkt man, dass hier nicht ruhig erzählt wird, sondern mit einer inneren Unruhe, die sich konsequent durchzieht. Im Zentrum stehen Kamil und Beatrice, Geschwister, die zwischen zwei Welten hin- und hergerissen sind: zwischen Warschau und Rom, zwischen Herkunft und Gegenwart, zwischen dem, was war, und dem, was sie vielleicht werden könnten. Dieses Gefühl des Fremdseins ist allgegenwärtig, aber nicht plakativ. Es zeigt sich in kleinen Momenten – in Blicken, in Schweigen, in dem Unbehagen gegenüber einer Umgebung, die eigentlich Sicherheit versprechen sollte, sich aber leer und kalt anfühlt. Gerade die Villa in Ostia ist dafür ein starkes Bild. Sie steht für Wohlstand, Stabilität, vielleicht sogar Erfolg – und wirkt gleichzeitig wie ein Ort ohne Wärme. Marmor, Glas, Perfektion: alles da, aber nichts, woran man sich festhalten kann.

Für Kamil wird dieser Ort fast zu einer Art innerem Konflikt, weil er versucht, Kontrolle zu behalten in einer Welt, die sich seinem Zugriff entzieht. Beatrice dagegen bewegt sich anders durch diesen Raum – offener, suchender, verletzlicher. Was den Roman besonders macht, ist die Art, wie er Beziehungen erzählt. Freundschaft ist hier keine einfache Rettung, sondern etwas Fragiles, das trotzdem Halt geben kann. Gerade Beatrices Begegnungen mit anderen Außenseitern wirken wie kleine Gegenräume zu dieser glatten, emotional distanzierten Welt. Es sind diese Momente, in denen der Text plötzlich weicher wird, fast zärtlich, ohne je sentimental zu werden. Ein weiterer wichtiger Motor ist die Musik, vor allem Techno. Sie ist hier nicht nur Kulisse, sondern eine Art Energiequelle. In den Clubnächten, in den Beats, im Rhythmus entsteht etwas, das über Sprache hinausgeht – ein Gefühl von Zugehörigkeit, von Auflösung, vielleicht sogar von Freiheit. Gleichzeitig schwingt immer eine gewisse Rastlosigkeit mit: Diese Momente sind intensiv, aber flüchtig. Sprachlich ist der Roman dicht und atmosphärisch. Er arbeitet viel mit Stimmungen, mit Andeutungen, mit einer gewissen Dringlichkeit. Man hat oft das Gefühl, dass die Figuren selbst nicht genau wissen, wohin sie treiben – und genau das wird zum erzählerischen Prinzip. Es geht weniger um eine klare Handlung als um das Erleben eines Sommers, der alles verändert, ohne eindeutige Antworten zu liefern. Der Titel ist dabei sehr treffend gewählt. Dieses „Alles brennt“ ist nicht nur metaphorisch zu verstehen, sondern beschreibt ein Grundgefühl: Überforderung, Sehnsucht, Wut, Hoffnung – alles gleichzeitig, alles zu viel. Und trotzdem liegt darin auch eine gewisse Energie, ein Versuch, sich selbst in diesem Chaos zu behaupten. Am Ende bleibt ein Roman, der sich nicht glatt einordnen lässt, sondern eher nachwirkt. Er ist intensiv, manchmal anstrengend, oft sehr nah dran an seinen Figuren – und gerade dadurch überzeugend. Wer sich auf diese dichte, emotionale Atmosphäre einlässt, bekommt kein leichtes, aber ein eindrückliches Leseerlebnis.