// presswerke vol. (2)79 – „car“

mit der neuen Vinyl-LP von Royel Otis. // Es gibt Scheiben, die einem schon beim ersten Hören irgendwie bekannt vorkommen – und „Hickey“ von Royel Otis gehört für mich genau in diese Kategorie. Das australische Duo, das in den letzten Jahren mit einer Mischung aus lässigem Indie-Pop, cleverem Songwriting und diesem schwer zu erklärenden Gefühl […]

mit der neuen Vinyl-LP von Royel Otis.

// Es gibt Scheiben, die einem schon beim ersten Hören irgendwie bekannt vorkommen – und „Hickey“ von Royel Otis gehört für mich genau in diese Kategorie. Das australische Duo, das in den letzten Jahren mit einer Mischung aus lässigem Indie-Pop, cleverem Songwriting und diesem schwer zu erklärenden Gefühl von Leichtigkeit aufgefallen ist, schlägt mit seinem zweiten Album einen überraschend reifen Ton an. Es wirkt, als wären sie in kurzer Zeit ein Stück älter geworden – nicht im Sinne von abgeklärter, sondern im besten Fall reflektierter, mutiger und emotionaler. Wer Royel Otis bislang nur über ihre viralen Momente kennt – allen voran ihre gefeierte Version von „Murder on the Dancefloor“ oder das charmant-chaotische „Oysters In My Pocket“ – wird „Hickey“ wahrscheinlich anders wahrnehmen: Das Album ist weniger verspielt, aber nicht weniger catchy.

Man merkt, wie sehr das Duo inzwischen weiß, welche Stärken es hat. Diese Mischung aus unangestrengten Hooks, schimmernden Gitarren und einer Stimmung, die irgendwo zwischen Sonnenuntergang und 3-Uhr-morgens-Gedankenspirale liegt, klingt hier nochmal genauer, schärfer und direkter. Was mich an „Hickey“ sofort berührt hat, ist dieses Gefühl, dass die Songs gleichzeitig leicht und schwer sind. Man kann sie nebenbei hören, aber irgendwas darin bleibt hängen – ein Satz, ein Gitarrenlauf, ein kleiner Bruch im Gesang, der zeigt, dass hier wirklich etwas verarbeitet wurde. Der Titel ist vielleicht spielerisch, aber das Album selbst hat Tiefe: Es geht um Nähe, um Unsicherheiten, um Verlangen und um die kleinen Dinge, die einem länger nachgehen, als man zugeben möchte. Dass die Platte auf sogenanntem „Charcoal“-Vinyl erscheint, passt irgendwie perfekt: Der leicht dunkle Touch spiegelt die Stimmung wider, ohne sie zu erdrücken. Ich habe das Gefühl, dass dieses Album live noch einmal ganz anders wirkt – lauter, schwitziger, dringlicher. Auf Vinyl hingegen entfaltet es eine intime Klarheit, die die Songs noch unmittelbarer macht. Was Royel Otis hier liefern, ist ein Werk, das zeigt, dass sie deutlich mehr sind als ein virales Indie-Duo der Stunde. „Hickey“ beweist, wie souverän sie in ihrem Genre angekommen sind – und dass sie auf dem besten Weg sind, im internationalen Indie einen festen Platz einzunehmen. Für alle, die catchy Melodien mögen, die trotzdem etwas unter der Oberfläche haben, ist das Album ein kleiner Volltreffer. Und für mich ist es eines dieser Werke, die man nicht nur hört, sondern ein bisschen mit sich herumträgt.