// werktag vol. (1)85 – „am meerschwein übt das kind den tod“

mit dem Werk „Am Meerschwein übt das Kind den Tod“ von Nora Gomringer. // Mit Am Meerschwein übt das Kind den Tod legt Nora Gomringer ein Buch vor, das man kaum ohne einen Knoten im Hals zuklappt. Es ist kein klassischer Abschiedstext, kein Tagebuch, keine Trauerchronik – und doch ist es all das auf eine […]

mit dem Werk „Am Meerschwein übt das Kind den Tod“ von Nora Gomringer.

// Mit Am Meerschwein übt das Kind den Tod legt Nora Gomringer ein Buch vor, das man kaum ohne einen Knoten im Hals zuklappt. Es ist kein klassischer Abschiedstext, kein Tagebuch, keine Trauerchronik – und doch ist es all das auf eine so ungezwungene, manchmal sogar humorvoll funkelnde Weise, dass man sich beim Lesen ertappt fühlt: Darf man an Stellen schmunzeln, an denen Schmerz im Raum steht? Genau diese Reibung gehört zu Gomringers Stärke. Sie lässt das Licht in die Risse, ohne die Risse zu kaschieren. Der Untertitel „Ein Nachrough“ trifft den Ton erstaunlich genau. Dieses Buch ist ein Nachbebenspur-Protokoll: die Wellen, die der Tod einer Mutter schlägt – unvermittelt, ungerecht, manchmal widersprüchlich, aber immer echt. Gomringer schreibt von einer Frau, die sie durch all die Rollen hindurch behalten muss: als Tochter, als Mutter, als Autorin, die plötzlich an Worten spart, weil Trauer manchmal schlicht die Luft nimmt. Und zugleich ist da die Erinnerung an jene Mutter, die voller Witz, Bildung und Schärfe durchs Leben ging, eine Frau, die man nach wenigen Seiten meint selbst zu kennen und mit der man sich gerne einmal an einen Küchentisch gesetzt hätte.

Was das Buch aber besonders macht, ist der Ton: Gomringer schreibt weder pathetisch noch abgekühlt, sondern mit einer Art warmer Direktheit, die sofort Nähe schafft. Ihre Mutter erscheint nicht als stilisierte Figur, sondern als jemand, der Fehler hatte, Eigenheiten, Eigensinn – und gerade dadurch als jemand, der geliebt wurde. Dass dabei Meerschweinchen eine Rolle spielen, wirkt zunächst fast absurd, bis man merkt, wie präzise diese kleinen Tiere in Gomringers Erinnerungen verankert sind: als Metaphern für Fürsorge, Vergänglichkeit, Routine und das, was man Kindern erklärt, lange bevor man die großen Dinge erklären kann. Es ist ein Buch über das Nachklingen einer Person, über das Erbe, das man nicht in Gegenständen, sondern in Gesten und Gedanken weiterträgt. Über die Weigerung, jemanden zu glorifizieren – und die Unmöglichkeit, ihn nicht doch auf eine gewisse Weise heilig zu sprechen. Und es ist ein Buch darüber, wie Sprache manchmal versagt und manchmal rettet. Für Leserinnen und Leser, die Gomringers poetische Stimme kennen, ist dieses Werk eine Vertiefung, fast eine Entblätterung. Für alle anderen ein überraschend zugänglicher Einstieg in ihr Schreiben – fein, klug, persönlich und voller jener leisen Kraft, die bleibt, wenn man die letzte Seite umschlägt.