// aufgelesen vol. (6)58 – „sperrgut“

mit dem neuen Werk von Sophia Merwald. // Mit Sperrgut legt Sophia Merwald ihr Romandebüt vor – und bereits im Vorfeld wird deutlich, dass hier mehr entsteht als eine weitere literarische Milieustudie. Die Alfred-Döblin-Preisträgerin 2025 entwirft eine Utopie am Rand der Gesellschaft, die zugleich poetisch überhöht und erschreckend real wirkt. Der Titel ist dabei programmatisch: […]

mit dem neuen Werk von Sophia Merwald.

// Mit Sperrgut legt Sophia Merwald ihr Romandebüt vor – und bereits im Vorfeld wird deutlich, dass hier mehr entsteht als eine weitere literarische Milieustudie. Die Alfred-Döblin-Preisträgerin 2025 entwirft eine Utopie am Rand der Gesellschaft, die zugleich poetisch überhöht und erschreckend real wirkt. Der Titel ist dabei programmatisch: „Sperrgut“ bezeichnet das, was aus dem geordneten Kreislauf des Alltags aussortiert wird – zu sperrig, zu unpraktisch, nicht mehr passend. Genau diesen Blick richtet der Roman auf Menschen, Lebensentwürfe und Orte, die im Raster städtischer Planung keinen Platz mehr haben. Im Zentrum steht Kristalloma, eine Figur, die beinahe mythische Züge trägt. Eigenhändig errichtet sie auf einer Industriebrache ein Haus – das Lusthansa –, das zunächst Schutzraum für wohnungslose Frauen ist. Aus improvisierter Architektur wächst eine Gemeinschaft, die nicht auf Besitz, sondern auf Fürsorge und geteilter Verantwortung basiert. Jahre später leben hier mehrere Generationen unter einem selbstgebauten Dach: die Freundinnen Maj und Stevie, ihr Vater, dessen Frau Linde, dazu Bruno an Kristallomas Seite. Man teilt Paprikasuppe, schaut gemeinsam Astro-TV, streitet, versöhnt sich, hält zusammen.

Das Lusthansa ist kein perfekter Ort, aber ein gelebter Gegenentwurf zur Vereinzelung. Merwald interessiert dabei weniger die romantische Verklärung des Ausstiegs als die Fragilität solcher Räume. Die Stadt existiert stets in unmittelbarer Nähe – als Macht, als Verwaltung, als Abrissbescheid. Wenn das Lusthansa um seine Existenz kämpfen muss, wird deutlich, wie prekär selbstbestimmte Strukturen bleiben, sobald sie in Konflikt mit ökonomischen Interessen geraten. Die Utopie ist hier kein fernes Ideal, sondern ein Provisorium, das täglich verteidigt werden muss. Formal spiegelt der Roman diesen Schwebezustand. Merwalds Sprache gilt als lyrisch-verspielt, zugleich präzise und scharf in der Beobachtung. Surreale Momente mischen sich mit Alltagsdetails, Humor mit Verletzlichkeit. Figuren tragen sprechende Namen, Szenen kippen ins Absurde, nur um im nächsten Moment eine große emotionale Wahrhaftigkeit freizulegen. Diese stilistische Eigenwilligkeit macht Sperrgut zu einem Text, der sich einfachen Zuordnungen entzieht – zwischen Sozialroman, poetischer Utopie und Generationenerzählung. In einem literarischen Umfeld, das sich zunehmend mit Fragen von Wohnraum, Gentrifizierung und Gemeinschaft auseinandersetzt, setzt Merwald einen eigenständigen Akzent. Ihr Blick ist weder rein anklagend noch nostalgisch. Stattdessen fragt der Roman, was bleibt, wenn offizielle Strukturen versagen – und welche Formen von Nähe entstehen können, wenn Menschen sich selbst organisieren. So wird Sperrgut zu einer Geschichte über Widerstand und Zärtlichkeit, über das Recht auf Raum und die Kraft des Zusammenhalts. Ein Debüt, das nicht nur eine alternative Gemeinschaft entwirft, sondern auch eine eigene literarische Stimme etabliert.