// zuckerbeat vol. (6)65 – „rebel queens“

mit dem Werk „Rebel Queens“ von Kersty Grether und Sandra Grether. // Kersty Grether und Sandra Grether haben mit „Rebel Queens. Frauen in der Rockmusik“ ein Buch vorgelegt, das längst überfällig war – und das nun genau zur richtigen Zeit erscheint. Dieses Werk ist kein bloßes Nachschlagebuch, keine lose Sammlung von Biografien, sondern eine leidenschaftliche, […]

mit dem Werk „Rebel Queens“ von Kersty Grether und Sandra Grether.

// Kersty Grether und Sandra Grether haben mit „Rebel Queens. Frauen in der Rockmusik“ ein Buch vorgelegt, das längst überfällig war – und das nun genau zur richtigen Zeit erscheint. Dieses Werk ist kein bloßes Nachschlagebuch, keine lose Sammlung von Biografien, sondern eine leidenschaftliche, kluge und hochpolitische Kulturgeschichte der Rockmusik aus weiblicher Perspektive. Ein Buch, das nicht bittet, gehört zu werden, sondern sich seinen Platz nimmt. Was sofort auffällt: Die Autorinnen schreiben aus dem Inneren der Popkultur heraus. Man spürt auf jeder Seite, dass hier zwei Stimmen sprechen, die Rockmusik nicht nur studiert, sondern gelebt haben – als Fans, Journalistinnen, Zeitzeuginnen, Feministinnen. Dadurch entsteht ein Ton, der selten ist: kenntnisreich, analytisch, aber niemals akademisch trocken. Rebel Queens liest sich wie ein Gespräch mit zwei Menschen, die genau wissen, wovon sie reden – und die gleichzeitig bereit sind, ihre eigenen Mythen zu hinterfragen. Die mehr als vierzig Porträts spannen einen weiten, bewusst nicht linearen Bogen: von Ikonen wie Tina Turner, Patti Smith oder Joni Mitchell bis zu zeitgenössischen Stimmen wie Billie Eilish, Taylor Swift oder Phoebe Bridgers.

Dabei geht es nie um bloße Karrierechroniken. Jede Musikerin wird als Teil eines größeren Systems betrachtet – eines Systems, das Frauen jahrzehntelang marginalisiert, sexualisiert, übersehen oder gegeneinander ausgespielt hat. Besonders stark ist das Buch dort, wo es unbequeme Fragen stellt. Warum wurden manche Künstlerinnen gefeiert, während andere zerrieben wurden? Warum galten Yoko Ono oder Karen Carpenter lange als „Problemfälle“ ihrer Zeit? Und was passiert, wenn eine Künstlerin wie PJ Harvey sich ästhetisch oder politisch weiterentwickelt – und plötzlich nicht mehr in die Erwartungen passt, die an sie herangetragen werden? Die Autorinnen scheuen keine Ambivalenzen. Sie verteidigen nicht blind, sie analysieren, widersprechen, ordnen ein. Ein zentrales Motiv des Buches ist Weitergabe: musikalisch, ästhetisch, politisch. Die Frage „Wäre Phoebe Bridgers ohne Joni Mitchell denkbar?“ ist dabei mehr als ein netter Gedanke – sie steht exemplarisch für ein weibliches Rock-Erbe, das lange unsichtbar gehalten wurde. Rebel Queens macht diese Linien sichtbar: Einflüsse, Vorbilder, Abgrenzungen, Brüche. Rockmusik erscheint hier nicht als männlich dominierte Abfolge von Genies, sondern als Netzwerk von Stimmen, die sich gegenseitig stärken, herausfordern oder bewusst ablehnen. Große Stärke des Buches ist auch sein feministischer Blick ohne Dogma. Feminismus wird hier nicht als starre Ideologie verstanden, sondern als lebendige, manchmal widersprüchliche Praxis. Eine Künstlerin darf widersprüchlich sein, unbequem, sogar scheitern – ohne ihren Wert zu verlieren. Genau diese Haltung macht das Buch so glaubwürdig und zeitgemäß. Die zahlreichen Interviews, Abbildungen und die begleitende Playlist erweitern das Leseerlebnis spürbar. Man liest nicht nur, man hört mit, erinnert sich, entdeckt neu. Immer wieder möchte man das Buch zur Seite legen, einen Song auflegen, zurückkommen – ein Zeichen dafür, wie sehr Text und Musik hier miteinander verschränkt sind. Rebel Queens ist damit weit mehr als ein „Standardwerk“. Es ist eine Würdigung, ein Gegennarrativ und ein Werkzeug: für Leserinnen, die sich wiederfinden wollen; für Leser, die verstehen möchten; für eine Popgeschichte, die endlich vollständiger erzählt wird. Dieses Buch gehört in jedes Regal, in dem Rockmusik ernst genommen wird.