// aufgelesen vol. (6)90 – „richtig großes glück“

mit den Werken „Arendal“ von Karl Ove Knausgård und „Richtig großes Glück“ von Harriett Armstrong. // Mit „Arendal“ von Karl Ove Knausgård und „Richtig großes Glück“ von Harriet Armstrong erscheinen zwei Romane, die auf den ersten Blick kaum unterschiedlicher wirken könnten. Der eine führt ins winterliche Norwegen der 1970er Jahre und begleitet einen Mann in […]

mit den Werken „Arendal“ von Karl Ove Knausgård und „Richtig großes Glück“ von Harriett Armstrong.

// Mit „Arendal“ von Karl Ove Knausgård und „Richtig großes Glück“ von Harriet Armstrong erscheinen zwei Romane, die auf den ersten Blick kaum unterschiedlicher wirken könnten. Der eine führt ins winterliche Norwegen der 1970er Jahre und begleitet einen Mann in der Lebensmitte an einem entscheidenden Wendepunkt seines Daseins. Der andere erzählt von einer Studentin der Gegenwart, die zwischen Seminaren, Wohnheimküchen, akademischen Erwartungen und romantischen Sehnsüchten nach Orientierung sucht. Doch unter der Oberfläche verbindet beide Bücher eine zentrale Frage: Wie findet ein Mensch seinen Platz in der Welt, wenn die bisherigen Gewissheiten nicht mehr tragen? Karl Ove Knausgård gehört seit Jahren zu den prägendsten Stimmen der internationalen Gegenwartsliteratur. Mit seinem autobiografischen Zyklus „Mein Kampf“ hat er das literarische Erzählen über das eigene Leben nachhaltig verändert, und auch seine jüngeren Romane verbinden philosophische Fragen mit einer intensiven Beobachtung des Alltags. „Arendal“ ist zugleich Teil seines groß angelegten „Morgenstern“-Kosmos und doch ein eigenständiger Roman, der sich auf einen einzelnen Menschen konzentriert.

Im Mittelpunkt steht Syvert Løyning, der im Winter 1976 auf der Heimreise strandet und gezwungen wird, eine Nacht in Arendal zu verbringen. Aus dieser zunächst unspektakulären Situation entwickelt Knausgård eine tiefgründige Reflexion über Liebe, Verantwortung, Sehnsucht und die Entscheidungen, die ein Leben prägen. Die vereiste Landschaft, das Dunkel der nordischen Winternacht und die Nähe des offenen Meeres schaffen eine Atmosphäre, die zugleich realistisch und beinahe mythisch wirkt.

Wie so oft bei Knausgård geschieht äußerlich nicht übermäßig viel, doch innerlich geraten ganze Lebensentwürfe ins Wanken. „Arendal“ entfaltet seine Wirkung weniger durch Handlung als durch Stimmung und psychologische Tiefe. Der Autor interessiert sich für die stillen Momente, in denen ein Mensch erkennt, dass sein Leben auch anders hätte verlaufen können. Es ist ein Roman über Möglichkeiten und Versäumnisse, über das Gewicht vergangener Entscheidungen und über die Frage, ob Liebe letztlich stärker sein kann als Angst, Zweifel oder Gewohnheit. Harriet Armstrongs „Richtig großes Glück“ nähert sich ähnlichen Themen aus einer völlig anderen Perspektive. Ihr Debütroman spielt im akademischen Milieu und schildert das letzte Studienjahr einer jungen Frau, die zunehmend erkennt, dass die großen Antworten, die sie sich von Bildung, Wissenschaft und intellektuellen Debatten erhofft hat, ausbleiben. Armstrong beschreibt mit viel Witz und feiner Ironie die Desillusionierung einer Generation, die mit dem Versprechen aufgewachsen ist, durch Bildung und Selbstverwirklichung ihren Platz im Leben zu finden. Die Seminare über Klimakrise, Anthropologie oder Psychologie liefern ebenso wenig Orientierung wie die literarischen Diskussionsrunden oder die Kunstszene. Stattdessen entstehen die wirklich wichtigen Erkenntnisse in peinlichen Alltagssituationen, in Freundschaften, Unsicherheiten und unerwiderten Hoffnungen. Besonders beeindruckend ist die Stimme der Erzählerin. Armstrong gelingt ein Balanceakt zwischen Humor und Verzweiflung, Selbstironie und echter Verletzlichkeit. Der Roman erinnert stellenweise an moderne Campusklassiker von Sally Rooney oder Elif Batuman, entwickelt jedoch einen ganz eigenen Ton. Hinter den oft komischen Beobachtungen verbirgt sich eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Frage, wie junge Menschen heute Sinn, Identität und Zugehörigkeit finden können. Gerade im Zusammenspiel entfalten beide Bücher eine besondere Wirkung. Knausgårds Syvert steht am Übergang zwischen dem, was war, und dem, was noch kommen könnte. Armstrongs Erzählerin befindet sich hingegen an jenem Punkt, an dem das eigentliche Leben erst beginnt. Beide Figuren erleben Phasen der Orientierungslosigkeit, beide suchen nach emotionaler Wahrheit und beide müssen erkennen, dass es keine einfachen Antworten auf die großen Fragen des Lebens gibt. Dabei unterscheiden sich die literarischen Mittel deutlich. Knausgård arbeitet mit epischer Ruhe, atmosphärischer Dichte und philosophischer Tiefe. Seine Sätze öffnen Räume für Reflexion und Kontemplation. Armstrong dagegen schreibt schneller, schärfer und unmittelbarer. Ihr Blick auf die Gegenwart ist von feinem Humor geprägt, ihre Beobachtungen besitzen eine oft entwaffnende Genauigkeit. Gemeinsam zeichnen die beiden Romane jedoch ein faszinierendes Bild menschlicher Suche. „Arendal“ fragt danach, wie man mit den Entscheidungen lebt, die man getroffen hat. „Richtig großes Glück“ untersucht die Unsicherheit vor diesen Entscheidungen. Der eine blickt zurück, der andere nach vorn. Der eine erzählt vom Gewicht eines gelebten Lebens, der andere von den Möglichkeiten eines noch offenen Lebens. So ergänzen sich beide Neuerscheinungen auf bemerkenswerte Weise. Sie stammen aus unterschiedlichen literarischen Traditionen, sprechen unterschiedliche Generationen an und verwenden verschiedene erzählerische Mittel. Dennoch kreisen sie um dieselben grundlegenden Erfahrungen: Sehnsucht, Liebe, Orientierung, Selbstzweifel und die nie ganz abgeschlossene Suche nach einem Platz in der Welt. Für Leserinnen und Leser, die literarische Romane mit psychologischer Tiefe und existenziellen Fragestellungen schätzen, bilden sie ein außergewöhnlich spannendes Doppel.