// aufgelesen vol. (6)56 – „schleifen“

mit dem Werk „Schleifen“ von Elias Hirschl. // Elias Hirschl ist einer dieser seltenen Autoren, bei denen man schon nach wenigen Seiten weiß: Hier denkt jemand anders, und er traut sich, diesen Gedanken bis zum Ende zu folgen. Schleifen ist ein Roman, der genau daraus seine Energie bezieht – aus einer Lust am Denken, am […]

mit dem Werk „Schleifen“ von Elias Hirschl.

// Elias Hirschl ist einer dieser seltenen Autoren, bei denen man schon nach wenigen Seiten weiß: Hier denkt jemand anders, und er traut sich, diesen Gedanken bis zum Ende zu folgen. Schleifen ist ein Roman, der genau daraus seine Energie bezieht – aus einer Lust am Denken, am Sprachspiel, am Überschreiten dessen, was ein Roman „dürfen“ soll. Nach Content wirkt dieses Buch noch konzentrierter, noch ambitionierter, aber zugleich erstaunlich zugänglich. Im Mittelpunkt steht Franziska Denk, ein Kind mit einer ebenso absurden wie tief beunruhigenden Krankheit: Alles, wovon sie hört oder liest, manifestiert sich körperlich an ihr. Symptome sind ansteckend, Worte gefährlich. Schon dieser Ausgangspunkt macht klar, wie radikal Hirschl Sprache ernst nimmt. Worte sind hier keine neutralen Werkzeuge, sondern Wirkkräfte, fast physische Entitäten. Dass Franziska ausgerechnet im Umfeld des Wiener Kreises aufwächst – jenem historischen Epizentrum der Sprachlogik, Philosophie und Wissenschaft – ist kein Zufall, sondern eine elegante Verankerung des Romans im intellektuellen Untergrund des 20. Jahrhunderts.

Die Begegnung mit dem Mathematiker Otto Mandl verleiht der Geschichte emotionale Tiefe. Zwischen den beiden entsteht eine Beziehung, die weniger romantisch als existenziell ist: eine Seelenverwandtschaft, die sich über Sprache, Formeln, tote Sprachen und obsessive Präzision definiert. Die Idee, sich mithilfe alter, „toter“ Wörter gegen die Gewalt der Gegenwartssprache zu immunisieren, ist nicht nur brillant, sondern auch erstaunlich berührend. Sprache wird hier Schutzraum und Bedrohung zugleich. Was Schleifen so besonders macht, ist sein Ton. Hirschl schreibt klug, verspielt, manchmal bewusst überdreht, aber nie selbstverliebt. Er erlaubt sich Abschweifungen, Gedankensprünge, Schleifen eben – und genau darin entsteht der Reiz des Romans. Immer wieder kippt etwas, das zunächst wie eine abstrakte Idee wirkt, plötzlich in emotionale Wahrheit. Man lacht, denkt, stolpert – und merkt erst später, wie sehr einen das Gelesene beschäftigt. Der Roman ist durchzogen von der Frage, wie sehr Sprache unser Denken, unser Fühlen, unser Kranksein und Gesundwerden bestimmt. Hirschl führt diese Frage nicht didaktisch vor, sondern erzählerisch, spielerisch, mit Lust am Paradox. Das Unglaubliche wird wahr, das Unwahrscheinliche plausibel, und das Erfundenste fühlt sich plötzlich erschreckend real an. Genau hier liegt seine große Stärke: Er vertraut darauf, dass Literatur nicht erklären muss, sondern erfahrbar macht. Trotz seiner intellektuellen Dichte ist Schleifen kein verkopftes Buch. Es macht Spaß, im besten Sinn. Man spürt die Freude des Autors am Erzählen, am Übertreiben, am Gedankenspiel. Gleichzeitig bleibt immer ein leiser Ernst: die Ahnung, dass Sprache nicht nur Spiel ist, sondern Macht, Struktur, Grenze. Schleifen ist ein großer Ideenroman, ja – aber vor allem ist es ein zutiefst menschliches Buch über Nähe, Besessenheit und den Wunsch, die Welt durch Worte kontrollierbar zu machen. Elias Hirschl zeigt hier eindrucksvoll, warum er zu den eigenständigsten Stimmen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur zählt. Ein Roman, der sich nicht glatt lesen lässt – aber lange nachhallt.