// presswerke vol. (2)85 – „wenn es liebe ist“

mit der neuen Vinyl-LP von Die Sterne. // „Wenn es Liebe ist“ markiert für Die Sterne einen jener seltenen Momente, in denen sich Kontinuität und Erneuerung nicht widersprechen, sondern gegenseitig befeuern. Die Hamburger Band, seit Jahrzehnten eine feste Größe des deutschsprachigen Indiepop, klingt hier so wach, als hätte sie gerade erst begonnen – und zugleich […]

mit der neuen Vinyl-LP von Die Sterne.

// „Wenn es Liebe ist“ markiert für Die Sterne einen jener seltenen Momente, in denen sich Kontinuität und Erneuerung nicht widersprechen, sondern gegenseitig befeuern. Die Hamburger Band, seit Jahrzehnten eine feste Größe des deutschsprachigen Indiepop, klingt hier so wach, als hätte sie gerade erst begonnen – und zugleich so souverän, als müsse sie niemandem mehr etwas beweisen. Das Album greift viele der vertrauten Sterne-Tugenden auf: die tänzelnden Bassläufe, die präzise Rhythmik, Frank Spilkers unverwechselbare Art, Alltagsbeobachtung, Ironie und politisches Bewusstsein ineinander zu verschieben. Doch Wenn es Liebe ist ruht sich darauf nicht aus. Stattdessen öffnet es den Sound spürbar. Post-Punk-Anleihen schärfen die Kanten, englischsprachige Songs irritieren angenehm die Erwartungshaltung, und mit Dyan Valdés am Leadgesang auf zwei Stücken entstehen neue Perspektiven innerhalb des Bandgefüges.

Es wirkt weniger wie ein Experiment um des Experiments willen, sondern wie ein selbstverständlicher Schritt nach vorn. Auffällig ist der energetische Grundton der Platte. Viele Songs tragen eine Dringlichkeit in sich, die an frühe Rock’n’Roll-Gesten erinnert, ohne retro zu wirken. Besonders deutlich wird das in „Ich nehme das Amt nicht an“, dessen wuchtiges Riff und treibender Beat tatsächlich an Figuren wie T. Rex oder Jack White denken lassen. Spilkers Begriff vom „Riff-Rock“ trifft es gut: Die Musik ist direkt, körperlich, fast trotzig – ein Sound, der sich weigert, glatt oder gefällig zu sein. Inhaltlich zeigt sich hier einmal mehr die große Stärke der Sterne: gesellschaftliche Entwicklungen nicht platt zu kommentieren, sondern sie sprachlich zu sezieren. Wenn es Liebe ist kreist um Gegenwartserfahrungen, um Diskursverhärtung, um den Verlust von Argumenten und die gefährliche Attraktivität des Irrationalen. Spilker schreibt scharf, humorvoll und mit jener beiläufigen Präzision, die erst im Nachhall ihre ganze Wucht entfaltet. Die Texte wirken nie belehrend, sondern wie kluge Störungen im Strom des Alltäglichen. Gleichzeitig erlaubt sich das Album Leichtigkeit. Zwischen politischer Schärfe und intellektueller Beobachtung blitzen immer wieder Melodien auf, die tragen, Momente von Pop im besten Sinne: offen, einladend, emotional. Der Titel Wenn es Liebe ist schwingt dabei bewusst vieldeutig – als Frage, als Behauptung, als tastender Versuch, in einer brüchigen Welt noch verbindende Kräfte auszumachen. So klingt dieses Album tatsächlich weniger nach einer weiteren Station in einer langen Diskografie als nach einem Neuanfang aus Erfahrung heraus. Die Sterne zeigen sich hier pointiert, neugierig und kompromisslos gegenwärtig – eine Band, die ihre Sprache kennt, sie aber weiterentwickelt, weil Stillstand keine Option ist.