// werktag vol. (1)86 – „geister“

mit dem Werk „Yokai – Geister“ von Philippe Charlier. // Dieses Buch habe ich zuerst in die Hand genommen, lange bevor ich die erste Seite gelesen habe. „Yōkai – Geister“ ist eines jener Werke, bei denen die äußere Gestaltung kein bloßes Beiwerk ist, sondern bereits Teil der Erzählung. Der Seidenüberzug, der schwarze Farbschnitt, das Verschlussbändchen […]

mit dem Werk „Yokai – Geister“ von Philippe Charlier.

// Dieses Buch habe ich zuerst in die Hand genommen, lange bevor ich die erste Seite gelesen habe. „Yōkai – Geister“ ist eines jener Werke, bei denen die äußere Gestaltung kein bloßes Beiwerk ist, sondern bereits Teil der Erzählung. Der Seidenüberzug, der schwarze Farbschnitt, das Verschlussbändchen – all das vermittelt das Gefühl, etwas fast Zeremonielles zu öffnen. Und genau dieses Gefühl trägt sich beim Lesen fort. Philippe Charlier gelingt hier etwas Seltenes: Er verbindet kunsthistorische Schönheit mit erzählerischer Tiefe und einer leisen, respektvollen Faszination für das Unheimliche. Die Welt der Yōkai ist komplex, widersprüchlich und schwer in westliche Kategorien zu pressen. Sie sind weder einfach „Geister“ noch reine Monster, sondern Wesen zwischen den Welten, oft aus menschlichen Emotionen geboren: aus Wut, Trauer, Eifersucht oder Einsamkeit. Charlier nähert sich ihnen mit einer bemerkenswerten Ernsthaftigkeit, ohne ihnen den Zauber zu nehmen. Man spürt seine doppelte Perspektive als Wissenschaftler und Erzähler. Er analysiert, ordnet ein, erklärt – aber immer so, dass die Geschichten atmen dürfen.

Die 150 Holzschnitte sind überwältigend. Werke von Hokusai, Hiroshige oder Utamaro entfalten hier eine Sogwirkung, der man sich kaum entziehen kann. Viele dieser Bilder wirken auf den ersten Blick ruhig oder sogar elegant, doch je länger man hinsieht, desto stärker entfaltet sich ihr Unbehagen. Verzerrte Körper, leere Blicke, fließende Übergänge zwischen Mensch, Tier und Geist – diese Darstellungen bleiben im Gedächtnis. Ich habe mich immer wieder dabei ertappt, einzelne Seiten lange zu betrachten, fast meditativ, als würde man selbst in diese Zwischenwelt eintreten.

Was mich besonders beeindruckt hat, ist Charlies Art zu erzählen. Er schreibt nicht trocken oder akademisch, sondern mit einem spürbaren Respekt vor den Mythen und ihrer kulturellen Bedeutung. Die einzelnen Kapitel lesen sich wie kleine, dunkle Legenden, die zugleich unterhalten und erklären. Besonders eindringlich sind jene Passagen, in denen er beschreibt, wie Yōkai nicht nur Schrecken verbreiten, sondern auch moralische Spiegel sind – Mahnungen, Projektionen gesellschaftlicher Ängste oder Ausdruck unterdrückter Emotionen. Die Schilderung einer Geisterbeschwörung gehört für mich zu den stärksten Momenten des Buches, weil sie zeigt, wie tief diese Wesen im Alltags- und Glaubensleben verankert waren. Gleichzeitig schafft Charlier immer wieder Brücken zur Gegenwart. Er macht deutlich, wie sehr Yōkai bis heute Manga, Anime und Horrorfilme prägen. Diese Verbindung wirkt nie aufgesetzt, sondern organisch, fast selbstverständlich. Man beginnt zu verstehen, warum diese Figuren so langlebig sind: weil sie etwas Zeitloses verkörpern – das Unbehagen am Unerklärlichen, die Angst vor Kontrollverlust, aber auch eine gewisse spielerische Lust am Schrecken. Für mich ist „Yōkai – Geister“ ein Buch, das man nicht einfach liest, sondern erlebt. Es eignet sich zum Schmökern, zum langsamen Entdecken, zum Wiederholen. Es ist gleichermaßen Kunstband, Sagenbuch und kulturhistorische Reise. Philippe Charlier gelingt es, eine fremde Welt zugänglich zu machen, ohne sie zu entzaubern. Am Ende bleibt das Gefühl, etwas Berührendes und zugleich Unheimliches kennengelernt zu haben – und der leise Wunsch, dieses Buch immer wieder zur Hand zu nehmen, wenn man sich dem Geheimnisvollen ein Stück näher fühlen möchte.