mit dem Werk „Half His Age“ von Jeanette McCurdy.

// Jennette McCurdy legt mit Half His Age einen Roman vor, der weh tut, provoziert, zum Lachen zwingt – und einen dabei immer wieder ertappt. Wer nach ihrem Memoir I’m Glad My Mom Died glaubt, bereits zu wissen, wie kompromisslos sie schreiben kann, wird hier eines Besseren belehrt: Dieser Text ist noch roher, literarischer, riskanter. Und genau darin liegt seine Stärke. Im Zentrum steht Waldo, eine junge Frau voller widersprüchlicher Sehnsüchte, scharf beobachtend, verletzlich und zugleich gnadenlos ehrlich – vor allem sich selbst gegenüber. Ihre Obsession mit Mr. Korgy, dem deutlich älteren Dozenten für kreatives Schreiben, ist nicht romantisch verklärt, sondern schmerzhaft seziert. McCurdy interessiert sich nicht für die vertraute Skandalmechanik einer „unangemessenen Beziehung“, sondern für das Innenleben einer Frau, die begehrt, obwohl – oder gerade weil – sie weiß, dass dieses Begehren sie klein machen könnte. Was diesen Roman so eindringlich macht, ist seine Weigerung, einfache moralische Antworten zu liefern. Waldo ist keine Sympathieträgerin im klassischen Sinn.
Sie ist needy, wütend, ironisch, übergriffig, selbstzerstörerisch, brillant. McCurdy erlaubt ihr all diese Facetten und entzieht sich damit bewusst jeder didaktischen Lesart. Stattdessen zeigt sie, wie Macht, Klassenunterschiede, kulturelles Kapital und emotionale Vernachlässigung ineinandergreifen – und wie sehr „gesehen werden“ ein existenzielles Bedürfnis sein kann. Stilistisch ist Half His Age schnell, messerscharf und durchzogen von einem Humor, der nie entlastet, sondern eher schneidet. Die Dialoge wirken fast beiläufig und treffen dennoch präzise. Besonders stark sind die Passagen, in denen McCurdy das Internet, Konsum und Selbstoptimierung als permanente Hintergrundkulisse einer Generation beschreibt, die gelernt hat, sich selbst als Produkt zu begreifen – auch im Begehren. Waldo analysiert sich unablässig, ohne sich dadurch retten zu können. Genau das macht sie so glaubwürdig. Bemerkenswert ist auch, wie subtil der Roman Fragen nach Verantwortung verhandelt. Mr. Korgy wird weder dämonisiert noch entschuldigt. Vielmehr entsteht ein Spannungsfeld, in dem sich Leserinnen und Leser permanent neu positionieren müssen. Wer nutzt hier wen? Wo beginnt Macht, wo endet Selbstbestimmung? Und warum sehnen wir uns so oft nach Menschen, die uns strukturell nicht guttun können? Half His Age ist kein Wohlfühlroman, keine moralische Parabel und kein leicht konsumierbarer Zeitgeisttext. Es ist ein Buch, das sich festsetzt, das Unbehagen erzeugt und lange nachwirkt. McCurdy beweist hier endgültig, dass sie weit mehr ist als eine ehemalige Kinderstar-Autorin mit einer spektakulären Lebensgeschichte. Sie ist eine ernstzunehmende literarische Stimme – klug, mutig und bereit, dorthin zu gehen, wo es unangenehm wird. Ein Roman über Begehren und Einsamkeit, der nicht tröstet, sondern aufdeckt. Und genau deshalb so stark ist.
UND WAS NUN?