// strichcode vol. (4)43 – „the innocent game“

mit den Werken „Soichi“ von Junji Ito und „The Innocent Game“ von Ritsuto Igarashi & Yumuko Tsuka. // Wer Horror liebt, der weiß: In diesem Genre sind die Wege, auf denen uns der Schrecken erreicht, so vielfältig wie die Ängste, die er in uns auslöst. Und selten wird das so deutlich wie bei zwei Veröffentlichungen, […]

mit den Werken „Soichi“ von Junji Ito und „The Innocent Game“ von Ritsuto Igarashi & Yumuko Tsuka.

// Wer Horror liebt, der weiß: In diesem Genre sind die Wege, auf denen uns der Schrecken erreicht, so vielfältig wie die Ängste, die er in uns auslöst. Und selten wird das so deutlich wie bei zwei Veröffentlichungen, die thematisch kaum unterschiedlicher sein könnten – und doch durch ihren psychologischen Fokus miteinander verbunden sind: Junji Itos Soichi und die Thrillerreihe The Innocent Game von Ritsuto Igarashi und Yumuko Tsuka. Junji Ito, der unbestrittene Großmeister des japanischen Horrors, widmet sich in Soichi einer seiner ikonischsten Figuren: dem unheimlichen Jungen, der mit Nägeln im Mund klappert, flucht und die Welt um sich herum in eine bizarre Bühne der Katastrophen verwandelt. Der Band, zum ersten Mal gesammelt auf Deutsch, vereint zehn Kurzgeschichten, in denen Ito seine typischen Stärken entfaltet: grotesker Witz, erschreckende Bildkraft und ein tiefes Verständnis dafür, wie sich das Unheimliche in den Alltag einschleicht. Soichi ist dabei weniger eine klassische Horrorgeschichte als vielmehr eine Anthologie schauriger Episoden, die zwischen makabrem Humor und echtem Grauen pendeln – ein Fest für alle, die Itos Handschrift lieben. Der Fokus liegt nicht auf einer durchgehenden Handlung, sondern auf der stetigen Eskalation eines Charakters, der mit jedem seiner „Flüche“ eine neue Art von Chaos auslöst.

Ganz anders ist der Ansatz von The Innocent Game. Hier steht kein übernatürliches Grauen im Mittelpunkt, sondern ein psychologisch feingliedriger Thrill: ein gefährliches Spiel aus Geheimnissen, Schuld und Manipulation, eingebettet in die Welt einer Elite-Universität. Während Soichi seine Spannung aus dem Unerklärlichen und Übersinnlichen zieht, baut The Innocent Game auf Realismus – auf jungen Menschen, die zwischen juristischen Ambitionen, moralischen Abgründen und den Schatten ihrer Vergangenheit gefangen sind. Band eins etabliert das Fundament dieser Spirale aus Misstrauen und Enthüllungen: Jurastudent Kiyoyoshi, genannt Seigi, trägt ein belastendes Geheimnis mit sich, das durch ein mysteriöses Flugblatt ans Licht gezerrt wird. Gemeinsam mit Mirei und dem undurchschaubaren Ausnahmestudenten Kaoru Yuki versucht er herauszufinden, wer ihn ins Visier genommen hat – und warum.

Schon hier wird deutlich, wie sehr The Innocent Game auf psychologische Spannung und schleichende Bedrohung setzt. Wo bei Ito der Horror sichtbar in den Bildern lauert, entfaltet sich hier ein Spiel der Gedanken, ein Puzzle aus Indizien, Ängsten und moralischen Zwickmühlen. Band zwei knüpft unmittelbar daran an und vertieft die Dynamiken der Figuren: Mirei wird selbst Ziel eines „Unschuldigenspiels“, das auf traumatische Ereignisse in ihrer Vergangenheit anspielt. Stalking, Einschüchterung, der Eispickel an der Wohnungstür – die Bedrohung wird persönlicher, unheimlicher. Aber sie bleibt menschlich, rational erklärbar, und gerade das macht sie so beklemmend. Während Soichi in Itos Geschichten mit übernatürlicher Boshaftigkeit spielt, sind es in The Innocent Game reale Täter*innen, getrieben von Rache, Neid oder Machtgelüsten. Und doch verbindet die Werke etwas Grundlegendes: Beide legen menschliche Abgründe offen, zeigen, wie fragil Normalität sein kann und wie schnell eine scheinbar geordnete Welt ins Chaos kippt. Soichi tut dies mit surrealem Grusel, verzerrten Gesichtern und albtraumhaften Szenen…

The Innocent Game hingegen mit sezierender Präzision, in der jeder Blick, jedes Geheimnis, jedes Wort zur Bedrohung werden kann. Beide Werke greifen auf ihre Weise die Angst vor Kontrollverlust auf – einmal laut und grotesk, einmal leise und realistisch. Wer Itos Soichi liest, erlebt Horrorkunst, die direkt aus dem Unterbewusstsein zu kommen scheint. Wer The Innocent Game liest, wird in einen Sog aus Spannung gezogen, der sich eher wie ein dunkler, psychologischer Thriller entfaltet. Gemeinsam zeigen diese Bände, wie facettenreich moderne japanische Genreerzählungen sein können: vom klassischen Horror bis zum nervenaufreibenden Crime-Drama. Und gerade in dieser Gegenüberstellung entfalten sie ihre volle Wirkung – zwei Wege in die Nacht, zwei Arten, sich dem Unbekannten zu stellen.