mit dem Werk „Im Augenblick“ von Karl Ove Knausgard.

// Karl Ove Knausgårds großer Essayband „Im Augenblick“ öffnet ein weiteres Fenster in das Denken eines Schriftstellers, der wie kaum ein anderer die moderne Literatur geprägt hat. Auf über achthundert Seiten versammelt das Buch Reisenotizen, Reportagen, Betrachtungen zu Kunst, Philosophie, Natur und Alltag – Texte, die ursprünglich über viele Jahre hinweg in Zeitungen, Magazinen und Begleitpublikationen erschienen sind und hier erstmals in einer deutschen Gesamtausgabe zusammengeführt werden. Wer Knausgård vor allem über seine monumentare autobiografische Reihe „Min Kamp“ oder die Jahreszeitenbücher kennt, wird sich schnell zuhause fühlen: Auch hier arbeitet er mit derselben tastenden, offenen und völlig unprätentiösen Art zu denken, bei der eine Tankstelle am Rand einer russischen Straße genauso zum Ausgangspunkt einer existenziellen Frage wird wie ein Gemälde der skandinavischen Moderne oder ein Gespräch in einem albanischen Krankenhausflur.
Knausgård hat seit seinem Debüt in den 1990er-Jahren immer wieder betont, dass das Essayistische für ihn kein Nebenpfad, sondern beinahe der Kern seines Schreibens sei. Geboren 1968 in Oslo und aufgewachsen an der norwegischen Küste, bewegte er sich früh zwischen Literatur, Musik und Bildender Kunst. Seine Vorbilder sind deutlich spürbar: der Drang nach Genauigkeit wie bei Proust, die Neugier auf die Welt wie bei Sebald, das unablässige Hinterfragen des eigenen Blicks. Dass er sich mit derselben Intensität einem Gespräch mit einem Unbekannten widmet wie moralphilosophischen Überlegungen zu Faust und dem Teufel, ist typisch für ihn; Grenzen zwischen Hochkultur und Alltag kennt sein Schreiben nicht. „Im Augenblick“ zeigt Knausgård als Reisenden, der immer mit einem Bein in der Beobachtung und mit dem anderen in der Selbstbefragung steht. Die amerikanische Prärie wird ihm zur Bühne eines Nachdenkens über Freiheit, Einsamkeit und Landschaft; die skandinavische Malerei zum Spiegel einer nordischen Seele, die Licht, Einsamkeit und Weite verhandelt; der Tod zu einem wiederkehrenden Prüfstein für die Frage, was es heißt, ein Mensch zu sein. Und selbst wenn er über das Kreative schreibt – über die Bedingungen von Inspiration, über das Ringen um Form und Wahrheit –, entsteht nie etwas Abgehobenes. Knausgård bleibt bei der ungeschönten, geradezu demütigen Genauigkeit dessen, der sich weigert, das Leben schöner erscheinen zu lassen, als es ist. Der Band führt durch mehrere Jahrzehnte seines Denkens und Schaffens und lässt spüren, warum Knausgård weit über den skandinavischen Raum hinaus zu einer Art literarischem Fixpunkt geworden ist: Er schreibt nicht aus der Haltung des Wissenden, sondern aus der des Suchenden. Alles kann für ihn Bedeutung bekommen – ein Gespräch, eine Landschaft, eine Erinnerung, ein Kunstwerk –, solange der Blick offen bleibt. „Im Augenblick“ ist deshalb nicht nur eine Sammlung brillanter Essays, sondern ein Kompass für jene leisen, oft übersehenen Momente, in denen sich das Große im Kleinen zeigt und die Welt für einen Augenblick klarer wird.
UND WAS NUN?