// szenenwechsel vol. (2)51 – „alone“

mit der Live-DVD „A Lost World – Troxy Live 2024“ von The Cure. // Diese DVD hat mich auf eine ganz eigene Weise erwischt – nicht mit einem Paukenschlag, sondern mit einem langsamen, tiefen Sog. „The Show Of A Lost World: Troxy London 2024“ ist kein gewöhnlicher Konzertfilm, sondern eher ein Zustand, den man betritt. […]

mit der Live-DVD „A Lost World – Troxy Live 2024“ von The Cure.

// Diese DVD hat mich auf eine ganz eigene Weise erwischt – nicht mit einem Paukenschlag, sondern mit einem langsamen, tiefen Sog. „The Show Of A Lost World: Troxy London 2024“ ist kein gewöhnlicher Konzertfilm, sondern eher ein Zustand, den man betritt. Wer The Cure über Jahrzehnte begleitet hat, spürt schon in den ersten Minuten, dass hier etwas Besonderes festgehalten wurde: kein nostalgischer Rückblick, keine grelle Selbstfeier, sondern ein ernstes, konzentriertes Statement einer Band, die nichts mehr beweisen muss. Der Auftritt im Troxy wirkt von Beginn an bewusst gewählt. Diese Halle, mit ihrer leicht morbiden Eleganz, passt perfekt zur Atmosphäre des Abends. Man merkt, dass es Robert Smith wichtig war, Nähe zu schaffen – keine Stadiondistanz, kein überproduzierter Bombast.

Die Kameraarbeit bleibt meist ruhig, respektvoll, fast zurückhaltend, was der Musik enorm zugutekommt. Statt schneller Schnitte bekommt man Zeit, Gesichter zu lesen, Stimmungen aufzusaugen, kleine Gesten wahrzunehmen. Gerade bei den neuen Stücken entfaltet das eine große Wirkung. Der Einstieg mit „Alone“ setzt sofort den Ton: melancholisch, schwer, aber erstaunlich klar. Die Songs aus dem „Lost World“-Zyklus wirken live noch eindringlicher als auf Tonträgern. „And Nothing Is Forever“ und „Endsong“ haben eine emotionale Tiefe, die beinahe körperlich spürbar wird. Hier steht keine Band, die ihre Vergangenheit verwaltet, sondern Musiker, die sich mit Alter, Verlust und Vergänglichkeit auseinandersetzen, ohne Pathos, ohne falsche Tröstung. Robert Smiths Stimme ist dabei nicht makellos, aber gerade das macht sie glaubwürdig. Sie trägt Spuren von Zeit – und genau das passt zu diesen Liedern. Was diese DVD für mich so stark macht, ist die kluge Dramaturgie der Setlist. Nach der düsteren ersten Hälfte öffnet sich der Abend langsam, ohne den melancholischen Kern zu verraten. Wenn „Plainsong“ einsetzt, läuft es mir jedes Mal kalt den Rücken hinunter. „Pictures of You“, „Fascination Street“ oder „Disintegration“ sind hier keine Pflichtnummern, sondern wirken wie emotionale Ankerpunkte, die Vergangenheit und Gegenwart miteinander verbinden. Besonders schön ist, wie selbstverständlich die Band zwischen Schwermut und Leichtigkeit wechselt – „In Between Days“, „Just Like Heaven“ oder „Friday I’m In Love“ fühlen sich nicht wie Zugeständnisse an, sondern wie Erinnerungen an das Licht, das es immer auch gab. Für mich ist „The Show Of A Lost World“ eine der ehrlichsten und bewegendsten Live-Veröffentlichungen von The Cure. Sie zeigt eine Band, die sich ihrer Geschichte bewusst ist, ohne sich von ihr fesseln zu lassen. Keine jugendliche Pose, kein falsches Pathos, sondern Würde, Ernsthaftigkeit und eine tiefe emotionale Offenheit. Diese DVD fühlt sich nicht an wie ein Andenken, sondern wie ein stilles Dokument über das Weitergehen – trotz allem.