// presswerke vol. (2)86 – „selling a vibe“

mit der neuen Vinyl-LP von The Cribs. // „Selling A Vibe“ wirkt wie ein bewusst gesetzter Haltepunkt in der langen Geschichte von The Cribs – nicht als Rückblick, sondern als selbstbewusste Standortbestimmung. Nach über zwanzig Jahren Bandgeschichte, zahllosen Touren, Brüchen, Wiederannäherungen und neun vorangegangenen Alben klingt dieses Werk nicht müde oder nostalgisch, sondern erstaunlich konzentriert […]

mit der neuen Vinyl-LP von The Cribs.

// „Selling A Vibe“ wirkt wie ein bewusst gesetzter Haltepunkt in der langen Geschichte von The Cribs – nicht als Rückblick, sondern als selbstbewusste Standortbestimmung. Nach über zwanzig Jahren Bandgeschichte, zahllosen Touren, Brüchen, Wiederannäherungen und neun vorangegangenen Alben klingt dieses Werk nicht müde oder nostalgisch, sondern erstaunlich konzentriert und vital. Es ist ein Album, das aus Erfahrung spricht, ohne sich von ihr erdrücken zu lassen. Die Brüder aus Wakefield haben ihre Musik immer aus einer familiären Spannung heraus entwickelt: Nähe und Reibung, Loyalität und Eigenwilligkeit. Diese Dynamik war stets hörbar, auch wenn sie selten explizit benannt wurde. Genau hier setzt Selling A Vibe an. Zum ersten Mal wird diese Verbindung nicht nur gelebt, sondern thematisiert. Die Songs kreisen um Familie als emotionalen Resonanzraum – als Ort von Verletzung, Heilung, Halt und Widerstand. Nicht sentimental, sondern rau und ehrlich, so wie man es von dieser Band erwartet. Produziert von Patrick Wimberly, der sonst zwischen MGMT, Caroline Polachek und experimentellem Pop pendelt, bekommt der Cribs-Sound eine neue Klarheit, ohne seine Kantigkeit zu verlieren.

Die Gitarren sind bissig und direkt, die Rhythmen drängend, der Gesang leidenschaftlich und ungeschönt. Gleichzeitig öffnet sich die Musik subtil: Melodien atmen mehr, Arrangements lassen Raum, ohne an Energie einzubüßen. Es ist ein kontrollierteres, aber keineswegs gezähmtes Album. Inhaltlich markieren die Texte einen Reifeprozess. Wo frühe Cribs-Platten stark von individueller Wut, Unsicherheit und Selbstbehauptung geprägt waren, weitet sich der Blick nun auf kollektive Erfahrungen. Krankheit, gegenseitige Fürsorge, das Getragensein von anderen – all das fließt in die Songs ein. Familie erscheint nicht als romantische Idee, sondern als etwas Konkretes, manchmal Belastendes, letztlich aber Unverzichtbares. Dass diese Erkenntnis nicht pathetisch wirkt, liegt an der schnörkellosen Sprache und der körperlichen Direktheit der Musik. Selling A Vibe ist dabei kein leiser Rückzug ins Private, sondern eines der energetischsten Alben der Band. Live gedacht, körperlich, schweißtreibend – und doch emotional offener als vieles zuvor. Man spürt, dass hier eine Band spielt, die ihre innere Verbindung nicht mehr beweisen muss, sondern aus ihr heraus agiert. Die oft beschworene Brüderlichkeit ist kein Mythos mehr, sondern Material. So steht Selling A Vibe am Ende als ein Album, das Vergangenheit und Gegenwart zusammenführt, ohne stehen zu bleiben. Es zeigt The Cribs als Band, die sich weiterentwickelt hat, ohne ihre Identität zu verlieren – gereift, aber ungebrochen, persönlich, aber laut. Ein Werk, das nicht nur eine Phase dokumentiert, sondern eine Haltung: zusammenzuhalten, wenn es darauf ankommt, und genau daraus neue Kraft zu ziehen.